Digitalisierung: Wie wir morgen leben und arbeiten wollen

20. Mai 2019
  • Journal
  • Armut und Arbeit
  • Innovation und Digitalisierung
  • Digitalisierung
  • Soziales Unternehmertum

Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft grundlegend und damit auch die Arbeitsfelder der Diakonie im Sozial- und Gesundheitswesen. Neue Dienstleistungsmodelle und neue Strukturen sind in der Entwicklung.

Roboter Emma und Seniorin schauen sich an
© dpa/Carsten Rehder

Roboter "Emma" steht am 11.05.2017 in Kiel (Schleswig-Holstein) in einer Demenz-Wohngruppe der Diakonie Altholstein. Alle zwei Wochen bringt der Roboter Schwung in die Wohngruppe. Der Roboter spricht, spielt auf Wunsch Musik und macht bei Bedarf sogar Fotos von den Bewohnern.

Vieles ist segensreich und bietet große Chancen. Doch die in nächster Zukunft zu erwartenden Umwälzungen in fast allen Lebensbereichen bergen auch enorme Risiken, denen wir uns zu stellen haben. Stichwort Arbeitsmarkt: Nach einer im September 2018 veröffentlichten Studie des Weltwirtschaftsforums könnten schon bis 2022 weltweit rund 75 Millionen Arbeitsplätze wegfallen oder durch Maschinen ersetzt werden. Zugleich sollen global 133 Millionen neue Stellen geschaffen werden, für die aber neue Fachkenntnisse nötig sein werden. In Deutschland sind der Untersuchung zufolge nur 46 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für die neuen Jobs gewappnet. Was bedeutet das für den sozialen Frieden in unserem Land? Wie kann eine sinnvolle Kombination von Erwerbsarbeit, Freiwilligem Engagement und Familienarbeit Einkommen, Teilhabe und Sinn ermöglichen? Aufgabe der Diakonie muss es sein, diesen Prozess um der Menschen willen so zubegleiten, dass Chancen für alle genutzt werden, aber zugleich mögliche soziale Folgen im Blick bleiben, so dass niemand auf der Strecke bleibt.

Die Diakonie Deutschland hat als Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege die Tragweite des Themas Digitalisierung erkannt. Mit hochrangigen Experten aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Wissenschaft haben wir 2018 und 2019 unter der Überschrift "Die digitale Revolution. Wie wollen wir morgen leben und arbeiten?" an vier Abenden in Berlin öffentlich diskutiert. In diesen Gesprächen gab es die klare Analyse: Es gibt kein Zurück. Unsere Gesellschaft ist schon längst auf dem Weg der digitalen Transformation. Die Diakonie Deutschland setzt diese Erkenntnis um, hat eine Stabsstelle Digitalisierung im Präsidialbereich geschaffen und beginnt mit dem Aufbau eines Innovationsmanagements. Die Grundsteine für diesen Prozess wurden 2018 in Denkwerkstätten mit Verantwortlichen aus verschiedenen diakonischen Arbeitsfeldern gelegt. Ziel ist, die Strukturen im Verband bestmöglich zu gestalten und zu verknüpfen. In einem Projekt zur Entwicklung von innovativen Dienstleistungsmodellen und neuen Strukturen im Sozial- und Gesundheitswesen wird die Diakonie Deutschland modellhaft digital unterstützte Erneuerungsprozesse fördern. Wir beziehen die Pioniere in der eigenen Mitgliedschaft einschließlich diakonischer Innovationslabore ein, aber auch Ideenträger und Kooperationspartner aus anderen Feldern.

Elektronische Helfer in der Pflege

Den digitalen Wandel in der Diakonie erfahren schon jetzt viele Menschen als große Erleichterung, und wir haben erst eine Vorahnung von den sich bietenden Möglichkeiten: Menschen mit Behinderungen etwa erhalten bei Bedarf Hilfsmittel, die ihnen mehr Selbstbestimmung und einen höheren Aktionsradius ermöglichen. Und in Kliniken und stationären Einrichtungen können elektronische Helfer dazu beitragen, den Arbeitsalltag des Personals zu vereinfachen - sei es durch Unterstützung mit Pflegerobotern, durch die digitale Erfassung von freien Betten oder eine elektronische Krankenakte. Damit die Pflegenden endlich wieder mehr Zeit für ihre Patientinnen und Patienten und die Kernaufgaben der Pflege haben. Kirche und Diakonie mit ihrem feinmaschigen "Filialnetz" können auf dem Dorf, aber auch im Stadtquartier dazu beitragen, dass zivilgesellschaftliche Netzwerke geknüpft werden und funktionieren. Gerade in digital gestützten Projekten stellt sich schnell heraus, dass die Partnerschaft mit anderen gesellschaftlichen Akteuren ein Erfolgsfaktor für das Gelingen neuer Aktivitäten ist. Da können wir noch viel besser werden. Zu oft drehen sich Kirche und Diakonie noch in ihrer eigenen evangelischen Filterblase. Wer aber Bündnisse schmiedet, kommt in der Regel weiter. Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Kooperation werden, anderenfalls wird es große zivilisatorische Rückschläge geben.

Was im Kleinen funktioniert, fordert die Diakonie auch im Großen heraus. Der Markt der diakonischen Dienstleistungen ist in Bewegung. Die Milliardensummen der Budgets von Kranken-, Pflege- und Rentenversicherungen wecken auch in Branchen, die bisher nicht in der Sozialwirtschaft engagiert waren, Begehrlichkeiten und dementsprechende Aktivitäten. In den Bereichen Wohnen oder Mobilität sind Konzerne auf der Suche nach Partnern mit langjähriger Kompetenz und gutem Ruf, um innovative Lösungen umzusetzen. Für die etablierten Träger der Wohlfahrtspflege bieten sich damit Chancen. Zugleich müssen wir in der Diakonie wahrnehmen, dass die Geschwindigkeit, mit der sich diese neuen Player auf den sozialen Markt hinbewegen, unsere etablierten Planungs- und Entscheidungsabläufe mancherorts an ihre Grenzen bringen. Die Digitalisierung fordert die Diakonie auch in ihren Organisationsstrukturen heraus. Deshalb haben wir uns auf den Weg gemacht.

Autor: Ulrich Lilie, Diakonie-Präsident