Corporate Governance Kodex

11. Oktober 2016
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  • Diakonisches Profil

Der Deutsche Corporate Governance Kodex stellt wesentliche gesetzliche Vorschriften zur Leitung und Überwachung deutscher börsennotierter Gesellschaften dar.

Er enthält in Form von Empfehlungen und Anregungen international und national anerkannte Standards guter und verantwortungsvoller Unternehmensführung. Als der Deutsche Corporate Governance Kodex 2002 in Deutschland eingeführt wurde, sollte damit vor allem verloren gegangenes Anlegervertrauen aufgrund der vorhergegangenen Unternehmensskandale wiederhergestellt werden.

Die Diakonie hat 2002 einen Diakonischen Corporate Governance Kodex verabschiedet. In einem Interview erklärt Dr. Jörg Kruttschnitt, Vorstand Finanzen, Personal, Organisation, Recht und Wirtschaft der Diakonie Deutschland, welche Erfahrungen sie damit gemacht hat.

Die Diakonie ist kein Aktienunternehmen. Warum hat sie dennoch bereits 2005 einen Diakonischen Corporate Governance Kodex verabschiedet?

Jörg Kruttschnitt: Der Deutsche Corporate Governance Kodex richtet sich in der Tat vor allem an Aktienunternehmen. Die Regierungskommission, die für diesen deutschen Kodex verantwortlich zeichnet, empfiehlt seine Beachtung jedoch auch allen anderen Gesellschaften, Unternehmen, Einrichtungen. Und das aus gutem Grund: das mit dem Deutschen Corporate Governance Kodex verfolgte Ziel von good governance betrifft uns nämlich alle – das riesige internationale Aktienunternehmen ebenso wie die lokale diakonische Einrichtung nebenan.

Der Deutsche Corporate Governance Kodex setzt sich daher mit vielen Themen auseinander, die auch für die Diakonie und ihre Einrichtungen von enormer Bedeutung sind: zu denken wäre hier etwa an Transparenz und Nachhaltigkeit oder auch an die Optimierung der Kommunikations- und Kontrollstrukturen – das sind alles Dinge, die nicht nur Aktiengesellschaften betreffen, sondern auch für uns als Diakonie enorm wichtig sind.

Deshalb haben wir den Impuls, den die Regierungskommission mit dem Deutschen Kodex 2002 gesetzt hat, sofort aufgegriffen und überlegt, wie wir die Kernpunkte dieses Kodexes für den diakonischen Bereich nutzbar machen können. Das Ergebnis dieser Überlegungen war dann der erstmals 2005 verabschiedete Diakonische Corporate Governance Kodex – kurz DGK.

Worum geht es in dem Diakonischen Corporate Governance Kodex, was sind seine Schwerpunkte?

Kruttschnitt: Fangen wir mal ein bisschen abstrakter an: mit dem diakonischen Kodex haben wir das deutsche Corporate Governance System auf den diakonischen Bereich übertragen und wir haben dieses System dabei zugleich an die diakoniespezifischen Anforderungen angepasst.

Konkret bedeutet das, dass der Diakonische Corporate Governance Kodex ein ganzes Bündel an gesetzlichen Vorgaben, internationalen und nationalen Standards aber auch Empfehlungen und Anregungen für Maßnahmen und Organisations- und Kontrollstrukturen enthält, die alle ein gemeinsames Ziel haben: das Diakonische Profil, die Fachlichkeit und die Wirtschaftlichkeit aller Mitgliedseinrichtungen zu fördern und damit gute und verantwortungsvolle Einrichtungsführung zu unterstützen.

Was haben Einrichtungen der Diakonie davon, wenn sie den DGK in ihrem Haus umsetzen? Was haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Kunden, Klienten, Bewohner von einem DGK?

Kruttschnitt: Der DGK möchte auf ganz verschiedenen Ebenen Hilfestellung leisten und Orientierung geben – und entsprechend können eine Einrichtung, ihre Mitarbeitenden, Kunden, Klienten, Bewohner auch auf ganz verschiedenen Ebenen vom Diakonischen Kodex profitieren.

Ich versuche einfach mal, das in ein paar Beispielen zu verdeutlichen:

  • Wenn wir mit dem Kodex die Effektivität von Kommunikations- und Kontrollstrukturen stärken, dann senken wir damit die Wahrscheinlichkeit von Einrichtungskrisen.
  • Gleiches gilt für den Punkt Interessenkonflikt: auch hier gibt der Kodex Orientierung für Umgang und Offenlegung und schütz damit die Einrichtung als Ganzes ebenso wie alle mit ihr verbundenen Personen und Gruppen.
  • Vor dem Hintergrund der Förderung sozialer Gerechtigkeit setzt sich der Kodex auch ein für die Förderung von Vielfalt und für die Berücksichtigung unterschiedlicher Lebenssituationen der Mitarbeitenden. Der neue Kodex, d.h. die überarbeitete Version, die die Konferenz jetzt verabschiedet hat, enthält auch extra ein Kapitel zur Thematik der Gleichstellung der Geschlechter. Und dann ist alles, was der diakonische Kodex so an Einzelheilten festschreibt und empfiehlt und anregt natürlich auch ganz wichtig für das Ziel optimaler Transparenz und damit für die Stärkung des Vertrauens in uns als Diakonie:

Eine Einrichtung, die den DGK umsetzt, leistet einen ganz enormen Beitrag zu einer verbesserten Transparenz - damit zu einer Stärkung des Vertrauens der Öffentlichkeit, der Kunden und Klienten, der Spenderinnen und Spender, der Sozialleistungsträger und Zuwendungsgeber, aber auch der Kirchen und der Mitarbeitenden in die Qualität der Arbeit der Diakonie und in die Führung, Leitung und Überwachung ihrer Einrichtungen und Dienste.

Wir als Diakonie haben eine hohe Verantwortung nach Innen und nach Außen – und die Umsetzung des DGK hilft uns, dieser gerecht zu werden.

Ist es ein Alleinstellungsmerkmal der Diakonie oder haben das andere Wohlfahrtsverbände auch?

Kruttschnitt: Nein, ein Alleinstellungsmerkmal ist unser Kodex nicht – auch andere Wohlfahrtsverbände haben die Wichtigkeit und auch die Chance erkannt und in Anlehnung an den Deutschen Corporate Governance Kodex ihren eigenen Kodex geschaffen. Die Diakonie war mit ihrem ersten Kodex-Aufschlag 2005 allerdings eine der ersten, die sich dem Prinzip von good governance verschrieben und einen eigenen diakonischen Corporate Governance Kodex entwickelt hat. Mittlerweile ist so ein Kodex im Wohlfahrtsbereich Standard – und wir sind froh und stolz, dazu einen Beitrag geleistet zu haben.

Welche Erfahrungen hat die Diakonie mit dem Kodex gemacht? Wieviel Träger und Einrichtungen haben den Kodex übernommen? Wie wird die Einhaltung überprüft? Nur intern oder auch durch ein externes Audit?

Kruttschnitt: Die Wahrnehmung des Kodex in der Diakonie ist noch recht unterschiedlich. So haben etwa verschiedene Landesverbände die Verpflichtung auf den Kodex bereits in ihre Satzung integriert. An anderer Stelle ist sein Bekanntheitsgrad noch ausbaufähig und er wird eher als Orientierungshilfe gesehen. Obwohl wir seit der Einführung im Jahr 2005 schon viel erreicht haben, ist noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten.

Ein eigener externer Audit, wie etwa bei der Zertifizierung eines Qualitätsmanagementsystems, ist nicht vorgesehen. Wir empfehlen unseren Mitgliedern, den Umsetzungstand regelmäßig zu erheben und in einem so genannten Coporate-Governance-Bericht zusammenzufassen. Die zuständigen Aufsichtsgremien bzw. die Mitgliederversammlungen können selbst entscheiden, ob Sie eine externe Prüfung, etwa durch einen Wirtschaftsprüfer, beauftragen wollen.

Welche Neuerungen/Änderungen gibt es in der überarbeiteten Version der Diakonie?

Kruttschnitt: Der neue Kodex, also die überarbeitet Version, enthält eine Reihe von Aktualisierungen, Weiterentwicklungen und Neuerungen. Die überarbeitete Fassung trägt damit den sich wandelnden diakoniespezifischen Anforderungen ebenso Rechnung wie den Veränderungen in der Gesellschaft und dem Wandel der rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Wir haben z.B. das Instruments der Compliance in den Kodex aufgenommen und die Kommunikations- und Kontrollmechanismen zwischen den verschiedenen Einrichtungsorganen weiter gestärkt. Ganz neu in den Kodex aufgenommen worden ist auch die sogenannte Business Judgement Rule in Bezug auf unternehmerische Entscheidungen der Mitglieder von Vorstand und Aufsichtsgremium. Das sind also Beispiele, bei denen die Kodex-Überarbeitung aus wirtschaftlichen und rechtlichen Anpassungsbedarfen herrührt.

Ganz anders – nämlich sozialpolitisch ausgerichtet – ist das neu in den Kodex aufgenommene Bekenntnis zum langfristigen Ziel geschlechtergerecht besetzter Gremien, Organe und Leitungsfunktionen.

Und dann enthält der Kodex nun auch eine turnusmäßige Überprüfungspflicht, d.h. spätestens alle 6 Jahre muss ganz genau geprüft werden, ob der Kodex so, wie er jetzt auf dem Papier steht, noch aktuell ist oder ob er geändert und angepasst werden muss. Diese turnusmäßige Überprüfungspflicht hört sich zunächst vielleicht nicht richtig spektakulär an – aber wenn man es richtig besieht, ist sie ganz enorm wichtig: sie garantiert nämlich, dass der Diakonische Corporate Governance Kodex sich immer wieder neu den wandelnden Gegebenheiten, Anforderungen und Zielen anpasst und damit auch in der Zukunft stets Hilfe und Orientierung bieten kann bei der Beantwortung der Frage, was good governance, d.h. gute und verantwortungsvolle Einrichtungsführung zum Wohle aller im diakonischen Kontext bedeutet und wie man sie sichert.

Interviewpartner

© OSTKREUZ/Thomas Meyer

Dr. Jörg Kruttschnitt

Vorstand Finanzen, Personal, Organisation, Recht und Wirtschaft

030 65211-1609

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