Abschiebungen nach Afghanistan: "Zeugin von so viel Angst und Ohnmacht zu sein, macht die eigenen Privilegien schmerzhaft bewusst."

4. Juni 2021
  • Journal
  • Flucht und Migration

Im Rahmen einer mehrjähriger Forschung ist es der Afghanistan-Expertin Friederike Stahlmann gelungen, Erfahrungen von aus Deutschland abgeschobenen Afghanen zu dokumentieren. Die Mehrheit dieser Abgeschobenen erfuhr Gewalt gegen sich oder ihre Angehörigen, weil sie nach Europa geflohen sind, dort gelebt haben oder abgeschoben wurden. Mehr zu den Hintergründen und den Erfahrungen der Autorin im Interview.

Menschen und Fahrzeuge vor einer bewachten und gesicherten Kreuzung in Afghanistan
© Friederike Stahlmann

Seit 42 Jahren herrscht in Afghanistan Bürgerkrieg, dieser Krieg eskaliert in den letzten Jahren erneut. Der Alltag ist von einem hohen Maß an Gewalt und großer Not im Land geprägt.

Frau Stahlmann, wie kam es zu Ihrer Entscheidung, diese Studie zu machen?

Friederike Stahlmann: Wir wissen viel über die Risiken, in Afghanistan zu leben. Wenn man aber selbst nie mit Krieg, mit Verfolgung oder Not zu tun hatte, ist es schwer, diesen Alltag nachzuvollziehen. Meine Hoffnung ist, dass ich mit meiner Arbeit ein klein wenig zu dieser Vermittlung beitragen kann. Die Frage, was aus Abgeschobenen wird, ist dabei besonders, weil die Betroffenen selbst während ihrer Zeit in Deutschland noch nicht davon berichten können, wie es ist, zurückzukehren. Manche kennen Afghanistan ja noch nicht einmal, weil sie zum Beispiel als Flüchtlinge in Iran oder Pakistan aufgewachsen sind. Die anderen können oft nicht wirklich beurteilen, wie es sich auf ihr Leben dort auswirkt, dass sie in Europa waren. Gleichzeitig bestimmt die Angst vor einer Abschiebung den Alltag von den Vielen in Deutschland und Europa, die keinen Schutz erhalten haben. Umso wichtiger fand ich es, die Erfahrungen der Betroffenen zu dokumentieren.

Sie schreiben, dass Sie versuchen, asylrechtliche Interessen an diesem Thema zu berücksichtigen. Was bedeutet das?

Stahlmann: Die asylrechtliche Beurteilung von Risiken bei Rückkehr folgt eigenen und speziellen Regeln. Und das schafft oft eine besondere Lücke in der Dokumentation. Denn wenn ich zum Beispiel nur das dokumentiere, was mir Abgeschobene von sich aus über Gewalterfahrungen berichten, bleiben viele Fragen unbeantwortet, die Richterinnen und Richter mir im Laufe der letzten Jahre zu Risiken von Gewalt gestellt haben. Die Studie war ein Versuch, diese Fragen von Seiten der Justiz zumindest so gut wie möglich zu berücksichtigen. Das hat natürlich Grenzen, denn diese Fragen und Kriterien sind oft nicht einheitlich und manches scheitert einfach daran, dass vieles in der Praxis nicht so dokumentierbar ist, wie Gerichte sich das wünschen würden. Aber das ist eben auch in der Sache begründet. Ich kann schlicht kein Interview mit den Taliban führen, warum sie eine bestimmte Person umgebracht haben. Oft lässt sich schon der Tod der Betroffenen nicht belegen. Das gleiche gilt zum Beispiel für Verelendung von Abgeschobenen. 

Was haben Sie denn herausgefunden?

Stahlmann: Vieles von dem, was ich gefunden habe, ist nicht überraschend, sondern bestätigt bisherige Analysen – ob das Erwartungen von Familien an erwachsene Männer sind, als Versorger zu fungieren; dass es wohlhabende und wohlwollende soziale Netzwerke braucht, um Zugang zu Arbeit oder medizinischer Versorgung oder ein bisschen Schutz zu bekommen; das hohe Maß an Gewalt, das den Alltag prägt; aber auch übliche Gründe für Verfolgung. Auch dass die Taliban nach Europa Geflüchtete als Gegner im Krieg betrachten und als Kollaborateure und Spione verfolgen, ist ein Muster, das wir von vielen anderen kennen, die in Afghanistan mit westlichen Ausländern zu tun haben. Besonders ist, dass die Gewalt, die Abgeschobene erleben, oft auf Gerüchten und Unterstellungen beruht. Zum Beispiel, dass sie ihr Land verraten hätten, indem sie geflüchtet sind, dass sie Schutz in Europa selbst verspielt hätten, weil sie Straftäter oder Terroristen seien, dass sie wohlhabend seien, aber auch, dass sie ihre Religion verraten hätten, während sie in Europa waren. All das sorgt nicht nur für ein noch größeres Risiko von Gewalt und Verelendung. Es macht sie auch sehr isoliert und einsam. Sie haben nicht die Chance, gemeinsam Opfer zu betrauern oder im Land öffentlich für Anerkennung zu kämpfen. Statt Solidarität und Verständnis erleben sie Vorverurteilung und sozialen Ausschluss.

Haben Abgeschobene denn eine Chance, in Afghanistan Fuß zu fassen?

Stahlmann: Davon ist durch die Kombination von dem hohen Maß an Gewalt und der unglaublichen Not im Land nicht auszugehen. Es ist im internationalen Vergleich das gefährlichste Land der Welt. UNICEF rechnet damit, dass dieses Jahr jedes zweite Kind ohne Behandlung an Unterernährung sterben würde. Ich hoffe, dass niemand davon ausgeht, dass deren Eltern nicht alles dafür tun, ihre Kinder zu versorgen. Aber sie schaffen es schlicht nicht mehr und haben es auch nicht in der Hand, etwas an den Bedingungen zu ändern, den Krieg zu beenden, Verfolger zu stoppen oder skrupellose Machthaber zu entwaffnen. Abgeschobene sind dabei von einem ganz spezifischen Ausschluss und damit umso mehr von Perspektivlosigkeit betroffen. Selbst wenn private Unterstützerinnen und Unterstützer den Betroffenen Geld schicken, damit sie Verstecke bezahlen können, bietet das ja keine Perspektive. Viele von denen, die erstmal im Land bleiben, bereuen daher, dass sie nicht sofort wieder geflohen sind. Selbst manche von denjenigen, die gute Chancen haben, mit einem Visum nach Deutschland zurück zu kommen, entscheiden sich wegen der akuten Gefahren für eine erneute lebensgefährliche Flucht.

Aber es gibt Ausnahmen?

Stahlmann: Sie werden von wissenschaftlicher Seite nicht hören, dass es keine Ausnahmen geben kann. Ausnahmen lassen sich immer und überall formulieren. Das heißt in dem Fall nicht, dass irgendjemand in Afghanistan wirklich sicher wäre. Es herrscht Bürgerkrieg und die Wahrscheinlichkeit, dass die Gewalt und damit auch die Not mit dem Abzug der internationalen Truppen weiter eskalieren, ist leider sehr hoch. Einer der von mir dokumentierten Betroffenen zum Beispiel hat zwar ein existenzsicherndes Einkommen gefunden, weil er wieder bei der US-Armee angeheuert hat. Er wurde schon vor seiner Flucht nach Europa verfolgt, weil er für die USA gearbeitet hat, aber es war eben noch am sichersten, in der Kaserne zu sein. Aber das sorgt nicht für seine Sicherheit. Was jetzt mit ihm ist, wo die US-Truppen abziehen, weiß ich nicht. Der Kontakt ist abgebrochen. Grundsätzlich schützen Reichtum und Macht vor einer Vielzahl von Gefahren. Aber auch mächtige Menschen sind von spezifischen Gefahren bedroht. Man könnte aber annehmen, dass wenn der Sohn eines hochrangigen Politikers abgeschoben würde, der die Unterstützung seines Vaters hat, er einfacher außer Landes käme, wenn er in akuter Gefahr ist. Solche Beispiele lassen sich konstruieren, aber das sehe ich nicht als meine Aufgabe. Mir geht es darum zu zeigen, welche Erfahrungen die Betroffenen machen, wie bestimmte Phänomene erklärbar sind, wo es Muster gibt.

Sie beschreiben große Verzweiflung unter den Abgeschobenen, mit denen Sie in Kontakt waren. Wie war es für Sie, diese Interviews zu führen?   

Stahlmann: Zeugin von so viel Angst und Ohnmacht zu sein, macht die eigenen Privilegien schmerzhaft bewusst. Ich sitze ja sicher in meinem Zimmer in Deutschland oder konnte jederzeit aus Kabul abreisen. Dass die Betroffenen bereit waren, mir hoch persönliche, oft intime, mitunter gefährliche Informationen anzuvertrauen, obwohl sie wussten, dass ich ihnen nichts anbieten kann, was ihnen auch nur ein bisschen praktische Hilfe bieten würde, hat mich tief berührt. Was mich aber noch weit mehr beeindruckt hat, ist deren Wille, die Hoffnung auf ein ziviles, friedliches Leben nicht aufzugeben. Sie könnten auch um ihr Leben kämpfen, indem sie Waffen kaufen, indem sie sich Banden oder Milizen anschließen, und sie wären vermutlich besser geschützt, als wenn sie sich der Gewalt einer erneuten Flucht aussetzen. Sie könnten sich mit Heroin betäuben und aufgeben. Und zwei aus Deutschland Abgeschobene haben sich ja direkt nach der Ankunft das Leben genommen. Aber so viele tun das nicht, und sie tun nicht nur alles dafür, zu überleben, sondern wollen um jeden Preis eine friedliche Zukunft. Und das ist nicht auf Abgeschobene beschränkt. Dass Eltern ihre Kinder trotz der Gefahren weiter in Schulen schicken, dass so viele Menschen Verfolgung in Kauf nehmen, um ihre Meinung zu sagen, dass Menschen in Afghanistan immer weiter wählen gehen oder dass ich als Ausländerin mit so großer Herzlichkeit, so viel Humor und Fürsorge aufgenommen werde, obwohl ich nichts als ein zusätzliches Risiko mitbringe, lässt mich immer wieder sprachlos zurück. Es ist klar, dass sehr viele an der Gewalt zerbrechen. Und dieser Überlebenskampf verlangt einen hohen Preis, viele Opfer und hinterlässt Narben, bei einzelnen und in der Gesellschaft. Aber dass so viele dennoch der Gewalt trotzen und angesichts dieser vernichtenden Umstände nicht die Hoffnung aufgeben, sondern jeden Morgen aufstehen, um nach neuen Wegen zu suchen, um sich und ihre Familien irgendwie zu versorgen, macht sehr, sehr demütig.

Interview: Diakonie/Katharina Stamm