Gesunde Kita

5. Oktober 2016
  • Journal
  • Familie und Kinder

Kartoffeln, Bohnen, Gurken – in der Hamburger Kita Wackelzahn ernten die Kinder Gemüse im eigenen Garten und bereiten daraus schmackhafte Mahlzeiten.

Kinder im Garten
© Karin Dewsmarowirt

In der Kita Wackelzahn können Kinder im Garten entdecken, was sie später essen

"Ich auch schneiden!", ruft die kleine Zoe und ihre Hände rutschen dabei ungeduldig auf ihren Oberschenkeln hin und her. Der Lockenkopf kniet mit den anderen Krippenkindern und der Erzieherin vor drei Blumentöpfen mit frischer Kresse. Erst mal aber ist Friede  dran. Sie schnippelt ein paar grüne Blättchen ab und dabei gräbt sie die Stängel aus der Erde. Den Umgang mit der Schere – für Kleinkinder eine feinmotorische Höchstleistung – muss sie erst noch üben.

Das ist aber nicht das Einzige, was sie hier in der Kita Wackelzahn im Hamburger Stadtteil Lohbrügge so lernen kann: Die Jungen und Mädchen kriegen von Anfang an mit, was zu gesundem Essen dazu gehört. Zum Beispiel, selbst gesäte Kresse für das Frühstücksbrot zu ernten. "Gesundes Aufwachsen ist für uns ein ganzheitlicher Prozess", erklärt Kitaleiter Oliver Rohloff. Der diplomierte Sozialpädagoge ist Spezialist in Umweltbildung und treibt die ökologische  Ausrichtung der Kindertagesstätte stetig voran, seit er 2002 die Leitung übernahm.

Siegel Kita ökoplus

So war die Kita Wackelzahn auch eine der ersten Kindertagesstätten, die das Zertifizierungssystem "Kita ökoplus" des Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreises Hamburg-Ost anwenden. Dieses interne Siegel unterstützt kirchliche Kitas bei ihrer ökologischen Ausrichtung. "Die Kitas können ihre eigenen Schwerpunkte setzen und müssen nicht alles auf einmal machen", sagt Projektleiterin Sylvia Hansen, die sich heute von Oliver Rohloff die Fortschritte in seinem Haus zeigen lässt. Die Kita Wackelzahn erhielt das Siegel vor fünf Jahren. "Damit der Prozess fortgeführt wird, werden die Kitas regelmäßig rezertifiziert", so Hansen. Im Moment gilt ihr Augenmerk der ökologischen Qualität des Gebäudes.

Gesundes Aufwachsen

Im hellen Treppenaufgang hängt die achtblättrige Holzblume von "Kita ökoplus" neben vielen anderen Auszeichnungen. Jede Blüte steht für einen Bereich, den das Kita-Team im Laufe der Zertifizierung den Standards angepasst hat. Neben Ernährung, Außengelände oder Spielzeug und Büro sind auch Reinigung und Abfall, Energie und Wasser, Religionspädagogik, Gebäude und regenerative Energien aufgeführt. Die Kita Wackelzahn wurde 2010 komplett umgebaut und energetisch saniert. Seitdem sorgt eine Pelletheizung für ausreichend Wärme in den gedämmten Räumen. "Für eine Solaranlage stehen zu viele Bäume auf unserem Gelände", so Oliver Rohloff. Dafür bietet die 1,3 Hektar große Fläche den Kindern aber viele Gelegenheiten sich richtig auszutoben – auch das gehört zu einem gesunden Aufwachsen dazu.

Im Schatten der Buchen und Ahornbäume rattern die Jungen und Mädchen der Elementargruppen mit Rollern, Drei- und Vierrädern über den Hof. Einige haben sich Schaufeln geschnappt und richten eine Baustelle ein – Betreten verboten!

Andere  spielen Fangen  oder  lungern in einer Ecke herum. Im Bauerngarten jätet eine Gruppe Unkraut. Es gibt auch ein Insektenhotel. Davor steht gerade Heilerzieherin Christiane Schümann mit ein paar Kindern und erklärt: "Die Wildbienen krabbeln in die kleinen Gänge hinein und legen hier ihre  Eier ab." Die Kinder staunen. Anschließend gucken sie, was Brunnenkresse, Tomaten und Salat in ihrem Beet machen.

Wissen woher das Essen kommt

"Uns ist wichtig, dass die Kinder wissen, woher unser Essen kommt", sagt Oliver Rohloff. Deshalb wachsen im Bauerngarten auch Zwiebeln und Gurken, Bohnen, Kartoffeln und Zucchini. Ausflüge auf den Markt, zum ökologischen Milchhof und zu Biobauern stehen regelmäßig auf  dem Programm. Selbstverständlich gibt es eine eigene Küche. Hier bereitet Hauswirtschaftsleiterin  Tanja Kehl mit ihren Mitarbeiterinnen jeden Tag frisches Frühstück und Mittagessen sowie eine Kleinigkeit am Nachmittag zu. Für die Mehrkosten zahlen die Eltern eine Monatspauschale von zehn Euro. "Dagegen hat sich noch kein Elternteil gewehrt", so Oliver  Rohloff. Im Gegenteil: "Bei den Neuanmeldungen ist das sogar ein Pluspunkt." Diese Mehrkosten zahlen auch finanziell schwache Familien, von denen in Lohbrügge viele leben.

Ein fühlbarer Speiseplan

Heute gibt es Bulgursalat mit Fischstäbchen und zum Nachtisch Milchshake mit Banane – alles "ökologischer Herkunft und möglichst fair gehandelt. Damit die Kinder sich schon am Morgen auf das gesunde Mittagessen freuen können, hat Tanja Kehl einen "fühlbaren Speiseplan" entwickelt. Heute liegen am Eingang des Restaurants eine Gurke, Kirschtomaten und Petersilie auf einem Silbertablett, auf einer Untertasse sind Bulgur, Salz und Pfeffer angerichtet.

Christiane Schümann hat sich drei  Vorschulkinder geschnappt und nascht mit ihnen Tomaten: "Wisst ihr,  wo die wachsen?", fragt die Erzieherin. Die schlaue Antumalen antwortet prompt: "an einer Pflanze!" Der strohblonde Bastian liebt Butterbrot mit Tomate: "Das schmeckt voll lecker!" Manchmal gehen die Vorschulkinder auch mit Christiane auf den Markt und kaufen Äpfel ein. Dann kochen sie am nächsten Tag gemeinsam Apfelmus. Natürlich mit etwas Zucker und Zimt – schmecken muss schließlich auch gesundes Essen!

Text: Constanze Bandowski