"Das Wichtigste ist, dass die Frauen nicht alleine sind"

5. Juni 2013
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Im Juni stimmt der Bundestag über die vertrauliche Geburt ab. Die Diakonie hat dazu eine Stellungnahme veröffentlicht. Babyklappen sind für verzweifelte Mütter oft der letzte Ausweg, sagt ihre Erfinderin Gabriele Stangl.

Gabriele Stangl
© Diakonisches Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz e.V.

Für Gabriele Stangl ist das Hilfsangebot für Frauen ein Glaubensprojekt

Gabriele Stangl sitzt auf einem roten Sessel. Neben ihr auf dem Sofa nehmen ihre Gäste Platz. Auf dem Tisch stehen frische Blumen, es gibt Tee und Schokolade. Der helle, warme Raum sieht aus wie ein Wohnzimmer. Über dem Sofa hängt ein Bild, genau das gleiche wie bei ihr zu Hause, verrät die Krankenhausseelsorgerin. Dieser Raum ist ein Büro im Evangelischen Krankenhaus Waldfriede. Und er ist Gabriele Stangls Arbeitsplatz, wenn sie nicht im Kreißsaal ist.

Erste Krankenhaus-Babyklappe in Berlin-Zehlendorf

Die Theologin hat vor knapp 13 Jahren die erste Babyklappe an einem Krankenhaus weltweit eingerichtet. Bis heute befindet sich die graue Klappe an einem Seitenflügel des Krankenhauses. Frauen in Notlagen kommen hierher und geben ihr Kind ab, um das sie sich nicht kümmern können. Wenn eine Frau ein Baby in die so genannte Babywiege legt, wird zeitverzögert der Alarm an der Pforte ausgelöst. Die Frau kann unbemerkt das Gelände verlassen. Ärztinnen und Ärzte versorgen das Baby. Es gibt strenge Standards, die das Krankenhaus selbst entwickelt hat. Das Jugendamt wird informiert, damit das Kind in ein Adoptionsverfahren gegeben werden kann.

Das alles ist aber nur der letzte Schritt. Gabriele Stangls Erfolg liegt darin, dass sie die Frauen meist früher erreicht. "Die Babyklappe ist so etwas wie ein großes Schild, das sagt: Wir helfen dir, ohne dich zu verurteilen", erklärt sie. Viele Frauen rufen an, um sich zu erkundigen, ob die Babyklappe wirklich anonym sei und ob sie wirklich nicht gesucht würden. So kommen sie ins Gespräch mit der Seelsorgerin und fassen Vertrauen. Die schwangeren Frauen sitzen dann auf dem roten Sofa in dem Wohnzimmer-Büro. "Ich sage oft: Leg doch erst einmal deine Beine hoch und entspann dich. Jetzt wird alles gut", berichtet die gebürtige Österreicherin von den Begegnungen mit den schwangeren Frauen. Dann berichten die Frauen von ihren Nöten. Einige sind misshandelt worden, andere in materieller Not oder mit einem Kind überfordert.

Halboffene Adoption als Alternative 

"Gabi", wie die Frauen sie nennen, hört erst einmal zu. Behutsam klärt sie die Frauen über ihre Möglichkeiten auf. Viele Frauen entscheiden sich nach den Gesprächen für eine halboffene Adoption. Das bedeutet, dass sie ihren Namen preisgeben und, dass ihr Kind allerspätestens im Alter von 16 Jahren die Identität der Mutter erfährt. Außerdem kann die leibliche Mutter das Kind regelmäßig sehen. In diesem Verfahren bekommt auch die Mutter regelmäßig Fotos des Kindes. Jedes Mal, wenn sie eine Frau aus der Anonymität geholt hat und ihr echte Perspektiven zeigen konnte, ist Stangl überglücklich. Aber: Im Notfall dürfen die Frauen das Kind auch anonym zur Welt bringen.

"Das Wichtigste ist doch, dass die Frauen nicht alleine sind", sagt die Pastorin. Sie hat Frauen kennen gelernt, die sich in ihrer Angst schon ein Lager im Keller gebaut hatten, um das Kind alleine zur Welt zu bringen. Einige Frauen denken sogar darüber nach, sich das Leben zu nehmen. Wenn sie bei Gabriele Stangl auf dem Sofa sitzen, spüren sie, dass sie Hilfe bekommen. Die Theologin organisiert die Untersuchungen für die Frauen und ist auch bei den Geburten dabei. "Ich habe oft Schrammen an den Händen vom Hände drücken", berichtet sie.

Viel Zeit bleibt für ein Privatleben nicht, das gibt Gabriele Stangl zu. "Ich brauche sieben Minuten von zu Hause hierher. Ich komme bei Tag und Nacht", erzählt sie. Da passiert es schon einmal, dass der Kaiserschmarrn auf dem Herd anbrennt, weil eine Frau Hilfe brauchte. Warum sie das alles macht? "Für mich ist das ein Glaubensprojekt, so lebe ich meinen Glauben", sagt sie. Dann klingelt das Telefon, eine Frau braucht Hilfe.

Text: Lena Högemann

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift "Diakonie für Sie" des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz e.V. (DWBO) erschienen.

Stellungnahme der Diakonie: Gesetzentwurf zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt

Am 6. Juni stimmt der Bundestag über den Gesetzentwurf zur sogenannten vertraulichen Geburt ab. Er würde Schwangeren erstmals erlauben, ihr Kind anonym zu gebären. Sie müssten sich bei einer Fachberatungsstelle zur vertraulichen Geburt melden. Dort würden ihre Daten erfasst, aber in einem Umschlag versiegelt werden, den das zur Adoption freigegebene Kind ab einem Alter von 16 Jahren einsehen dürfte. Im Krankenhaus könnten die Frauen ihre Identität hinter einem Pseudonym verbergen.

In einer Stellungnahme zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt ist die Position der Diakonie Deutschland und der Evangelischen Konferenz für Familien- und Lebensberatung – EKFuL – nachzulesen.