Dienstgemeinschaft: Gelebte Form von Kirche in der Welt

3. April 2018
  • Journal
  • Diakonie und Glauben

Was qualifiziert aus kirchlich-diakonischer Sicht den Begriff Dienstgemeinschaft? Was kann eine kirchlich-diakonische Dienstgemeinschaft tun, um dem Leistungsdruck in ihren Einrichtungen etwas entgegenzusetzen? Auf diese Fragen gibt der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, Antworten.

Ulrich Lilie
© Diakonie/Thomas Meyer

Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland schreibt in diesem Beitrag über die Dienstgemeinschaft

Theologisch - so hat der Nürnberger Hochschullehrer Peter Dabrock es einmal auf den Punkt gebracht - bedeutet Dienstgemeinschaft, "sich jenseits von möglichen Interessengegensätzen als eine Gemeinschaft zu verstehen, die die Liebe Christi in der Welt zum Vorteil der Benachteiligten wirklich werden lässt".

Diese besondere Form der Gemeinschaft wird als eine geschenkte Gemeinschaft, als eine Gabe verstanden. Ein solches Verständnis der Dienstgemeinschaft ist eng mit der IV. These der Barmer Theologischen Erklärung verbunden, in der es heißt, dass "die verschiedenen Ämter in der Kirche keine Herrschaft der einen über die anderen begründen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes" erwarten lassen.

Dienstgemeinschaft als Vergewisserungsraum

Was heißt das im Blick auf die Führungs- und Leitungskräfte wie für die Mitarbeitenden? Und was heißt das im Blick auf die Organisationsentwicklung von diakonischen und caritativen Einrichtungen? Der Gottesdienst hat eine diakonische Dimension, wie auch das diakonische Engagement etwas mit dem Bezeugen des Glaubens zu tun hat. Kirchliche Einrichtungen sind dadurch geprägt, dass in ihnen diese Grundvollzüge von Kirche bereitgestellt und gelebt werden. Dazu benötigen Einrichtungen Leitungs- und Führungskräfte ebenso wie Mitarbeitende, die diese Grundvollzüge leben und tragen. Dienstgemeinschaft kann ein gemeinsamer Reflexions- und Vergewisserungsraum für die diakonische Arbeit sein. Dies wiederum erfordert Raum für Dialog, unter Umständen auch für kräftigen Streit, um sich aufeinander zuzubewegen, um verlässliche Absprachen zu treffen und um integer miteinander umzugehen. Für die unterschiedlichen Ausprägungsformen der Diakonie ergeben sich damit besondere Herausforderungen und Verpflichtungen der Organisationen und Träger - und damit der Führungen und Leitungen. Es geht um eine diakonische Führungskultur, die in einem besonderen Grundverständnis begründet ist.

  • Mitarbeitende sind in Sozialunternehmen außerordentlich bedeutsam. Der Gedanke der Dienstgemeinschaft, in der gegenseitige Wertschätzung, Achtung und Augenhöhe großgeschrieben werden, beinhaltet eine Leitvorstellung eines entsprechenden Miteinanders. Dienstgemeinschaft bewahrheitet sich also in einer besonderen Führungskultur, die Partizipation, die Teilhabe aller Mitarbeitenden lebt und gestaltet.

Angebote zum geistlichen Auftanken

  • Wird die Kirchenmitgliedschaft aller Mitarbeitenden zukünftig als wichtiges, aber nicht mehr als einziges Identitätsmerkmal einer Einrichtung verstanden, führt dies zu einer besonderen Verantwortung der Aufsichtsorgane und der Leitungen sowohl für die Qualität als auch für die Gestaltung des christlich-ethischen Profils in den Arbeitsvollzügen, den geistlichen Angeboten und der Organisation einer evangelischen Einrichtung.
  • Dienstgemeinschaft lebt von Rücksicht und Anerkennung, Vertrauen und Transparenz von Entscheidungen.
  • Trotz alles Leistungsdrucks oder gerade deswegen sollten Freiräume für Mitarbeitende eröffnet werden: als Burnout-Prophylaxe und im Sinne des betrieblichen Gesundheitswesens, aber auch als Angebote zum geistlichen Auftanken. Formate wie "Oasentage", kleine geistliche Impulse im Alltag und eine Kultur der Unterbrechungen können zu echten Kraftquellen werden. Mir ist es ein Anliegen, dass wir in unseren diakonischen Einrichtungen das Zentrum der Dienstgemeinschaft nicht aus den Augen verlieren: das ermutigende, ermunternde, neue Perspektiven aufweisende Wort Gottes, das den Quellgrund gelebter und lebbarer Spiritualität bildet und heilsame Unterbrechungen schafft in der Betriebsamkeit und der Alltagsgeschäftigkeit - und dem eben nicht wegzudiskutierenden Leistungsdruck.

Belastungssituationen der Mitarbeitenden

  • Ein weiterer wichtiger Bestandteil einer Kultur der Unterbrechung sind geistliche Bildungsangebote - nicht nur für neue Mitarbeitende. Dafür müssen Beschäftigte trotz knapper Personalschlüssel freigestellt werden.
  • Seelsorgeangebote für Mitarbeitende werden angesichts von zunehmendem Stress und Leistungsdruck in der Diakonie immer wichtiger. Als Folge auch von beruflicher Überforderung zerbrechen Partnerschaften, geraten Familiengefüge in Schieflage, geraten Kinder mit in Schwierigkeiten. Eltern werden älter und pflegebedürftig. Wenn Diakonie den eigenen Mitarbeitenden in ihren Belastungssituationen hier gleichgültig gegenüber bleibt, verliert sie nicht nur an Glaubwürdigkeit. Sie verliert auch ihren Auftrag aus den Augen, die Liebe Christi in der Welt zum Vorteil der Benachteiligten wirklich werden zu lassen.
  • Entscheidungen, die Mitarbeitende im Berufsalltag am Anfang und am Ende des Lebens genauso wie in dessen Mitte zu treffen haben, werden zunehmend komplexer. Daher werden sozialethische, bioethische, lebensethische Orientierungen immer wichtiger. Ob es sich um den Streit um den assistierten Suizid handelte oder den aktuellen Diskurs um die Beibehaltung Paragraf 219a - solche Debatten gilt es nicht nur an Akademien zu führen, sondern auch in unseren diakonischen Einrichtungen.

Unterbrechungskultur im Alltag

Zur Leitungsaufgabe gehört es auch, gottesdienstliche Angebote zu initiieren und regelmäßig durchzuführen, die sich an alle haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende richten.

Eine Unterbrechungskultur sollte selbstverständlich im Alltag gelebt werden können. Vor einiger Zeit ist eine leitende Mitarbeiterin in der Pflege einer diakonischen Einrichtung in Hamburg sehr plötzlich im Dienst verstorben. Das ganze Krankenhaus war geschockt. Daraufhin hat die Leitung beschlossen, den OP-Betrieb für zwei Stunden auszusetzen. In der Kirche am Krankenhaus standen Seelsorgende für Gesprächsangebote oder für ein stilles Gebet bereit. Es konnte und durfte miteinander geweint und getrauert werden. Diese Unterbrechung hat das Haus Zeit und Geld gekostet. Aber dem reinen Funktionieren, dem allgegenwärtigen Leistungsdruck wurde ein klares Zeichen entgegengesetzt. Und der Geist des Hauses hat sich anschließend nachhaltig verändert.

Aufgabe von Führungs- und Leitungskräften ist, das anwaltschaftliche Mandat öffentlich auszuüben und für gute Rahmenbedingungen des diakonischen Handelns zu sorgen. Dazu gehört beispielsweise, nicht nur die unmittelbare Arbeit am Patienten zu kalkulieren, sondern bei Pflegesatzverhandlungen auch Wege- und Begleitzeiten zu verhandeln.

Dienstgemeinschaft in Kirche und Diakonie lebt davon, dass sie im Miteinander verantwortet und gestaltet wird, von allen Mitarbeitenden: Top down genauso wie bottom up. Dienstgemeinschaft braucht zudem einen Geist der verbindenden Widerständigkeit, die dem Leistungsdruck, dem "immer schneller, besser, günstiger", gemeinsam etwas entgegensetzt. Dienstgemeinschaft konstituiert sich in theologischer Perspektive als Antwort auf den Dienst Gottes, die Diakonie Gottes an allen Menschen, aus der Christinnen und Christen und auch die Kirche leben. Christliche Gemeinschaft versteht sich vor diesem Hintergrund nicht einfach als zwischenmenschliche Gemeinschaft. Dabei dürfen Risiken, Konflikte und Fallstricke des Gabe- Geschehens nicht unterschätzt werden: Machtmissbrauch, bewusste oder unbewusste Abhängigkeiten, Kalkül und wechselseitige Projektionen greifen eine so verstandene Dienstgemeinschaft an der Wurzel an. Es braucht Good Governance in der Diakonie und Caritas. Und es braucht Menschen, denen Führung nicht nur ein Anliegen ist, sondern die das aus dem Geist des Evangeliums auch gelernt haben.

Nicht alle müssen in der Kirche sein

Wir brauchen also Mitarbeitende, die in der Lage sind, mit ihrem Dienst dazu beizutragen, dass die Grundvollzüge von Kirche in der Einrichtung erkennbar und erfahrbar werden. Diakonische Einrichtungen können ein besonderes Maß an Verbundenheit und Loyalität zu ihrem Sendungsauftrag verlangen, müssen aber auch ihrerseits die Voraussetzungen dafür schaffen, dass diese Loyalität im Dienst ohne Überforderung gelebt werden kann. Dazu ist es notwendig, Anforderungsprofile für die verschiedenen Dienste zu definieren. Nicht alle Mitarbeitende müssen die Loyalität durch Kirchenmitgliedschaft zum Ausdruck bringen, alle Mitarbeitenden müssen aber die sich aus ihrer Verbundenheit ergebenden besonderen Pflichten als wesentlichen Bestandteil ihrer Vertragsbeziehung gegenüber ihrem Dienstgeber anerkennen und akzeptieren.

Die Mitarbeit von Nicht-Christen in diakonischen Einrichtungen kann in dieser Sichtweise nicht mehr vorwiegend defizitorientiert, sondern vielmehr als Quelle von Reichtum und Vielfalt angesehen werden. Dieser Reichtum kann darin liegen, dass die betreffenden Personen sich mit ihren je eigenen kulturellen und fachlichen Kompetenzen konstruktiv in die Dienstgemeinschaft einbringen.

Dabei ist Dienstgemeinschaft kein Selbstzweck. Ihre Aufgabe vollzieht sich als gemeinsamer Dienst am Nächsten, gerade an den Schwächsten. Vor diesem Hintergrund entspricht das Modell einer Konfliktlösung mit paritätisch besetzten und auf Augenhöhe verhandelnden Arbeitsrechtlichen Kommissionen und einer verbindlichen Schlichtung dem Gedanken, dass diejenigen, die sich aus strukturellen Gründen in einer Vorteilsposition befinden, diese Position nicht gegenüber anderen Mitgliedern der Gemeinschaft ausnutzen.

Streikrecht trifft Selbstverständnis

Die Bezeugung des Glaubens und die Gestaltung des gottesdienstlichen Lebens sowie die christliche Gemeinschaft können von ihrem Wesen her nicht suspendiert werden. Eine Bestreikung des gemeinsamen Dienstes der Nächstenliebe an Klienten würde dazu führen, dass Ersatz für die streikenden Mitarbeitenden gefunden werden müsste. Denn Nächstenliebe kann es nicht verantworten, auf Hilfe angewiesene Menschen den notwendigen Dienst zu versagen. Kurzfristig eingesetzte Mitarbeitende könnten aber nicht in kurzer Zeit die notwendige Loyalität und Identifikation mit dem christlichen Auftrag erwerben. Insofern würde das Streikrecht die Dienstgemeinschaft und damit das Selbstverständnis evangelischer Einrichtungen im Kern treffen.

Diakonie und Caritas unter Leistungsdruck? Schneller, besser, immer günstiger? Ich bin überzeugt, die die Diakonie tragende Überzeugung und Haltung in einer älter, bunter und ungleicher werdenden Gesellschaft keinesfalls an Bedeutung verlieren wird. Im Gegenteil: Bei vielen Vorortbesuchen und -gesprächen begegnen mir immer wieder aus Glauben und humanen Geist motivierte und fachlich versierte Menschen. Ohne sie wäre unser Gemeinwesen nicht nur ärmer, sondern wirklich aufgeschmissen. Es ist Zeit, dass sie entsprechende Anerkennung erfahren. Solche Anerkennung drückt sich gesellschaftlich zuerst auch in einer angemessenen Bezahlung sowie in sicheren und guten Arbeitsverhältnissen aus.

Gerade diakonische Arbeit mit solch hoher Motivation steht angesichts der Erfahrung des nicht einfach abzuschaffenden Leids immer wieder in der besonderen Gefahr der Selbstüberforderung. Dann ist die Botschaft von der Rechtfertigung des Menschen, der nicht genügen kann und genügen braucht, weil der barmherzige und allmächtige Gott allein genügt, im Wortsinn Evangelium, gute Botschaft für Menschen in freiwilligem Engagement und helfenden Berufen.