Auch Südafrika ist ein Einwanderungsland

8. Juli 2019
  • Journal
  • Flucht und Migration

Warum Deutschland und Südafrika in Migrationsfragen ähnlich sind und wie die beiden Länder voneinander lernen können, hat Migrationsexperte der Diakonie Deutschland, Johannes Brandstäter auf seiner Reise an die Südspitze Afrikas erfahren.

Verkäufer einer Straßenzeitung (rechts) und Johannes Brandstäter
© Eva Becker

Auch in Kapstadt werden Obdachlosenzeitungen verkauft. Migrationsexperte der Diakonie, Johannes Brandstäter mit einem Zeitungsverkäufer.

Warum reist ein Migrationsexperte der Diakonie nach Südafrika?

Die Diakonie und Brot für die Welt arbeiten in Bezug auf Migration eng zusammen. Brot für die Welt veranstaltete eine Konsultation mit Partnerorganisationen. Ich nahm daran teil, um besser zu verstehen, was Migration dort mit den Menschen macht und was für Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede es zwischen Südafrika und Deutschland gibt.

Worin bestehen die Gemeinsamkeiten beider Länder?

Beide Länder erleben geschürte Ängste und Gewalt gegen Menschen, die von woanders herkommen. In Deutschland ereignet sich das mehr in ländlichen Gegenden, wo nur wenige Eingewanderte leben, in Südafrika in den Ballungsräumen von Kapstadt und Johannesburg.

Migration wird im öffentlichen Diskurs beider Länder oft nur mit Krise und Großalarm verbunden. Dabei schafft sie doch für so viele Menschen ein besseres Leben. Migration bringt Wandel, aber keineswegs nur zum Schlechteren. Beide Länder verfolgen eine Politik der Abschottung: Deutschland unterstützt die Abriegelung des Mittelmeers. Südafrika versucht, Menschen von der irregulären Einreise über die Grenze abzuwehren, zum Beispiel über Limpopo, den Grenzfluss zu Zimbabwe, mit vielen Krokodilen, wo Schleuser die Menschen auf gefährlichem Wege übersetzen.

Die EU garantiert Freizügigkeit, aber ist versucht, diese Errungenschaft wieder einzuschränken. Die Afrikanische Union AU hat sich Freizügigkeit groß auf die Fahnen geschrieben, aber ihre Mitgliedstaaten verstärken überall die Grenzkontrollen – mit Hilfe der EU, obwohl sie für ihre Bevölkerung keine akzeptablen Lebensverhältnisse schaffen.

Worin bestehen die Unterschiede zwischen Deutschland und Südafrika?

In Südafrika funktionieren die Institutionen nicht so gut wie in Deutschland. Korruption und Nepotismus durchdringen die öffentlichen Einrichtungen. Sozialleistungen werden gekürzt oder gar nicht ausgezahlt, weil die Mittel vorher abgezweigt werden. Das schafft ein Klima der Wut. Es verwundert nicht, dass der Flüchtlingsschutz noch lückenhafter als bei uns ist.

Wie sind die Bedingungen für Geflüchtete in Südafrika?

Viele Menschen kommen als Flüchtlinge, zum Beispiel aus der Demokratischen Republik Kongo, dem Sudan, Somalia oder Burundi, aber die Politiker diskreditieren sie als Wirtschaftsmigranten. Neu ist, dass sie in Haft genommen werden. Die Regierung setzt alles daran, die Ankunftszentren, wo die Geflüchteten registriert werden, von den großen Städten an die Staatsgrenze vorzuverlagern, um die Menschen schneller abschieben zu können. Wer dann woanders hingeht, um dort zu arbeiten, muss für eine Aufenthaltsgenehmigung an den Ort der Erstantragstellung zurückkehren. Dies bedeutet für die Menschen, dass sie neben den hohen Transportkosten auch Verdiensteinbußen bis hin zum Verlust ihres Arbeitsplatzes riskieren, da sie in regelmäßigen Abständen für mehrere Tage nicht am Arbeitsplatz erscheinen können. Schulpflichtige Kinder können in diesen Zeiten nicht am Unterricht teilnehmen.

Die Kinderrechte kommen viel zu kurz: schon bei der Geburtsurkunde fängt es an – für Kinder ausländischer Eltern ist sie sehr schwierig zu erhalten. Das wiederum schränkt den Zugang zum Gesundheitssystem ein. Ohne Papiere können Kinder kaum zur Schule gehen.

90 Prozent der Asylanträge werden abgelehnt. Unter diesen Bedingungen suchen viele aus den nördlichen Ländern Zugereiste illegal eine Arbeitsstelle.

Wie geht die Regenbogennation Südafrika mit Diskriminierung um?

Ausländer werden sehr feindselig behandelt. Das wird in Südafrika mit Xenophobie beschrieben. Nach dem Ende der Apartheit verwundert es, dass diese Ausländerfeindlichkeit sich nicht etwa gegen weiße, sondern gegen schwarze Ausländer aus den südafrikanischen Nachbarländern richtet. Kommt ein Deutscher nach Südafrika, wird er als Investor gesehen, kommt ein Nigerianer, ist es ein Ausländer. Meine Gesprächspartner beklagten eine regelrechte Afrophobie. Auch aus ländlichen Gebieten in die Großstädte zugezogene südafrikanische Schwarze sind davon betroffen. Die Muster der Apartheid mit ihrer Gewalt und Segregation scheinen sich auf andere Weise fortzusetzen.

Plattformen wie Facebook und Twitter transportieren auch in Südafrika Hassbotschaften, die das Zusammenleben vergiften. Und wegen des Regenbogens: Verfolgte LGBT-Asylsuchende werden mit unzulässigen Fragen konfrontiert, warum sie lesbisch oder schwul sind und dann oft nicht als Flüchtlinge anerkannt.

Ich habe auch mit Rechtsanwälten und –anwältinnen gesprochen. Der Anteil der Fälle, in denen die Rechte von Eingewanderten verletzt werden, nimmt immer mehr zu. In der Verfassung Südafrikas steht zwar, dass alle dort Lebenden gleiche Rechte haben – bei der Gesundheitsversorgung wie im Arbeitsleben – aber in der Praxis grassiert die Diskriminierung. Die Rechtshilfeorganisationen gewinnen oft, wenn sie klagen. Doch die Behörden, allen voran die Ausländerbehörden, setzen die Urteile der Gerichte einfach nicht um, wurde mir berichtet.

Wie ist die Situation in der südafrikanischen Provinz?

Eine Sozialarbeiterin erzählte mir von der Ausbeutung und Misshandlung von Frauen und Männern, die aus den Nachbarstaaten oder aus anderen Provinzen Südafrikas zum Schuften gekommen sind. Die Farmen bringen die einzelnen Bevölkerungsgruppen durch unterschiedliche Behandlung gegeneinander auf. Die südafrikanischen Farmarbeitenden ärgern sich darüber, dass die aus Zimbabwe oder dem Kongo kommenden noch niedrigeren Lohn akzeptieren als sie selber verlangen können. Das führt dazu, dass die zugewanderten Farmarbeitenden und Erntehelfenden sich voneinander separieren, um sicherer vor Raub und Gewalt zu sein. Sie fürchten sich davor, für ihre Rechte und faire Behandlung einzutreten, weil sie ihre Jobs nicht verlieren wollen und vielleicht sogar in ihre Herkunftsländer deportiert werden. Man muss sich das vorstellen: Frauen aus Lesotho oder Zimbabwe verdienen manchmal nur 50 Rand am Tag, das sind knapp drei Euro. Im Extremfall müssen sie aber 700 Rand für das Zimmer zahlen, das sie sich oft noch mit Anderen teilen müssen. Nun weiß ich also, warum der Cabernet Sauvignon in meinem Supermarkt in Berlin oder Stuttgart für weniger als zwei Euro zu haben ist.

Was tut Brot für die Welt vor Ort?

Die Partnerorganisation von Brot für die Welt Women on Farms unterstützt Bewusstseinsarbeit, Empowerment (Ermächtigung) und einkommensschaffende Maßnahmen. Sie informiert über die Rechte der Farmarbeitenden und macht den Frauen Mut, überhaupt sprechen zu können, und sich über die Grenzen der Bevölkerungsgruppen hinweg austauschen zu können. Ich konnte bei einem Treffen dabei sein. Es war beeindruckend zu sehen, was für einen Mut die Frauen in solchermaßen geschützten Räumen entwickeln. Ebenso wichtig ist eine durchsetzungsfähige Rechtshilfe, wie sie das Legal Resource Center (LRC) leistet.

Was hat die Partner am meisten beeindruckt, aus Deutschland zu hören?

Viele sind beeindruckt von der vorübergehenden Öffnung der Grenzen im Sommer 2015. Weniger im Blick ist die enge Zusammenarbeit der Bundesregierung mit der EU bei der Abriegelung des Mittelmeers. In Afrika steht Deutschland also in relativ gutem Licht da, während die die EU und ihre südlichen Mitgliedsstaaten mehr für die Abschottung stehen.

Beeindruckt hat auch meine Darstellung über die individuelle und passgenaue Fallberatung der Diakonie in der Migrationsberatung, in der oft mit bis zu zwanzig Stellen im Sozialraum – von Ausländerbehörde bis zu Arbeitsamt und Schule – Vernetzungen stattfinden. Dass ein derartiges Zusammenspiel funktioniert, ja dass überhaupt die einzelnen öffentlichen Stellen in Deutschland funktionieren, das löst schon Bewunderung aus.

Die Diakonie und Brot für die Welt arbeiten hier zusammen. Sollte diese Zusammenarbeit ausgebaut werden?

Brot für die Welt und die Diakonie sind in der Migrationsarbeit bundesweit und international starke Player. Sie sollten ihre Zusammenarbeit systematisieren und noch weiter ausbauen. Es geht um den Austausch von Erfahrungen, denn die Probleme mit Hassrede, Menschenhandel, Arbeitsausbeutung, entwürdigenden Aufenthalts- und Passgesetzen, Beschränkungen bei der Wohnsitznahme oder intersektionaler Diskriminierung sind ja überall ziemlich ähnlich und unterscheiden sich nur darin, wie stark sie in den Ländern jeweils ausgeprägt sind. Vor allem geht es aber darum, sich noch viel besser zu vernetzen und grenzübergreifende Bündnisse zu bilden. Die Strukturen, die wir in den einzelnen Ländern zur individuellen Beratung und zum Schutz vor Ausbeutung und Gewalt bereits haben, müssen international wirksam verknüpft werden.

Wir können auch einiges voneinander lernen. Die südafrikanischen Sozialorganisationen haben bei Integration und Traumaarbeit eine etwas andere Perspektive als die diakonischen Träger in den deutschen Städten und Gemeinden. Sie schauen zuerst auf das Kollektiv: wie können Partizipation und Gerechtigkeit für die people on the move (mobile Menschen) geschaffen werden, wie können Traumata und Verletzungen für die gesamte Gemeinschaft gelindert werden? Es geht ihnen um eine Heilung der verletzten Beziehungen untereinander. Das ist von Grund auf natürlich viel politischer als bei uns. Unsere Träger in Deutschland sind aber sehr stark darin, zielgenau für einzelne Menschen nach ihren individuellen Bedürfnissen und Notwendigkeiten etwas in ihrem Leben zu verändern. Das ist für diese Menschen sehr wirksam. Aber der Aufwand ist größer, und die institutionellen Voraussetzungen, Integration zu organisieren, sind bei uns ungleich besser. Die südafrikanischen Träger kümmern sich auch um die Einzelnen, aber sie schauen zuerst auf das Ganze und auf das Politische.