„Der Bürger muss erleben, dass ihm Europa in persönlichen Notsituationen hilft“

17. April 2018
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Heribert Prantl ist Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, preisgekrönter Journalist und Autor des Buches „Trotz alledem! Europa muss man einfach lieben“. In seinem Impulsvortrag bei der zweiten Europakonferenz der Diakonie Deutschland sprach er sich für ein „Soziales Europa“ aus.

© Jürgen Bauer

Prof. Heribert Prantl lobte die "Diakonie-Charta für ein Soziales Europa" als "respektables und notwendiges Papier".

Herr Prantl, wie ist Ihre persönliche Leidenschaft für Europa entstanden?

Meine europäische Begeisterung ist wie ein Puzzle, das sich aus verschiedensten Teilen zusammensetzt. Aus Urlauben und Begegnungen in meinem kleinen Häuschen in Italien an der ligurischen Küste. Dort die Jahreszeiten zu erleben, mit den Menschen zu reden und ihre Sorgen anzuhören. Die eigenen Kinder zu sehen wie sie durch Europa reisen, sich in internationalen Studentenorganisationen engagieren und begeistert erzählen, was sie auf einer Konferenz in Lissabon erlebt haben. Über europäische Geschichte nachzudenken. Zu erspüren, welche Einmaligkeit diese Europäische Union darstellt! Hitler hat kurz vor seinem Tod verächtlich über das europäische „Kleinstaatengerümpel“ gesprochen. Und dann zu erleben, wie das Kleinstaatengerümpel sich trotz aller historischer Feindschaften zusammentut, trotz des entsetzlichen Holocausts und des zweiten Weltkrieges. Das ist so unglaublich. Wenn ich mir vor Augen halte, was da innerhalb von ein, zwei Generationen passiert ist, bin ich immer wieder angerührt.

Nun hat aber nicht jeder Bürger Europas solche Erfahrungen gemacht, Nationalismus und Rechtspopulismus sind verbreitet – was kann die EU dem entgegensetzen?

Ich kann für Europa nicht werben, indem ich sage: „Europa ist ganz wichtig.“ Ich muss sagen, warum Europa wichtig ist und warum die Formeln der Nationalisten einfach dumm sind. Ich kann doch nicht im Ernst Ungarn, Polen, Italien, Deutschland groß machen, indem ich mein Land wieder klein mache. In Wahrheit sind die Leute, die das Wiederaufrichten von Grenzen predigen, keine Nationalisten, sondern Antinationalisten, weil sie ihr Land wieder kleinmachen und ihm damit schaden. Jeder sollte einmal testhalber Europa für ein halbes Jahr ausschalten können und am eigenen Leib erfahren, was dann passiert. Im Wirtshaus sagen die Leute: „Wir sind alleine stark genug.“ Aber wie wird denn der Export ausschauen, von dem unser Land lebt, wenn wir uns die EU wegdenken? Diesem Land geht es nur deshalb gut, weil wir im europäischen Kontext gut aufgehoben sind.

Warum ist das „Soziale Europa“ eine Lösung?

Weil viele Leute denken: Europa ist ja schön und gut, aber es ist für die Banken da, für die Finanzindustrie, für die Wirtschaft. Was bringt mir der Binnenmarkt? Das stimmt zwar so nicht, aber das ist die Gefühlslage. Darum muss ich den Menschen klarmachen, was Europa ihnen bringt. Dass es mehr ist als eine Wirtschaftsgemeinschaft, nämlich eine Nutzgemeinschaft für den Einzelnen. Dazu gehört wesentlich das Soziale. Die Menschen haben erlebt, dass der Nationalstaat ihnen bei persönlichen Katastrophen wie Krankheit und Arbeitslosigkeit hilft. Er muss nun auch erleben, dass ihm Europa in solchen Situationen hilft. Und deswegen ist es gut, wenn auch Europa ein soziales Netz knüpft. Nicht, um die nationalen Netze abzuschaffen, sondern als zusätzliches Netz.

Was empfehlen Sie der Diakonie als Sozialanwältin?

Die „Diakonie-Charta für ein Soziales Europa“ ist wirklich gut gemacht, da steht viel Kluges drin. Aber um sie zu lesen, brauchen Sie mindestens eine halbe Stunde. Man muss wagen, das zu vereinfachen. Nennen Sie die zehn Punkte, die für die Fortentwicklung von Europa wichtig sind. Die zehn sozialen Gebote für Europa. So bringen Sie es auf den Punkt und machen es kommunizierbar. Über einzelne Punkte wie „Brauchen wir eine europäische Absicherung gegen Arbeitslosigkeit?“ kann man diskutieren. Die kann man plakatieren.

Wie ist Ihre Prognose für die Europawahlen 2019?

Es wird eine hohe Wahlbeteiligung geben, weil sowohl die Europagegner versuchen werden, ihre Europakritik noch stärker ins Parlament zu bringen. Und weil alle, die für Europa sind, wissen: Dieses ist der entscheidende Wahlkampf, um die Nationalisten zurückzudrängen. Ich hoffe, dass es eine hohe Wahlbeteiligung gibt und dass nicht nur die Parteien, sondern auch die Zivilgesellschaft, die Wohlfahrtsverbände und Gewerkschaften - alles, was Hände und Füße hat! - sich für Europa einsetzt.

Wenn der öffentliche Druck da ist, kann sich etwas in die richtige Richtung bewegen. Wenn es gut läuft, geht ja von der Diakonie-Charta eine Bewegung aus. Es finden sich andere, die sagen: „Genauso ist es!“ Und dann hat das bewusstseinsbildende Kraft. Politiker sind sensible Menschen, wenn es um Stimmungen in der Bevölkerung geht. Und wenn die Stimmung „Wir brauchen ein soziales Europa“ entsteht, dann ist der Erfolg nicht so weit weg wie man jetzt vielleicht glaubt.

 

Interview: Diakonie/Maja Schäfer