Betreuungskonzept für Demenzkranke

20. Oktober 2014
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  • Gesundheit und Pflege

Rund 1,5 Millionen Menschen sind nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft demenzkrank. Das Elisabeth Diakoniewerk baut seine Pflege nach den Bedürfnissen Demenzkranker um. Und schafft so mehr Lebensqualität.

Ein Haus, davor ist ein Teich

Viel Fürsorge – Menschen mit Demenz brauchen spezielle Betreuungskonzepte

"Unser Ziel ist es, verschiedene Lebenswelten speziell für demenzkranke Menschen zu entwickeln. Diese sind je nach Stadium der Demenzerkrankung an den Bedürfnissen der Menschen orientiert", sagt Peter Molle, Einrichtungsleiter des Elisabeth Diakoniewerks in Berlin-Niederschönhausen. Dies umfasst sowohl das Pflegekonzept und die Mitarbeiterstruktur als auch die Raum-, Farb- und Lichtgestaltung in der jeweiligen Lebenswelt.

"Im Mittelpunkt steht für uns die Frage: Was brauchen die demenzkranken Menschen in ihrer jeweiligen Situation? Was benötigen diejenigen, die ihren Alltag noch weitgehend selbstständig organisieren können? Wie unterstützen wir die Menschen am besten, die nur noch liegend am Leben teilnehmen können?"

Das Elisabeth Diakoniewerk ist eine Einrichtung der Stephanus Wohnen & Pflege gGmbH, einer Tochtergesellschaft der Stephanus-Stiftung. Bislang bietet das Elisabeth Diakoniewerk klassische stationäre Altenpflege an: In verschiedenen Wohnbereichen werden Menschen mit und ohne Demenz zusammen gepflegt. Nur in einem Wohnbereich, der Arche, leben bereits jetzt ausschließlich demenzkranke Menschen. Dabei leiden rund 80 Prozent der Bewohner des Elisabeth Diakoniewerks an Demenz.

Demenz beeinträchtigt die geistige Leistungsfähigkeit. Die Menschen verlieren nach und nach ihr Gedächtnis, ihre Sprache, die Orientierung und ihr Urteilsvermögen. Sie verlernen und vergessen Fähigkeiten und Kenntnisse, die sie im Laufe ihres Lebens erworben haben. Dadurch können demenzkranke Menschen ihr Leben zunehmend nicht mehr selbständig führen bis sie komplett auf fremde Hilfe angewiesen sind.

Gemischtes Pflegeheim keine Lösung

Etwa zwei Drittel der an Demenz erkrankten Menschen werden von Angehörigen zuhause gepflegt. Wenn dies nicht möglich ist, kommen die Menschen in eine Pflegeeinrichtung. Dort sind die Wohnbereiche, wie bislang auch im Elisabeth Diakoniewerk, größtenteils gemischt. Keine ideale Lösung – sowohl für die Bewohner als auch die Pflegekräfte.

Marco Hamann, Pfleger und Wohnbereichsleiter im Elisabeth Diakoniewerk, nennt ein Beispiel: "Neulich saßen 3 unserer Bewohnerinnen zusammen am Tisch zum Mittagsessen. Eine der Damen, die an Demenz erkrankt ist, holte ihr Gebiss aus dem Mund und legt es auf den Tisch. Da rümpften die beiden anderen die Nase und der Appetit war ihnen vergangen."

Im Alltag benötigen demenzkranke Bewohner eine andere Pflege und mehr Zuwendung. Viele leiden unter Unruhe, dem Drang weg- oder umherzulaufen, sie sind ängstlich oder aggressiv. Pflegekräfte, die nicht speziell im Umgang mit demenzkranken Menschen geschult sind, sind damit häufig überfordert. "Irgendwann haben wir gemerkt, dass es so nicht mehr geht und wir uns auf die steigende Zahl demenzkranker Menschen und ihre Bedürfnisse ganz anders einstellen müssen", sagt Pflegedienstleiterin Alexandra Bach.

Drei Lebenswelten 

Vorbild für die Umstrukturierung im Elisabeth Diakoniewerk ist das sogenannte 3-Welten-Modell, das im Jahr 2000 durch den Schweizer Gerontopsychiater Christoph Held entwickelt wurde. Held geht davon aus, dass sich die Lebenswelt demenziell erkrankter Menschen stetig verändert. Er teilt sie in 3 Stufen ein: In Welt 1, der Welt der kognitiven Erfolgslosigkeit, sind die Menschen zunehmend antriebsschwach und ziehen sich aus sozialen Kontakten zurück. Sie leiden bereits an Gedächtnisverlust, ihre Organisationsfähigkeit und ihr Urteilsvermögen sind eingeschränkt. Menschen in dieser ersten Lebenswelt verlieren beispielsweise häufig den Gesprächsleitfaden, ihnen fehlen die passenden Wörter, sie können Inhalte eines Gesprächs nicht mehr verstehen oder sinnvoll daran anknüpfen.

Die Lebenswelt 2 beschreibt Held als eine Welt der kognitiven Ziellosigkeit, in der die Menschen den größten Teil ihrer Alltagskompetenz bereits verloren haben und kaum noch abstrakt denken oder handeln können. Ihr Verhalten ist durch innere und äußere Impulse gesteuert. Zudem haben sie bereits massive Probleme, sich zu orientieren und Menschen, Orte oder Gegenstände zu erkennen. In dieser Lebenswelt zeigen viele Demenzkranke sogenanntes Wanderverhalten: Sie laufen ziellos und suchend umher. Häufig sind sie sehr unruhig und verängstigt. Verbal können sie kaum noch kommunizieren.

Schließlich gehen demenzkranke Menschen in die Lebenswelt 3, die Welt der kognitiven Schutzlosigkeit über. Sie können sich verbal gar nicht mehr verständigen und auch Gestik und Mimik können nur noch durch speziell geschultes Personal entschlüsselt werden. In diesem Stadium können die Menschen keine gezielten Bewegungen mehr ausführen oder ohne Hilfe von Pflegekräften ihre Position verändern. Auch wichtige Steuerungsprozesse des Körpers, wie Atmung und Stoffwechsel, sind durch den massiven Abbau im Gehirn zunehmend beeinträchtigt. Die Menschen im Stadium der Lebenswelt drei sind vollständig auf die Hilfe der Pflegekräfte angewiesen.

In Anlehnung an Held entwickelt das Elisabeth Diakoniewerk ein eigenes Konzept. Gemäß dem 3-Welten-Modell wird es 3 unterschiedliche Lebenswelten für Menschen mit Demenz geben: In der Schönholzer Heide leben Menschen mit einer beginnenden Demenz in Wohngruppen zusammen. Die Mitarbeitenden unterstützen sie darin, ihren Haushalt zu führen und den Alltag noch möglichst weitgehend selbständig zu gestalten.

Die Lebenswelt 2 wird auf Menschen ausgerichtet, deren Demenz schon weiter fortgeschritten ist und die Wanderverhalten zeigen, also unruhig umher- oder weglaufen. So ermöglicht beispielsweise die dortige bauliche Gestaltung den Menschen, ihren Bewegungsdrang auszuleben: Auf Fluren und weiten Wegen können sie in einer Art Rechteck ohne Barrieren immer weiter umherwandern - prinzipiell ohne an ein Ende zu gelangen. Die Tagesstruktur ist wesentlich flexibler. Die Pflegekräfte sind speziell geschult, um trotz der nur noch sehr eingeschränkten verbalen Ausdrucksmöglichkeiten mit den demenzkranken Menschen kommunizieren und ihre Unruhe und Ängste lindern zu können.

Schmerzen lindern

In der Sonnenallee, entsprechend der Lebenswelt 3, werden kleine Pflegeoasen entstehen, in denen die Menschen, die nur noch liegend am Leben teilnehmen können, miteinander den Tag und die Nacht verbringen können. In dieser Lebenswelt ist die Pflegeintensität am größten, da die Menschen vollständig auf Hilfe angewiesen sind. Zudem geht es darum, Schmerzen zu lindern oder den Menschen angenehme Reize anzubieten, beispielsweise durch Musiktherapie.

Bis die Wohnbereiche inklusive der Organisationsstruktur tatsächlich entsprechend der Lebenswelten umgestaltet sind, ist es jedoch ein langer Weg. "Wir haben bereits vor 6 Jahren in einer Denkwerkstatt erste Ideen entwickelt", sagt Pflegedienstleiterin Bach. Das Konzept wird indessen erst zum Jahresende fertig sein. Dann folgen die ersten größeren baulichen Maßnahmen. "Es ist ein langwieriger Prozess, der nicht von heute auf morgen umzusetzen ist", sagt Werner Futterlieb. Er begleitet das Projekt seit 2 Jahren als strategischer Berater.

Einbezogen sind sowohl die Leitungsebene als auch Mitarbeitende und Bewohner des Elisabeth Diakoniewerks. "Wir denken und arbeiten in diesem Projekt abseits der üblichen Hierarchien. So eine große Veränderung kann nur gelingen, wenn wir alle gemeinsam daran mitwirken – und wenn alle dahinter stehen", sagt Einrichtungsleiter Molle. Daher werden bereits jetzt Gespräche mit den Mitarbeitenden geführt, um sie entsprechend ihrer Qualifikationen und Wünsche den späteren Lebenswelten zuzuordnen und bei Bedarf fortzubilden.

Konzept aus Sicht der Bewohner

Auch bei der Suche nach neuem Personal wird von vorneherein darauf geachtet, in welcher Lebenswelt später welcher Bedarf besteht – und wer dafür geeignet ist. "Nicht jeder möchte oder kann beispielsweise den ganzen Tag mit schwerstdemenzkranken Menschen arbeiten, hat dagegen jedoch vielleicht sehr viel Spaß daran, in der Lebenswelt Schönholzer Heide zu arbeiten und die Menschen darin zu unterstützen, ihren Alltag zu regeln", sagt Wohnbereichsleiter Marco Hamann. Bereits jetzt, sagt Hamann, bemerke er, dass Mitarbeitende motivierter sind und Lust haben, daran mitzuwirken, sowohl die Pflege als auch ihre eigene Arbeitssituation zu verändern und zu verbessern.

Das Projekt ist für das Elisabeth Diakoniewerk eine große Herausforderung – die alltägliche Arbeit läuft schließlich ganz normal nebenher. Alle Beteiligten sind jedoch von der Notwendigkeit und dem Erfolg überzeugt. "Bereits die bisherige Arbeit hat viel in Gang gebracht – und einen Perspektivwechsel ermöglicht", sagt Projektberater Futterlieb. Das Konzept ist aus Sicht der Bewohner geschrieben – und nicht mehr, wie viele klassische Pflegekonzepte, aus der Außenperspektive.

Die Umstellung auf die Lebenswelten werde, so Einrichtungsleiter Molle, zu höherer Zufriedenheit aller führen. "Am wichtigsten ist uns dabei, dass wir demenzkranke Menschen optimal versorgen und möglichst individuell auf ihre Bedürfnisse eingehen können", sagt Molle. In etwa 3 bis 4 Jahren, so schätzt Molle, wird das Konzept der Lebenswelten umgesetzt sein. Dann ist das Elisabeth Diakoniewerk eine der ersten Pflegeeinrichtungen in Deutschland, die eine derart spezifisch ausgerichtete Pflege anbietet und die demenzkranken Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Text: Diakonie/ Sarah Schneider