Hohe Dunkelziffer: Frauen ohne Wohnung

30. November 2017
  • Journal
  • Wohnungslosigkeit
  • Armut und Arbeit

Es kann schnell gehen Wohnung, Arbeit und geregelte Lebensumstände zu verlieren, davon weiß Stephanie Schlör zu berichten. Sie leitet das Frauenzentrum affidamento in Berlin-Neukölln. 

Stephanie Schlör
© Diakonie/Daniela Singhal

Stephanie Schlör leitet das Frauenzentrum affidamento in Berlin-Neukölln.

Frau Schlör, in ihrem Frauenzentrum betreuen Sie Frauen, die keine Wohnung haben. Wissen Sie, wie viele wohnungslose Frauen es aktuell gibt?

Stephanie Schlör: Nein, denn darüber gibt es keine verlässlichen Zahlen. Es gibt zwar allgemeine Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, die deutschlandweit von rund 100.000 wohnungslosen Frauen ausgeht. Die Dunkelziffer ist jedoch sehr hoch. Denn Frauen versuchen lange, sich so durchzuschlagen, bevor sie sich als Wohnungsnotfall begreifen und sich Hilfe holen.  

Was verstehen Sie unter einem Wohnungsnotfall?

Schlör: Es gibt viele Gründe, warum Frauen ihre Wohnung verlieren. Oft tritt ein Wohnungsnotfall nach Trennungen ein. Dabei spielt leider oft auch Gewalt eine Rolle. Oder nach Überschuldung. Die Frauen können die Miete nicht mehr zahlen, bekommen eine Räumungsklage und finde keine neue Bleibe. Die Einstiegshilfen können nicht geleistet werden, weil die Frauen keine Adresse mehr haben, oft keinen Job, Schufa-Einträge und so weiter. Viele sind mit dem Behördendschungel und dem Wohnungsmangel überfordert. Trotzdem neigen Frauen dazu, ihre Not zu vertuschen, und leben meist in "verdeckter Wohnungslosigkeit".

Was machen Frauen, die ihre Wohnung verlieren?

Schlör: Oft kommen die Frauen erst einmal bei Bekannten und Verwandten unter. Die Obdachlosenunterkünfte in Berlin sind meist überfüllt. Und die gemischtgeschlechtlichen Einrichtungen sind auch keine sichere Option für Frauen oder Frauen mit Kindern. Ebenso wenig wie das Leben auf der Straße: Den meisten Frauen ist bewusst, dass sie dort nur schwer überleben könnten. Deshalb suchen sie nach Alternativen. Das geht eine Weile gut, bis sie niemanden mehr finden, bei dem sie bleiben können. Wenn die Frauen zu uns kommen, sind sie oft in einer sehr schwierigen Situation und haben schon sehr viel probiert.

Wie unterstützen Sie die Frauen, die bei Ihnen Hilfe suchen?

Schlör: Das kommt natürlich auf die jeweilige Situation an. Deshalb geht es am Anfang darum, zuzuhören, um die Gesamtsituation der Frau gut einschätzen zu können. Und die richtigen behördlichen Schritte einzuleiten. Die Frauen haben unter bestimmten Umständen einen Anspruch auf Sozialhilfe, das heißt auf eine Maßnahme im SGB XII, § 67ff.. Die Wohnungslosigkeit alleine reicht für den Anspruch auf diese Maßnahme jedoch nicht aus. Es müssen auch soziale Schwierigkeiten nachgewiesen werden, die mit der Wohnungslosigkeit in Verbindung stehen. Viele Frauen sind aber mit der Beantragung überfordert. Wir unterstützen die Frauen dabei, den Antrag zu stellen. 

Frauen, die akut wohnungslos sind werden sogar als Übergangslösung in Berlin in Pensionen und Hotelzimmern untergebracht, wenn es keine Plätze in Wohnheimen mehr gibt. Das funktioniert über die Sozialämter der jeweiligen Bezirke. 

Und dort können Sie dann bleiben, bis Sie eine Wohnung gefunden haben?

Schlör: Ja. Aber diese Übergangslösung ist auch nicht unproblematisch. Meist müssen Sie sich die sanitären Einrichtungen mit Männern teilen. Und haben keine eigene Möglichkeit, um zu kochen.

Wie gehen Frauen mit ihrer Wohnungslosigkeit um? Sicherlich spielen Angst und Scham eine große Rolle?

Schlör: In der Tat haben es zum Beispiel Frauen mit Kind und Familie sehr viel schwerer, mit den Vorurteilen zu leben. Sie haben eine große Scham wegen ihrer Situation und eine noch größere Angst, erkannt zu werden. Dies betrifft ebenso sehr viele ältere obdachlose Frauen.

Wie lange unterstützen Sie die Frauen?

Das ist ganz unterschiedlich. Unsere Hilfe endet nicht, wenn wir eine neue Bleibe für die Frauen gefunden haben. Wir begleiten die Frauen auch darüber hinaus. Bis sie wirklich wieder eigenverantwortlich leben können. 

Interview: Diakonie/Daniela Singhal

Infokasten

Die affidamento gGmbH wurde 2007 gegründet. Ziel ist es, Frauen in besonderen Lebenslagen oder mit besonderen Schwierigkeiten dabei zu unterstützen, ihre Rechte durchzusetzen und handlungsfähiger zu werden.

Die Mitarbeiterinnen von Affidamento engagieren sich zudem auf der Berliner Landesebene für die Belange benachteiligter Frauen  in unterschiedlichen Arbeitsgruppen und sind Mitglieder verschiedener Initiativen und Netzwerke.