Arbeit mit Ausblick

18. November 2014
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Im Münchner Café "coffee and work" der Diakonie kochen und servieren acht langzeitarbeitslose Menschen täglich frische Menüs. Wer hier in der Küche steht, arbeitet nicht nur für Kunden. Er feilt am Rezept seiner Zukunft.

Zwei Männer schneiden Gemüse
© Diakonie/Lisa Böttinger

Früher langzeitarbeitslos, heute ein Job mit Perspektive: Koch Peter Würfel (hinten) und Kollege Richard Flieger haben Spaß bei der Arbeit

Peter Würfel lächelt, wenn er über sein Alkoholproblem spricht. Elf Jahre ist es her, dass er als Küchenchef in einem Münchner Restaurant elf Angestellte unter sich hatte. Heute ist er es, der Anleitung braucht. "Wenn ich morgen nicht mehr herkommen könnte, ginge bergab mit mir", sagt der 44-Jährige und schneidet drei Gurken in exakt gleich dünne Scheiben. Heute sollen vierzig Besucher eines Firmenevents mit Canapés, Muffins und Kuchen bewirtet werden. Würfel gießt Muffin-Teig in kleine Papierförmchen und geht die Zutaten für das Mittagessen durch: Spaghetti Carbonara für die Gäste des Cafés, rund 20 sind es täglich. Eine Stunde, in der er arbeitet, ist eine sinnvolle Stunde. Würfel strahlt.

Arbeit für die Seele

Das "coffee and work" ist ein Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekt. Menschen, die lange auf Arbeitssuche waren, gewinnen hier Einblicke in die Anforderungen des ersten Arbeitsmarktes. Für Peter Würfel bedeutet sein Ein-Euro-Job: Struktur und Verantwortung. Jeden Morgen um viertel nach sieben steht er beim Bäcker, um Semmeln für den Schulpausenverkauf zu besorgen. Seine "Großfamilie", wie Würfel das Café und sein Team nennt, bietet Frühstück, Mittagessen, Kuchen und Caterings. Außerdem bereiten Würfel und seine Kollegen täglich Pausenpakete für benachteiligte Münchner Schulkinder zu. "Ich merke, dass mir hier etwas anvertraut wird. Je mehr Aufgaben ich bekomme, umso besser fühle ich mich", sagt der gelernte Koch.

Seine Sucht macht es ihm unmöglich, in der normalen Gastronomie zu arbeiten, wo Bier und Schnaps nur einen Handgriff weit entfernt stehen. Drei Langzeittherapien haben daran nichts geändert.

Pia Mahler kennt das Problem. "Drogensucht und psychische Probleme sind häufig ein Grund, warum ein Teilnehmer nicht zum Projekt kommt", sagt die Hauswirtschafterin, die bei Bedarf mit einer Sozialpädagogin zusammenarbeitet. Auch heute fehlt einer von Würfels Kollegen. "Jeder Tag hier ist eine Überraschung", sagt Mahler.

Deshalb plant sie gemeinsam mit Würfel und seinem Kollegen Richard Flieger die Menüs, kauft ein und achtet darauf, dass an stressigen Tagen wie heute alles glatt läuft. Für die Teilnehmer gelten die Regeln des ersten Arbeitsmarktes: Es gibt feste Arbeitszeiten. Wer krank ist, muss sich abmelden. Würfel geht es eher um die Anerkennung. "Wenn es den Leuten schmeckt, das ist einfach schön. Ich habe auch schon in anderen Projekten gekocht, da hat niemand was gesagt. Die haben gedacht, der Depp macht das schon."

Würfel hat schon viele Erfahrungen mit Ein-Euro-Jobs hinter sich. Manche brachten ihn an seine Grenzen. Die Arbeit als Küchenkraft in einer alkoholfreien Kneipe am Münchner Hauptbahnhof gab er nach kurzer Zeit auf. "Da ging es ganz schön drunter und drüber am Mittag", sagt er. Mit Druck umgehen, das fällt Würfel schwer. Als er nicht mehr kommt, sollen ihm dreißig Prozent des Arbeitslosengeldes II gestrichen werden. Vier Wochen später fängt er bei "coffee and work" an – seine Betreuerin der Diakonie Rosenheim kann die Sanktion deshalb noch einmal verhindern. Würfels Sprache überschlägt sich, wenn er über solche kritischen Momente spricht. Er schließt seinen Mund beim Reden ein wenig zu schnell, um sofort wieder zu lächeln. Er will nicht jammern, er kämpft um das, was er im "coffee und work" gewonnen hat: Respekt, Mitsprache, einen geregelten Tagesablauf.

Als das Team vom "Pausenglück" zurückkehrt, dem Projekt für bedürftige Schulkinder, hat Würfel schon 30 Muffins zubereitet und verpackt. Für 50 Kinder zweier nahegelegener Mittel- und Förderschulen schmiert er morgens Butterbrezeln und Käsesemmeln. Abdel, der aus Kasachstan kommt und seinen echten Namen nicht nennen will, ist gelernter Bäcker und fährt die Pausenpakete aus. "Meine Mutter hat mir nie ein Pausenbrot gemacht. Ich hätte mich gefreut", sagt der 33-Jährige und stapelt die leeren Brotkisten.

Projekt sucht Pausenpaten

Damit alle bedürftigen Kinder morgens ein Frühstück bekommen, sucht das Projekt "Pausenglück" noch Pausenpaten, die monatlich einen kleinen Betrag spenden. Abdel hat sich für das kommende Jahr in verschiedenen Bäckereien beworben. Die Arbeit im "coffee and work" bietet für ihn eine Alternative zu Leiharbeitsfirmen, bei denen er hart arbeitet und kaum verdient. "Das hier ist zumindest sinnvoll", sagt er.

Abdels Arbeitstag ist vorbei, als Peter Würfel die letzten Vorbereitungen für das Catering am Nachmittag trifft. Im Backofen gart ein Apfelkuchen, Duft erfüllt den kleinen Raum des ehemaligen Copy-Shops. Würfel erwartet die ersten Stammgäste. Zweimal hat er die reguläre Arbeitsdauer von sechs Monaten im "coffee and work" schon verlängert. "Land in Sicht" – so beschreibt er seine Hoffnung, wenn er an die Zeit danach denkt. Wenn alles gutgeht, kann er ab März 2015 in einer Münchner Kita kochen. Er wünscht sich, dort das gleiche Gefühl zu haben, wie bei seiner jetzigen Arbeit. "Wenn ich nach Hause komme, freue ich mich einfach, dass es super gelaufen ist. Und vor allem freue ich mich, dass ich am nächsten Tag wieder herkommen kann", sagt er, "wenn es geht, bis ich in Rente gehe."

Text: Diakonie/Lisa Böttinger