EU-Projekt bekämpft Jugendarbeitslosigkeit

4. November 2016
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Der erste Job ist ein großer Schritt. Hilfe für die, die es schwer hatten, in Schule und Ausbildung mitzukommen, bietet das finnische EU-Projekt Vamos.

Mann im Portrait
© privat

Olli Alanen vom Projekt VAMOS

"Ich fühle mich gut, weil ich mir den Job selbst erarbeitet habe! Ich wurde nicht angestellt, weil jemand finanzielle Unterstützung dafür bekam, einen schwierigen Jugendlichen einzustellen, sondern weil ich mich beworben habe und die richtigen Qualifikationen mitbringe", erzählt Sami stolz.

Wie es ist, anerkannt und geachtet zu werden so wie er ist, das hatte Sami lange vergessen. Seit er sieben Jahre alt war, wurde er in der Schule gemobbt. Er litt unter sozialen Phobien, verließ nur selten das Haus und verbrachte seine Jugend vor allem in psychiatrischen Einrichtungen.

Dass er einmal einen richtigen Beruf ausüben würde, schien zeitweise kaum denkbar. Bis eine Krankenschwester in der psychiatrischen Klinik in Helsinki ihm empfahl, sich an das Projekt Vamos der Diakonie zu wenden.

Eins zu Eins-Begleitung

Das Projekt des Helsinki Deaconess Institute ist ein Best-Practice-Beispiel gegen Jugendarbeitslosigkeit, das sich auch auf weitere europäische Länder übertragen lässt. Bei Vamos begleiten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter junge Menschen, die von psychischen Problemen oder Suchtabhängigkeit, Arbeitslosigkeit und Armut betroffen sind und sich von der Gesellschaft zurückgezogen haben. Termine und Angebote klassischer Arbeitsvermittlung nehmen sie nicht wahr. Mit viel Zeit und Geduld knüpfen die Mitarbeitenden von Vamos Kontakt, legen persönliche Ziele mit ihnen in Einzelcoachings fest und arbeiten viermal wöchentlich mit den Jugendlichen in Kleingruppen zu Themen wie Zeitmanagement oder Selbsterkenntnis, bis sie nicht mehr ohne Ausbildungsvertrag oder Arbeit dastehen.

Zwar liegt die Quote der arbeitslosen Jugendlichen unter 25 Jahren in Finnland mit 19,4 Prozent unter dem EU-weiten Durchschnitt. Doch die gesellschaftliche Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich auch in Finnland immer weiter: "Es gibt große Unterschiede zwischen den jungen Menschen – nicht nur was den Wohlstand angeht, sondern auch, was ihr Wohlergehen betrifft. Manchen geht es besser als je zuvor. Bei anderen aber türmen sich die Probleme. Sie profitieren nicht von den bestehenden Sozialleistungen  und sie vertrauen niemandem", sagt Olli Alanen, der als Jugendkoordinator bei Vamos arbeitet.

Den Alltag organisieren

Vertrauen müssen die Sozialarbeiterinnen und -arbeiter bei Vamos erst langsam mit den Jugendlichen zwischen 16 bis 29 Jahren aufbauen. Sami benötigte ein Jahr, bis er viermal wöchentlich mehrere Stunden im Zentrum von Vamos sein konnte. Vorher kam er immer nur zwei Tage, mehr war ihm zu viel. Aber: "Ich habe mir selbst versprochen, dass ich endlich etwas tun muss", sagt Sami. So geht es auch vielen anderen Teilnehmern: Bevor das Coaching beginnt, brauchen die jungen Menschen oft erst einmal Unterstützung bei organisatorischen Angelegenheiten wie der Wohnungssuche oder Arztterminen. "Bei vielen fangen wir ganz von vorn an: Sie kennen keinen alltäglichen Rhythmus mehr. Sie brauchen einen Grund, warum sie jeden Morgen aufstehen", so Alanen.

Wer bei Vamos mitmacht, tut das freiwillig. Die Teilnahme ist kostenlos und es gibt keine Verpflichtung durch staatliche Arbeitsmaßnahmen. Viele Teilnehmer durchlaufen seit Jahren psychotherapeutische Therapien. Vamos  will genau das nicht sein: nicht eine weitere Therapie. "Durch das Karrierecoaching fing ich an, mich wie ein ganzer Mensch zu fühlen. Nicht nur wie jemand, der rehabilitiert werden muss", sagt Sami. Der 25-Jährige steht mittlerweile auf eigenen Beinen. Ausgerechnet er, der den Kontakt mit anderen Menschen so lange gemieden hat, arbeitet jetzt fest im Kundenservice einer Bücherei.

Text: Diakonie/Maike Lukow