"Freiräume" für Kinder inhaftierter Eltern

15. Dezember 2016
  • Journal
  • Familie und Kinder

Mein Mann sitzt in Haft und unsere Familie verliert sich aus den Augen, was können wir tun? Durch die Haft bin ich nun Alleinerziehende, an wen kann ich mich wenden? Solche Fragen bekommen Melanie Mohme und Thomas Wendland von "Freiräume" täglich zu hören.

Langer Tisch mit buntem Geschirr gedackt
© Freiräume

Der Raum in der JVA Brackwede für die Vater-Kind-Gruppe ist hergerichtet. Die kleinen Gäste können kommen.

Die beiden Sozialpädagogen sind die Verantwortlichen der in Bielefeld beheimateten Einrichtung der Diakonie, die sich um Familien kümmert, in denen ein Elternteil eine Haftstrafe verbüßt oder verbüßt hat. 

Wenn sich das Tor eines Gefängnisses schließt, dann bleibt die Familie außen vor. Werden die Väter – oder seltener die Mütter – inhaftiert, ist das für die Kinder ein einschneidendes Erlebnis. Sozialer Halt und Sicherheit gehen verloren. Angst, Wut und sozialer Rückzug sind mögliche Folgen. „Die Scham und die Unsicherheit zu überwinden und über die Situation zu sprechen ist der erste Schritt“, gibt Melanie Mohme einen Einblick in die Arbeit des seit 2007 existierenden Projektes. „Unser Ziel ist es, insbesondere die Kinder und Jugendlichen, aber auch die Eltern in dieser schwierigen Situation zu unterstützen und den Familienzusammenhalt zu fördern.“ Dass für diese Arbeit ein Bedarf besteht, wird an einigen Zahlen deutlich: 243 inhaftierte Väter, 79 inhaftierte Mütter und 269 Kinder waren bislang in die verschiedenen Angebote eingebunden.

© Freiräume

Mit Zeichnungen werden die Kinder auf schwierige Besuchssituationen vorbereitet.

Kinder werden indirekt mitbestraft

Im Mittelpunkt von Freiräume stehen die Kinder von inhaftierten und haftentlassenen Eltern. Obwohl sich die Vollstreckung einer Freiheitsstrafe ausschließlich gegen den Verurteilten selbst richtet, sind auch sie in der Regel nachhaltig betroffen. Mohme: „Sie werden indirekt mitbestraft. Plötzlich getrennt von einem Elternteil sind sie konfrontiert mit einer unfassbaren Situation, die nicht selten traumatische Auswirkungen haben kann. Besonders in Kindergarten und Schule erfahren sie soziale Benachteiligungen, Stigmatisierungen und Diskriminierungen. Sozialer Halt und Sicherheit gehen verloren, Angst, Wut, Enttäuschungen und sozialer Rückzug sind mögliche Folgen.“ Dem versuchen die Bielefelder zum Beispiel mit Vater- und Mutter-Kind-Gruppen, Vater- und Mutter-Kind-Wochenenden, Familientreffen sowie verschiedene Beratungs- und Unterstützungsmaßnahmen entgegenzuwirken. Mit Erfolg, wie Melanie Mohme betont. „Die Arbeit tut den Kindern gut und fördert die Resozialisierung der inhaftierten Eltern. Das zeigen mehrere begleitende Untersuchungen.“

Zuspruch und Wirkung

Träger von Freiräume ist die Diakonie für Bielefeld gGmbH, die 2012 aus dem Ev. Gemeindedienst e.V. hervorging. Sie ist die Fachstelle für ambulante diakonische Arbeit im Kirchenkreis Bielefeld mit rund 400 haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Arbeitsbereichen von Kinder- Jugend- und Familienhilfe bis zu Angebote für Senioren. Gefördert wird Freiräume zu 80 Prozent durch das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen und zusätzlich vom Justizministerium. Die Finanzierung ist allerdings zurzeit nur bis einschließlich 2017 gesichert. Die Projektbeteiligten hoffen, dass es auch danach noch weitergeht. Mohme: „Unsere Arbeit hat sehr positiven Zuspruch und zeigt die eruierte Wirkung bei allen Akteuren.“

Text: Diakonie/Volker Pieper