Gegen die Ohnmacht

5. Mai 2017
  • Journal

Die Diakonische Akademie für Fort- und Weiterbildung e.V. (Diakademie) bietet Weiterbildungen zum "Demokratiestifter" an - auch für Menschen mit Behinderung. Die Werkstatt "Lebensbrücke" in Sachsen ist mit dabei.

Mitarbeiterin in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung
© Sibylle Kölmel

In der "Lebensbrücke"-Werkstatt werden Mitarbeitende zu Demokratiestiftern.

Nach Werdau kommt man aus Leipzig mit der S-Bahn. Die Fahrt dauert gut eine Stunde und führt durch eine Gegend mit vielen Fabrikruinen: Einst war hier ein Zentrum der sächsischen Textilindustrie. Das komplette Gegenteil einer Ruine hingegen ist die große "Werkstatt für angepasste Arbeit Lebensbrücke" des Diakoniewerks Westsachsen, angesiedelt im Werdauer Ortsteil Langenhessen.

Gut 250 Menschen mit Behinderungen aus der näheren – oder ferneren – Umgebung haben hier, in einem 2006 gebauten Neubau, einen Arbeitsplatz in den Bereichen Metallbearbeitung, Elektromontage, Kleinteilmontage, Kabelkonfektion, Holzbearbeitung, Hausreinigung und Garten- und Landschaftspflege. Angeleitet werden sie jeweils von ausgebildeten Fachkräften. Zusätzlich gibt es, für mehrfach behinderte Menschen, einen Förder- und Betreuungsbereich mit zwölf Plätzen.

Sorge vor Fremdenfeindlichkeit

Hier in der "Lebensbrücke" haben im letzten Jahr eine Sozialpädagogin und vier Menschen mit Behinderung eine Weiterbildung zum "Demokratie-Stifter" mitgemacht, angeboten von der Diakonischen Akademie für Fort- und Weiterbildung. Ein Grund teilzunehmen, so Annegret Sperling, die Sozialpädagogin, sei die Flüchtlingswelle gewesen und die Befürchtung, dass es Fremdenfeindlichkeit dann auch in der Einrichtung geben könnte.

In ihrer Weiterbildung hat sie sich über Rechtsradikalismus informiert, über rechte Musik, rechte Symbole. Sie hat gelernt, wie man Stammtischparolen begegnen kann; es ging um Diskriminierung, um demokratisches Partizipieren, um Demokratie und Diakonie, um Christsein in der Demokratie. "Für mich war das alles eine große Bereicherung", sagt Annegret Sperling. "Vor allem hat es mir geholfen in meiner eigenen Sprachlosigkeit oder Ohnmacht in manchen solcher Situationen."

Aus den einzelnen Seminar-Blöcken nimmt sie Broschüren und Unterrichts-materialien mit vielen Fallbeispielen mit, die in den Werkstätten später gemeinsam gelesen und besprochen werden. Die dort Arbeitenden mit Behinderung berichten daraufhin von ihren eigenen Erfahrungen von Diskriminierung. Annegret Sperling: "Die konnten sich alle schnell mit den Geschichten identifizieren. Sie haben selbst erlebt, dass sie zum Beispiel mal in der Schule oder vom Nachbarn ausgelacht wurden. Dass jemand gesagt hat: Mit Dir will ich nichts zu tun haben."

Erfahrung von Diskriminierung

Parallel hat die Diakonische Akademie die Weiterbildung zum Demokratie-Stifter auch für Menschen mit Behinderung angeboten. Eine Woche lang war eine Gruppe aus ganz Sachsen in Dresden zusammen. Aus Werdau sind, begleitet von Annegret Sperling, vier Teilnehmer mitgefahren.

Einer davon ist Alexander B., 28 Jahre, geboren in Berlin, seit 2005 in der "Lebensbrücke"; er arbeitet hier am Empfang und ist im Werkstatt-Rat aktiv. Er fühle sich jetzt, nach der Weiterbildung, sicherer: "Wir haben durchgespielt, wie man Streit lösen kann. Das hab ich bis jetzt auch schon einmal anwenden können."  Er kenne es, blöd angemacht zu werden, vor allem außerhalb der Werkstätten. Und versuche, das dann nicht so ernst zu nehmen: "Man muss auch lernen, da mal drüber hinwegzusehen, finde ich. Denn größtenteils bringt es auch nichts", erzählt er. "Einige reagieren nur aggressiv darauf, und dann wird man noch geschlagen ... Das bringt's dann auch nicht."

Im Demokratie-Stifter-Seminar üben sie schwierige Situationen, nehmen sich gegenseitig mit der Kamera auf, besprechen sich danach. Auch Kristin B., ebenfalls im Werkstatt-Rat engagiert, war in der Woche mit dabei.

Die 39jährige hat Neues erfahren: Von der Behindertenrechtskonvention zum Beispiel wusste sie vorher nichts. Und dass es Ansprechpartner gibt für sie. Bei einem Besuch im sächsischen Landtag hätten sie erfahren,  "dass da auch einer sitzt, der in Zwickau wohnt und das macht. Und wenn wir als Behinderte halt Probleme haben, dass wir uns dann an den wenden können. Der dann versucht, sich für uns einzusetzen." So erlebte es auch Alexander B.: "Vor allem, dass es auch gewisse Regeln gibt, die auch für die Behinderten greifen. Und so das fand ich schon ganz interessant."

Lernen, Konflikte zu lösen

Zurück dann in Werdau gab es schon eine Situation, in der sie das Gelernte umsetzen konnten: In einem Konflikt, in die eine Mitarbeiterin geraten war, gelang es ihnen, zu schlichten. Kristin B. klingt stolz, als sie erklärt, wie man damit umgehen kann: "Erst die eine Beschäftige anhören, dann denn anderen dazu holen, den anhören -  und dann haben wir das die beiden alleine klären lassen. Wir haben das dann auch protokolliert und unterschrieben."

Die Sozialpädagogin Annegret Sperling ist jetzt die "zertifizierte Ansprechpartnerin für demokratische Belange" in der Werkstatt "Lebensbrücke", im übrigen auch für die Kollegen. Durch den Kurs und ihre Teilnahme sei die Beschäftigung mit den Themen insgesamt größer geworden.  Und gerade im Vorfeld der Bundestagswahl will man sich hier stärker engagieren.

 

Text und Bild: Diakonie/ Sibylle Kölmel