Hospiz- und Palliativversorgung: Brücken bauen für Migrantinnen und Migranten

8. Oktober 2021
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Hospizarbeit und Palliativversorgung sollen schwerstkranken und sterbenden Menschen ihre letzte Lebensphase erleichtern. Von den mehr als 21 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland – gut ein Viertel der Gesamtbevölkerung – nehmen allerdings nur verhältnismäßig wenige diese Angebote wahr. Das will das Projekt „Brückenbauer*innen Palliative Care“ der Diakonischen Werke Berlin-Stadtmitte und Köln ändern: Durch Sprach- und Kulturmittlung unterstützen die Mitarbeitenden „brückenbauend“ Menschen mit Migrationshintergrund und Fachkräfte der Hospiz- und Palliativarbeit. Hintergründe erklärt die Projekt-Koordinatorin Suphaphorn Laux.

Zwei Menschen sitzen nebeneinander und halten sich an den Händen
© Diakonie/Annette Schrader

Hospizarbeit und Palliativversorgung sollen schwerstkranken und sterbenden Menschen ihre letzte Lebensphase erleichtern. Menschen mit Zuwanderunsgeschichte nehmen die Angebote allerdings verhältnismäßig wenig wahr. Das möchte das Modellprojekt „Brückenbauer*innen Palliative Care“ ändern.

Das Projekt der „Brückenbauer*innen Palliative Care“ soll mehr Menschen mit Migrationshintergrund eine hospizliche und palliative Versorgung ermöglichen, die ihren individuellen Bedürfnissen entspricht. Gibt es Zahlen dazu, wie viele Menschen mit Migrationshintergrund hospizliche und palliative Angebote bereits nutzen?

Suphaphorn Laux: Konkrete Zahlen gibt es nicht. Es wird ja auch nicht aufgenommen, welche Zuwanderungsgeschichte oder welchen Aufenthaltsstatus man hat, wenn man im Hospiz oder in der Palliativversorgung ist – das ist in der Situation selbst erst einmal nicht relevant. Somit gibt es keine Datenerhebung, auch keine deutschlandweite Studie. Wenn man in der Praxis aber stichprobenartig schaut, zeigt sich, dass in den Bezirken, Regionen und Kommunen im Verhältnis zum Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund, die vor Ort leben, diese im Hospiz- und Palliativbereich deutlich unterrepräsentiert sind. Das sehen wir auch hier in Berlin und in Köln.

Warum nehmen Menschen mit Migrationshintergrund Angebote der Hospizarbeit und Palliativversorgung weniger wahr?

Laux: Grundsätzlich sind die Zugangsbarrieren im Hospiz- und Palliativbereich nicht anders als in anderen Bereichen des Gesundheitssystems, beispielsweise der Pflege. Da geht es um sprachliche, kulturelle und strukturelle Barrieren, um Diskriminierungserfahrung, aber auch – was wirklich ganz wichtig ist – darum, dass wenig Menschen über diese Angebote informiert sind. Der Wissenstransfer, der niedrigschwellig sein sollte, um die Personenkreise zu erreichen, ist nicht entsprechend ausgerichtet und nicht adressatengerecht. Schaut man beispielsweise Websites zu Hospiz und Palliativversorgung an, findet dort wenig Identifikation statt über Themen, die Migrantinnen und Migranten ansprechen. Es ist eben nicht einfach damit getan, Sachen zu übersetzen. Es braucht auch konkret jemanden, der das vermittelt und diesen Wissenstransfer leistet – und das in einer zugehenden, vertrauensvollen Arbeit. 

Projekt-Koordinatorin Suphaphorn Laux
© Sükran Topuz

Suphaphorn Laux ist Koordinatorin des Projekts „Brückenbauer*innen Palliative Care“.

Wie gelingt es denn, in der Hospiz- und Palliativarbeit stärker auf die Bedürfnisse von Menschen mit Migrationshintergrund einzugehen?

Laux: Die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland fordert ja grundsätzlich, dass jeder Mensch in seiner letzten Lebensphase mit seinen Vorstellungen, Wünschen und Werten respektiert wird und in Würde sterben kann. In der Ausführung sind sicherlich alle gewillt, das individuell für die Menschen umzusetzen. Man muss die Bedürfnisse und Wünsche aber auch erst einmal kommunizieren und zur Sprache bringen. Unser Ansatz ist daher: Wie können wir diese individuellen Bedürfnisse überhaupt zur Kenntnis nehmen? Das sind ganz andere Lebensgeschichten, die dahinterstecken, andere Erfahrungen, die mit reinspielen, ein anderes kulturelles Verständnis darüber, wie heimatverbunden man sich fühlt. Für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte stellt sich beispielsweise häufig die Frage der Überführung, etwa wenn der Vater gerne in seiner Heimat bestattet werden möchte. Das ist ein Thema, mit dem sich jemand, dessen Heimat in Deutschland ist, gar nicht auseinandersetzt. Es geht also vor allem um Kultursensibilität. Und das erfordert einen Prozess, ein aufeinander Zugehen, ein sich Kennenlernen und sich Öffnen.

Ilustration aus verschiedenen Menschen, die sich umarmen
© Diakonie/Francesco Ciccolella

Kultursensibilität erfordert einen Prozess, ein aufeinander Zugehen, ein sich Kennenlernen und sich Öffnen.

Wie setzt dort das Projekt „Brückenbauer*innen“ an?

Laux: Die Brückenbauerinnen kommen alle aus dem jeweiligen kulturellen Kontext, direkt aus den Communities. Sie bringen diese Kultursensibilität also von sich aus mit. Wir können natürlich nicht alle 170 Nationen Berlins abbilden, aber wir decken sozusagen ein ganz gutes Spektrum ab: Unsere Brückenbauerinnen sprechen Deutsch, Arabisch, Englisch, Französisch, Kurdisch (Sorani), Russisch, Bosnisch, Kroatisch, Serbisch, Türkisch, Vietnamesisch, Polnisch und Farsi. Einige decken auch noch andere Nationen ab, zum Beispiel die Ukraine, in der häufig Russisch verstanden und gesprochen wird.

In welchen Bereichen werden die Brückenbauerinnen und Brückenbauer geschult?

Laux: Im September sind die Schulungen der Brückenbauerinnen und Brückenbauer gestartet, die bis Februar 2022 in Vollzeit laufen. Danach gibt es weitere Fortbildungen, die Praxisphase ist auf insgesamt zwei Jahre angesetzt. In Berlin werden derzeit 13, in Köln 10 Brückenbauerinnen und Brückenbauer ausgebildet. In den 300 Ausbildungsstunden geht es um Grundlagen der Hospiz- und Palliativversorgung, das Rechtssystem und Versorgungsstrukturen, um Kommunikation, Verständnis, Identifikation. Das Thema Tod und Sterben schwingt natürlich die ganze Zeit mit. Und dann – ganz wichtig – geht es um Sprachmittlung und darum, diese konkret auf die hospizliche Arbeit abzustimmen.

Wo gibt es denn besondere Hürden in der Kommunikation, was ist in der Sprachmittlung besonders wichtig?

Laux: Sprachmittlung konkret auf den hospizlichen und palliativen Bereich abzustimmen, ist wirklich neu. Bislang gibt es zum Beispiel schon Sterbebegleitung in der Muttersprache. Die Brückenbauerinnen und Brückenbauer nutzen auch ihre Muttersprache, weil sie natürlich transferieren müssen. Gleichzeitig aber lernen sie, die medizinischen und die deutschen Begriffe und Redewendungen, die man in dem Kontext benutzt, so abzuändern, dass es zu keinem inhaltlichen „Clash“ kommt – wie so oft in der Praxis. Ein Beispiel: In manchen Kulturkreisen ist es eine Beleidigung, ganz konkret zu formulieren „Ihre Mutter wird sterben.“ – das ist etwas, was man nicht sagen sollte und darf. Da ist die Barriere nicht die Sprache oder das Verständnis an sich, sondern eher der Inhalt. Oder umgekehrt Redewendungen in der Muttersprache, beispielsweise: „Das liegt in Gottes Hand“ – Im Deutschen verstehen wir es oft so, als ergebe sich jemand seinem Schicksal, als werde nichts mehr für jemanden getan. Gemeint ist aber häufig: „Ich akzeptiere, dass ich sterbe, es ist in Ordnung so.“ Dieses Verständnis in der Sprachmittlung müssen sich die Kolleginnen und Kollegen gemeinsam erarbeiten. Denn es gibt ja kein Handbuch dazu, welche Redewendungen wo wie genutzt werden, sondern man muss aus dem Kontext heraus schauen, wie man das besser übersetzen kann. Das braucht Zeit und ein gemeinsames Herangehen. Deshalb sind in unseren Schulungen auch Praktikerinnen und Praktiker als Lehrkräfte dabei, zum Beispiel aus dem ambulanten Hospizdienst, Ärztinnen und Ärzte, aus Vereinen und Initiativen. Da geht es gegenseitig um die Frage: Warum hat die hospizliche und palliative Versorgung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bisher nicht gut funktioniert? Was brauchen wir von euch, damit es besser klappt? Und das wollen wir in der Praxis dann ausprobieren.

Die Brückenbauerinnen und Brückenbauer kommen also nicht originär aus der Hospiz und Palliativarbeit, bringen aber medizinisch-pflegerisches Wissen mit?

Laux: Genau. Die Brückenbauerinnen und Brückenbauer bilden sozusagen einen Mittelweg zwischen niedrigschwelliger und fachlicher Beratung. Sie haben fachliches Wissen über die Hospiz- und Palliativversorgung und das Gesundheitssystem an sich, benötigen aber nicht das komplexe Fachwissen im Detail. Wichtig ist, dass sie die Arbeit der Fachkräfte verstehen, um beispielsweise auch übersetzen zu können. Es ist auch für die Fachkräfte eine gute Erfahrung, jemanden zu haben, mit dem man sich austauschen kann.

Illustration aus zwei Menschen, die Vögel aus der Hand fliegen lassen
© Diakonie/Francesco Ciccolella

Die Brückenbauerinnen und Brückenbauer unterstützen in erster Linie durch Sprach- und Kulturmittlertätigkeit. Jeder Mensch soll in seiner letzten Lebensphase mit seinen Vorstellungen, Wünschen und Werten respektiert werden und in Würde sterben können.

Wie genau unterstützt eine Brückenbauerin oder ein Brückenbauer Menschen am Lebensende?

Laux: Es geht in erster Linie um Sprach- und Kulturmittlertätigkeit. Mitarbeitende in der Hospizarbeit und Palliativversorgung können auf einen Pool an Brückenbauerinnen und Brückenbauern zurückgreifen, wenn sie bei Menschen mit Zuwanderungsgeschichte auf Zugangsbarrieren stoßen. Die Brückenbauerin oder der Brückenbauer unterstützt dann nach Absprache vor Ort oder digital, etwa durch Übersetzungen. Sie machen Hausbesuche um den Menschen kennenzulernen und zu sehen, wie er lebt und was er noch bräuchte. Und das mit einem fachlichen Blick, um der Fachkraft zurückzumelden und dann gemeinsam zu schauen, was für die Familie ein gutes Angebot wäre. Gerade im hospizlichen Bereich geht es auch um kultursensible Gesprächsbegleitung oder beispielsweise die Anbindung der Familie an ehrenamtliche Unterstützung. Die Mitarbeitenden erfüllen dabei eine Brücken- und Lotsenfunktion, übernehmen aber keine regulären Tätigkeiten der Fachkräfte. Die Brückenbauerinnen und Brückenbauer können aber immer wieder hinzugezogen werden und bleiben feste Ansprechpartner für die Menschen, wenn weiterer Bedarf besteht.

Was würden Sie sich grundsätzlich für die interkulturelle Öffnung in der Hospizarbeit und Palliativversorgung wünschen?

Laux: Ein erster Schritt wäre, mehr Mitarbeitende mit transkulturellem Kontext einzustellen. Interkulturelle Öffnung muss sichtbar, spürbar und zugänglich sein für die Zielgruppe. Die bedarfsorientierte Ansprache kann nicht nur auf dem Papier erfolgen, sondern sie muss konkret umsetzbar sein. Migrantinnen und Migranten müssen aktiv in das Gesundheitssystem mit eingebunden werden - zum Beispiel, wenn in einem Hospiz eine spezielle Sprache gewünscht wird, um über Trauer, Tod und Sterben in der Muttersprache zu reden. Dann wäre es ein wichtig, eine Muttersprachlerin vor Ort zu haben, die den ersten Kontakt herstellt. Denn gerade der Zugang und das Vertrauen laufen in erster Linie über Kommunikation und vor allem auch Sichtbarkeit. Es ist nicht damit getan, nur mehr Schulungen anzusetzen. Die sind natürlich notwendig – aber wenn es niemanden gibt, der diese interkulturelle Kompetenz auch verkörpert, dann bleibt das nur theoretisch. Und das ist, was die Brückenbauerinnen und Brückenbauer auf niedrigschwellige Art tun: die interkulturelle Kompetenz voranzutreiben.

Interview: Diakonie/Sarah Spitzer