Lebensmittel für einen Euro

7. April 2015
  • Journal
  • Armut und Arbeit
  • Menschenwürdiges Existenzminimum

Für einen Euro gibt es in der Passionskirche Lebensmittelkisten für Bedürftige. "Gesünder kann man sich damit schon ernähren," meint Gabi Bormann, Managerin von Laib und Seele in der Kirche – aber man muss wissen, wie.

Lebensmittelkisten
© Diakonie/Hanne Bohmhammel

Viele Lebensmittel in der Kiste sind Bio – aber sie müssen schnell gegessen werden.

Kirche, ein sakraler Ort. Nicht heute. Donnerstag morgen, halb zwölf, Ende März, draußen regnet es. Hier, in der Passionskirche in Berlin-Kreuzberg, sitzen etwa hundert Menschen verteilt über die Kirchenbänke, manche laufen durch die Gänge. Einkaufstrollis verlieren sich zwischen großen, gelben Netto-Tüten und Kinderwägen. Über dem Altarkreuz auf der Empore steht eine gigantische Orgel, deren Pfeifen heute nicht klingen werden. Stattdessen ist der Raum erfüllt von Stimmen: Russisch, Deutsch, Türkisch, Arabisch.

Seit zehn Jahren geht donnerstags in der Passionskirche die Post ab. Und seit zehn Jahren managet Gabi Bormann den Betrieb von Laib und Seele. Die kleine, quirlige Frau kennt die meisten der knapp hundert Leute, die auf ihre Lebensmittelkisten warten. Sie kennt ihre 30 freiwilligen Mitarbeiter, den Pfarrer, den Inhalt jeder Kiste, die Regeln, nach welchen abgelaufene Lebensmittel noch vergeben werden dürfen. Um ihren Hals hängen die Schlüssel zu den Kirchenräumen und Containern. In ihrem Kopf befinden sich die Fahrpläne für 15 Supermärkte, die Mittwochnachmittag und Donnerstagfrüh von Ehrenamtlichen angefahren werden, um die dort gespendeten Lebensmittel abzuholen.

Nahrungsmittel als Ergänzung

Einfach ist das nicht. Für niemanden. Für Gabi nicht, und erst Recht nicht für die Leute, die hier sitzen und warten. Sie leben von Hartz IV, von Geldern des Asylbewerberleistungsgesetzes oder von Spenden auf der Straße. Seit halb elf warten sie schon, um zwölf beginnt die Lebensmittelausgabe. "Die Nahrungsmittel, die die Bedürftigen für einen Euro erhalten, sollen keine Grundlage sein, sondern ein Zusatz zur normalen Ernährung", meint Gabi. "Wir wollen nicht das Sozialsystem ersetzen." Ab halb elf können die Menschen ihren Hartz IV-Bescheid vorlegen, einen symbolischen Euro zahlen und dann eine Nummer zwischen eins und hundert ziehen.

Avniye Schimmelpfennig hat Nummer acht gezogen, "ein Glück, denn die Verteilung der Lebensmittel ist nicht fair. Wer eine hohe Nummer hat, muss ganz oft in die Röhre schauen", meint sie. Damit hat auch Managerin Gabi Bormann zu kämpfen, denn "wenn es nur 40 Joghurts gibt, wer kriegt die dann? Vielleicht kann ich sie mit den 60 Körbchen Erdbeeren zusammen tun. Dann müssen sich die Leute entscheiden: Erdbeeren oder Joghurt? Aber was, wenn Nummer 97 eine Laktose-Intoleranz hat und alle Erdbeeren schon weg sind? Oder noch schlimmer: Was ist, wenn an diesem Tag hundertzwanzig statt hundert Menschen kommen?

Hilfe bei gesunder Ernährung

50 Prozent der Nahrungsmittel, die hier landen, sind Bio. Alnatura von der Straßenseite gegenüber spendet, Demeter und die LPG auch. Trotzdem, "die gesunde Ernährung steht und fällt mit den Mitarbeitern, die die Lebensmittel verteilen", so Bormann. Denn die, die hier Lebensmittel abholen, können sich aus jeder Kiste das nehmen, was sie möchten. "Und viele von ihnen können eben mit Roter Beete oder Wirsing nichts anfangen. Dann müssen die ehrenamtlichen Mitarbeiter schon schnell mal ein Rezept parat haben." Bormann glaubt, dass sie und ihre Mitarbeiter den Umgang mit Lebensmitteln nicht verändern können, aber zum Umdenken bewegen. "Mittlerweile ist das Vollkornbrot als erstes weg, das war vor fünf Jahren nicht so."

Avniye Schimmelpfennig hat kein Problem damit, ihren Namen als Bedürftige in der Zeitung zu finden. Sie ist froh, dass es so etwas wie Laib und Seele gibt. Hier sitzt sie donnerstags nicht nur als Lebensmittelempfängerin, sondern auch als Vermittlerin, schon seit sechs Jahren: "Es gibt oft kleine Geplänkel, manche haben Probleme mit dem Vermieter, aber verstehen die Briefe nicht, andere merken, dass sie vergesslich werden, aber wissen nicht, was ein Neurologe ist. Ich versuche, allen zu helfen."  Sie spricht neben Deutsch auch Türkisch, außerdem ist sie konvertierte Christin.

Ob Christin oder nicht spielt für die Lebensmittelausgabe allerdings keine Rolle. Hier sitzen viele Muslime, aber vor allem Atheisten. Interkulturell? Nein, so würde das Pfarrer Brodt-Zabka nicht beschreiben. "Hier wird die christliche Glaubensbotschaft verkündet. Wenn auch manchmal nur im weitesten Sinne." So wie um kurz vor zwölf. Da tritt Pfarrer Brodt-Zabka in Jeans und Hemd auf die oberste Treppenstufe, ohne Talar, ohne Bibel. Später wird der junge Pfarrer sagen, "das sei eine Gratwanderung", nämlich diejenige zwischen christlicher Glaubensverkündigung und einem annehmbaren Zuspruch für Menschen, die wahrscheinliches vieles sind, aber keine gläubigen Christen. Er macht seine Sache gut.

Alle sind willkommen

Es wird leiser, ein paar flüstern, die meisten hören zu: "Wird's besser? Wird's schlimmer?" beginnt Brodt-Zabka "seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich." In den folgenden fünf Minuten redet er nicht von Einsamkeit, nicht von finanziellen Nöten und nicht von gesunder Ernährung, er spricht darüber, worüber alle sprechen: Über die Stadt Haltern, über den Flugzeugabsturz, über Tod, über die Verletzbarkeit des Menschen. Und ganz zum Schluss, beim Segen, kommt Brodt-Zabka auf Gott zu sprechen: "Fürchte dich nicht, sondern lebe, denn ich bin bei dir." Und dann, dann schwingt durch diese Kirchenbänke, um alle Körper ein Moment, den viele Kirchen inne haben: Gemeinsame Ruhe. Die Glocken läuten, aber kein Kind schreit, niemand flüstert. Jeder ist bei sich – und niemand ist allein.

"Vielen Menschen, die hier her kommen, gibt Laib und Seele eine Wochenstruktur, einen Tag, an dem sie auf jeden Fall etwas unternehmen", meint Gabi Bormann. "Viele Menschen sind psychisch labil.", ergänzt der junge Pfarrer. Es hieße nicht umsonst Laib und Seele. Wir wollen den Menschen auch seelisch weiterhelfen." Denn kein Apfel, keine Birne, kein gesundes Gemüse wiegt es auf, den Menschen in die Augen zu schauen.

Unter der Empore rechts herrscht jetzt reges Treiben. An einem langen Tisch in L-Form werden die ersten Lebensmittel verteilt. Ganz vorne warten allein 15 Kisten Brot, das meiste handgemacht von Bäckern, dahinter geht es weiter: Broccoli, Radieschen, Blattsalat, Paprika, Tomaten, Kohlrabi, Karotten, Kartoffeln, Wirsing, Orangen, Grapefruit, Bananen, Erdbeeren, Mango, Milch, Joghurt, Wurst, Käse, Shampoo, Apfelbaumsprösslinge und zum Abschluss hundert Stücke Kuchen.

"Zuerst sind die Behinderten dran, die müssen keine Nummern ziehen.", erklärt Avniye Schimmelpfennig. Wir sitzen in der dritten Reihe, die alte Dame neben uns hat Nummer 98 gezogen. Au weia. Etwa zwanzig Personen laufen nun die Tische entlang und stecken die Lebensmittel, die sie haben möchten, in ihre Tüten. "Manche trauen sich auch nicht, bei etwas Nein zu sagen, weil sie sich schämen, etwas nicht anzunehmen", meint Schimmelpfennig. "Bei einer schwarzen Birne, da denke ich mir auch, warum sollen wir das essen – nur weil wir Hartz IV empfangen?"

Laib und Seele wird kritisiert

Aber Gabi Bormann weiß, welches Essen sie noch vergeben kann und welches nicht, da gibt es klare und strenge Vorgaben von der Berliner Tafel. "Früher war das einfacher, da hatten wir Lebensmittel, die erst in zwei oder drei Tagen abliefen. Heute verkaufen die Supermärkte selbst die Dinge, die morgen ablaufen. Wir erhalten deshalb immer weniger brauchbare Lebensmittel. Aber das, was wir vergeben, ist noch gut. Es muss nur schnell gegessen werden, am besten noch am gleichen Tag." Außerdem weiß Pfarrer Brodt-Zabka, dass Laib und Seele in der Kritik steht, den zu niedrigen Hartz IV Satz mit Lebensmittelspenden zu unterstützen. Die, die sonst gezwungen werden, bei Discountern schlechte Nahrung zu kaufen, erhalten dann Bio bei der Lebensmittelspende. Aber andererseits "werden Lebensmittel vergeben, die sonst weggeworfen werden, obwohl sie noch essbar sind."

Laib und Seele ist kein kirchliches Projekt. Die Kirche dient als Kooperationspartner der Berliner Tafel, denn die Lebensmittel sollen dezentral verteilt werden. So müssen Leute, die wenig Geld haben, das Wenige nicht für das BVG-Ticket ausgeben, sondern können in der Kirche nebenan die Lebensmittel holen. "Zurecht", meint Pfarrer Brodt-Zabke. "denn wir sind Christen." Hier in der Kirche soll jeder Mensch willkommen sein, egal, wo er herkommt, egal, was er glaubt, egal, welche Vergangenheit er hat: "Auch hier ist ein Reich Gottes, wo es keine Unterschiede geben soll." Kirche, ein sakraler Ort. Genau heute.

Text: Diakonie/Hanne Bohmhammel

Weitere Informationen

Laib und Seele feierte 2015 seinen zehnten Geburtstag. Insgesamt gibt es 45 Ausgabestellen in allen Berliner Bezirken. Hier kann man sich als Lebensmittelhilfe-Empfänger informieren, wo sich die nächstgelegene Kirche mit einem Laib und Seele Projekt befindet. Auch Ehrenamtliche, die die Lebensmittel abholen oder am entsprechenden Tag verteilen, werden immer dringend gesucht.