Fragen und Antworten zum Thema Heimerziehung

1. Februar 2017
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Die hier aufgelisteten Fragen und Antworten geben einen Überblick über Entwicklungen und die bisher geleistete Aufarbeitung der Missstände in der Heimkindererziehung in West- und Ostdeutschland

Eine Frau gibt Essen an Kinder aus
© Diakonie/Archiv

Viele Kinder und Jugendliche die in der Nachkriegszeit in Heimen aufwuchsen, mussten schweres Leid erfahren

Viele Kinder und Jugendliche, die zwischen 1949 und 1975 – in manchen Fällen auch später – in deutschen Kinderheimen aufwuchsen, mussten schweres Leid ertragen und kämpfen noch heute mit den frühen Erfahrungen von Unrecht und Demütigung. Betroffen sind Einrichtungen in der DDR und der BRD, kirchliche, staatliche und solche der öffentlichen Hand.

Chronologie der Aufarbeitung

Schon in den 70er Jahren wurden Missstände in den Erziehungseinrichtungen klar benannt. Es war die Zeit für grundlegende Reformen angebrochen. Es galt sich von überkommenen Vorstellungen zu trennen und Missstände zu beseitigen. Eine echte Debatte über die Schicksale von Heimkindern entbrannte damals nicht. 2006 veröffentlichte Peter Wensierski das Buch Schläge im Namen des Herrn. Es folgten immer mehr Berichte ehemaliger Heimkinder mit teils schrecklichen Schilderungen.

Der Petitionsausschuss des Bundestages bat 2008 die Bundesregierung um die Einsetzung eines Runden Tisches. Zu diesem Zeitpunkt gab die Diakonie Deutschland zusammen mit anderen kirchlichen Organisationen eine Studie in Auftrag um die Berichte systematisch aufzuarbeiten. Deren Ergebnisse 2011 machten klar, dass es sich nicht um tragische Einzelschicksale handelte, sondern um weit verbreitete Missstände, die zu unterschiedlich schweren Verletzungen der Fürsorgepflicht führten. Die evangelische Kirche und ihre Diakonie übernahmen dafür die Verantwortung, indem sie sich für das erfahrene Leid und Unrecht bei den Betroffenen entschuldigten.

Auf Empfehlung des Runden Tisches wurden 2012 zwei Hilfsfonds eingerichtet, an die sich die Betroffenen aus West- bzw. Ostdeutschland wenden konnten. Der Fond "Heimerziehung in der BRD in den Jahren 1949 bis 1975" hat ein Gesamtvolumen von 300 Millionen Euro. Der Fond Heimerziehung in der DDR in den Jahren 1949 bis 1975" ist mit 364 Millionen Euro ausgestattet. Die evangelische Kirche trägt jeweils etwa ein Sechstel zu deren Finanzierung bei. Inzwischen können hier keine finanziellen Hilfen mehr beantragt werden. 

Ab 2017 gibt es mit der Stiftung Anerkennung und Hilfe auch endlich einen Ansprechpartner geben, für diejenigen, die Leid oder Unrecht in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder Psychiatrie erfahren haben. Für die DDR gilt hier sogar ein Zeitraum bis ins Jahr 1990. Es wird dann drei Jahre lang die Möglichkeit für Betroffene bestehen, einen Antrag auf materielle Hilfen zu stellen. 

Hilfe für die Betroffenen

Der Bundestag hat auf Empfehlung des Runden Tisches, zwei Hilfefonds eingerichtet: Am 1. Januar 2012 startete der Hilfefonds "Heimerziehung in der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1949 bis 1975". (Fonds "Heimerziehung West") mit einem Volumen von 120 Millionen Euro. Ein halbes Jahr später der Hilfefonds "Heimerziehung in der DDR in den Jahren 1949 bis 1990" (Fonds "Heimerziehung in der DDR") mit einem Volumen von 40 Millionen Euro. Beide Fonds sind jedoch inzwischen ausgelaufen und nehmen keine Neuanträge mehr auf.

Anspruch auf finanzielle Hilfen aus der Stiftung haben alle, die während ihres Heimaufenthalts, in Einrichtungen der Psychiatrie und Behindertenhilfe, in der Vergangenheit Unrecht erfahren haben. Diese Personengruppe war bei den bisherigen Hilfsfonds von einer Antragstellung ausgeschlossen worden. Die Diakonie ist sehr froh, dass der Gesetzgeber nun endlich der Forderung nachgekommen ist, diese Gerechtigkeitslücke zu schließen. Der Zeitraum ist für Ost- und Westdeutschland unterschiedlich. An die Stiftung wenden kann sich, wer in der BRD zwischen 1949 und 1975 und in der DDR zwischen 1949 und 1990 in einer solchen Einrichtung untergebracht war. Leid und Unrecht wird dabei in vielen Formen anerkannt. Darunter fällt sowohl körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt, als auch die Verweigerung von Schulbesuchen oder der Zwang zur Arbeit ohne entsprechende Entlohnung. Auf der Homepage der Stiftung Anerkennung und Hilfe kann man weitere Informationen dazu finden.

Die Stiftung ist insgesamt mit 288 Millionen Euro ausgestattet. Ganz wichtig ist, dass man einen Antrag innerhalb der ersten drei Jahre nach Errichtung der Stiftung stellt. Dieser Termin ist momentan für den Januar 2017 geplant. Bis Ende 2019 kann man also Hilfe und Anerkennung beantragen. Den Kontakt zur Stiftung kann man über regionale Beratungsstellen erhalten, je nach momentanem Wohnort. Wird dieser als berechtigt eingestuft, so erhält der Betroffene eine Pauschale in Höhe von 9.000 Euro. Hat der Betroffene damals in erheblichem Umfang gearbeitet, ohne dass dafür Sozialversicherungsbeiträge gezahlt worden sind, so erhält er noch eine weitere Ausgleichszahlung: Für zwei Jahre Arbeit gibt es 3000, für mehr als zwei Jahre 5000 Euro.

Die Diakonie gibt allen, die es brauchen, nach wie vor Hilfen bei der Aufklärung ihrer Heimbiographie und in schwierigen Lebenslagen. Es erscheint am sinnvollsten, die Aufarbeitung von Biographien an der Basis durchzuführen. Dazu bieten die Träger der früheren Heime Gespräche, Besichtigungen und Akteneinsicht an.

Stationen der Aufarbeitung

Die Studie "Konfessionelle Heimerziehung in der frühen Bundesrepublik (1949-1972)" der Ruhr-Universität Bochum, erschienen im Mai 2011, macht ein erstes wissenschaftlich fundiertes Gesamturteil über die damalige Heimerziehung in konfessioneller Trägerschaft möglich. Sie legt offen, dass es in den kirchlichen Heimen sowohl "Fälle eklatanten Versagens und großer Schuld" als auch "ein überdurchschnittliches Maß an Engagement der Mitarbeitenden" gab.

Mit Blick auf die einzelnen Handelnden sei daher stets ein sehr sorgfältig abwägendes Urteil notwendig, so die Autoren der Studie. Mit Ausnahme der religiösen Erziehung zeigen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen kirchlichen Heimen, Heimen in der Trägerschaft anderer Wohlfahrtsverbände oder öffentlichen Heimen. "Insofern spiegeln die kirchlichen Heime weithin das Maß der seinerzeit geltenden Normalität wider, was allerdings den kirchlichen Selbstanspruch deutlich unterschreitet".

Die Diakonie Deutschland (damals "Diakonisches Werk der EKD") hatte, gemeinsam mit der EKD, der Deutschen Bischofskonferenz, dem Deutschen Caritasverband und der Deutschen Ordensobernkonferenz das Forschungsprojekt, das 2008 begonnen wurde, mit Drittmitteln unterstützt.

Nachdem Betroffene im Dezember 2006 vor dem Petitionsausschuss des Bundestags angehört wurden, bat der Bundestag Ende 2008 die Bundesregierung um die Errichtung eines Runden Tisches. Der Runde Tisch Heimerziehung sollte einen gesellschaftlich akzeptierten Konsens über die Sicht der Heimerziehung in dieser Zeit herbeiführen und Lösungen für offene Fragen empfehlen.

Unter dem Vorsitz von Dr. Antje Vollmer saßen am Runden Tisch unter anderem:

Drei ehemalige Heimkinder

  • Zwei Vertreter der Kirchen: Dr. Hans Ulrich Anke (EKD), Johannes Stücker-Brüning (Deutsche Bischofskonferenz)
  • Zwei Vertreter der kirchlichen Wohlfahrtsverbände: Dr. Jörg Kruttschnitt (Diakonie), Mario Junglas (Caritas)
  • Vertreter des Deutschen Vereins, des Bundesverbands für Erziehungshilfe und des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht
  • Zwei Vertreter der Bundesländer
  • Ein Vertreter des Bundesfamilienministerium.

Die Kirchen zeigen sich seit Beginn der Diskussion 2006 offen für die Aufarbeitung des Themas. In einem Schreiben vom November 2008 bedauern die Evangelische Kirche in Deutschland, die Deutsche Bischofskonferenz, der Deutsche Caritasverband und das damalige Diakonische Werk der EKD (heute "Diakonie Deutschland") zutiefst, dass auch in kirchlichen Heimen Kindern und Jugendlichen in der fraglichen Zeit schweres Leid und Unrecht widerfahren ist. Den Betroffenen werden Akteneinsicht, Unterstützung bei der Aufarbeitung sowie andere Hilfen gewährt.

Am 10.09.2011 haben die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und das Diakonische Werk der EKD in der Berliner Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt die ehemaligen Heimkinder öffentlich um Verzeihung gebeten. Damit haben beide Institutionen das schwere Leid anerkannt, das Kinder und Jugendliche auch in den Heimen in evangelischer Trägerschaft erfahren haben.

Der Runde Tisch hat festgestellt, dass die Missstände der damaligen Heimerziehung von einer Vielzahl von Faktoren hervorgerufen wurden. Dazu zählen die rigide Einweisungspraxis der Jugendämter, die geringe Aufmerksamkeit der Vormünder für das seelische Wohl der Kinder und Jugendlichen, die vielfach unzureichende bauliche und personelle Ausstattung der Heime, die Tolerierung unzulässiger Übergriffe von Erziehern durch die Heimleitungen und die mangelhafte Heimaufsicht.

All das geschah in einer gesellschaftlichen Atmosphäre, die abweichendem Verhalten von jungen Menschen mit dem Ruf nach Zucht und Ordnung begegnete, und auf der Grundlage eines Jugendwohlfahrtsgesetzes, das rasche öffentliche Maßnahmen gegen die tatsächliche oder vermeintliche Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen vorsah.

Die Situation in den Heimen

Dass auch in diakonischen Heimen nicht selten repressive, gewaltvolle Erziehungsmethoden vorherrschten, und die geschlossene Atmosphäre vieler Heime zum Teil strafbaren Übergriffen Vorschub leistete bzw. diese stillschweigend duldete, ist bedrückend.

Die evangelische Kirche und ihre Diakonie bedauern zutiefst, dass auch in diakonischen Heimen Kindern und Jugendlichen schweres Leid und Unrecht widerfahren ist. Es stellt sich die Frage, warum nicht die christliche Einsicht in die Freiheit und Würde eines jeden Menschen, auch des Kindes, und der Anspruch, anvertraute Kinder nach christlichen Maßstäben zu erziehen, Missständen und Versagen entgegengewirkt haben.

Die Zahl der Heime und Heimplätze war über den langen Zeitraum von 20 Jahren nicht konstant, sondern nahm zum Ende hin ab. Das "Verzeichnis der Erziehungsheime und Sondereinrichtungen für Minderjährige" von 1964 enthält 918 Heime.

Mehrere Forschungsprojekte gehen von ca. 800.000 Kindern und Jugendlichen aus, die von Ende der 40er bis Anfang der 70er Jahre in Heimen lebten. Diese Angabe beruht nicht auf verlässlichem Zahlenmaterial, sondern ist eine Schätzung, die auf einer angenommenen Verweildauer von drei Jahren basiert.

Neuere Untersuchungen haben ergeben, dass der Anteil der Heime in kirchlicher Trägerschaft deutschlandweit etwa bei 65 Prozent lag.

Das vom Evangelischen Erziehungsverband herausgegebene "Verzeichnis evangelischer Erziehungsheime" vom 1953 gibt an, dass damals 30.100 Plätze in 418 evangelischen Heimen zur Verfügung standen.

Zahlreiche Berichte ehemaliger Heimkinder verweisen darauf, dass auch in kirchlichen Heimen Kinder auf eine Weise misshandelt wurden, die weit über die Grenzen des damaligen körperlichen Züchtigungsrechts hinausgingen. Dabei ist umstritten, ob die damals üblichen Formen körperlicher Züchtigung bereits als Misshandlungen zu werten sind.

Der Anteil der misshandelten Kinder ist völlig unklar. Schätzungen liegen weder aus Forschungsprojekten noch von Betroffen-Vereinigungen vor.

Nach dem derzeitigen Kenntnisstand spricht nichts dafür, dass die von den ehemaligen Heimkindern beschriebenen Demütigungen und Misshandlungen charakteristisch für kirchliche Einrichtungen gewesen wären. Es ist nicht zutreffend, dass alle Beschäftigen in den Heimen Gewalt als Erziehungsmittel befürwortet und entsprechend problematische Verhaltensmuster gedeckt hätten. Hier darf keine generelle Stigmatisierung der dort Beschäftigen stattfinden.

Es war üblich, dass auch Kinder bis 14 Jahre im Rahmen des gesetzlich Zulässigen Arbeiten im Haus und auf dem Hof durchführten. Dazu zählten insbesondere Gartenarbeiten wie Unkraut jäten Gemüse und Obst ernten sowie Hilfen im Haushalt.

In Heimen für schulentlassene Jugendliche ab 14 Jahren war die Arbeitserziehung ein zentrales Erziehungsziel. Schulentlassene Jugendliche arbeiteten, wenn sie keine Ausbildung erhielten, häufig in der einrichtungseigenen Landwirtschaft oder in eigenen Werkstätten. Die Arbeitszeiten richteten sich nach den gesetzlichen Bestimmungen, die für Jugendliche ab 16 Jahren damals bis zu acht Arbeitsstunden täglich und 48 (seit 1960: 44) Arbeitsstunden wöchentlich zuließen

Die damaligen Ausbildungsmöglichkeiten waren extrem begrenzt. Die Zahl der Ausbildungsplätze an den wenigen Erzieherschulen war gering. Studiengänge der Sozialpädagogik befanden sich erst im Aufbau.

Aufgrund der großen Nachfrage nach ausgebildeten (Sozial)-Pädagoginnen und -Pädagogen waren nur wenige bereit, sich auf die relativ schlechten Arbeitsbedingungen in Erziehungsheimen einzulassen. Diakonissen und Diakone in den Heimen hatten häufig im Rahmen ihrer Ausbildung auch eine erzieherische Ausbildung durchlaufen. Das fehlende Personal wurde vielfach durch nicht ausgebildete Kräfte und/oder Auszubildende und Praktikanten ersetzt.