Anleben gegen Hoffnungslosigkeit

20. April 2017
  • Journal

Seitdem der Kosovo als sicheres Herkunftsland gilt, werden abgelehnte Asylbewerber schneller abgeschoben. Doch was erwartet die Rückkehrer in ihrer Heimat?

Traktor vor Haus neben blattlosem Baum
© Diakonie/ Natascha Gillenberg

Menschen, die aus Deutschland wieder in den Kosovo zurückkehren, finden sich oft in Armut und Elend wieder.

Draußen, am Fensterbrett eingeklemmt: Eine Plastikrose. Die nicht kleinzukriegende Sehnsucht nach Schönheit und Würde in einer ansonsten mehr als trostlosen Umgebung. Besim Kameri, 49, führt eine schiefe Stufe hinauf in den einzigen Raum, aus dem sein winziges Haus besteht. Ein paar Matratzen, auf denen die fünfköpfige Familie nachts schläft, dazu ein kleines Regal an der Wand, und, festgeknotet an der Gardinenstange, Tüten, um die wenigen Habseligkeiten aufzubewahren. In der Mitte ein niedriger Tisch, auf dem Besims Frau gerade Fladen zubereitet, ein Holzofen, dessen Rauch sich scharf in Nase und Lunge setzt und nach einiger Zeit das Atmen schwer macht.

Besim hebt ohnmächtig die Schultern und braucht gar nicht viel mehr zu erzählen, um erahnen zu lassen, wie sehr er an diesem Leben schon lange verzweifelt. Dann macht er einen Schritt in die Ecke des Raums, klappt Teppich und eine Holzplatte beiseite. Eine Art Abfluss wird sichtbar. "Unsere Dusche", sagt er, und deutet mit einer Flasche an, wie das dann geht. Fließend Wasser gibt es hier nicht, ein Badezimmer sowieso nicht, und die Toilette besteht aus einem Plumpsklo aus Autoreifen hinter einem Bretterverschlag 50 Meter entfernt auf einer Wiese neben der Siedlung.

Es gibt keine Perspektive für ihn. Der Familienvater schlägt sich als Tagelöhner durch. Das Geld reicht kaum für Nahrungsmittel oder um den Bus zu bezahlen, mit dem die Kinder jeden Tag zur Schule fahren. Oft genug kommt Besim auch mit leeren Händen nach Hause.

Spuren von Krieg bis heute

Dabei bemüht er sich, mangelnde Ausbildung mit Tatkraft wettzumachen. Aber in diesem Land haben die schrecklichen Jahre von Krieg und Zerstörung bis heute ihre Spuren hinterlassen. Dazu der international umstrittene Völkerrechtsstatus der Republik Kosovo und ihre unklare EU-Perspektive, dann die anhaltende Kriminalität und Korruption: Das alles blockiert allerorten jede Entwicklung und lässt nur schwer neue Chancen entstehen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent, die unter Jugendlichen, die die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, sogar bei mindestens 60 Prozent.

 

Als vor zwei Jahren für Besim nichts mehr ging in diesem Leben in diesem winzigen Haus in Reznik bei Vushtrri mit diesen fingerbreiten Rissen in den Wänden, durch die man nach draußen in den Himmel gucken kann, hat er sich – wie so viele andere - mit seiner Familie aufgemacht Richtung Hoffnung.

Die suchte er in Deutschland. An Mosel und Rhein, in der "Stadt, in der man gleich zu Hause ist", wie ihr offizieller Slogan heißt. Erst das Flüchtlingsheim, dann eine eigene Wohnung. Seine Kinder besuchen die Schule und lernen Deutsch, während seine Frau und er in der Kommune aushelfen. Denn geschenkt haben wollen sie nichts. Schließlich sind sie für diese Hoffnung sehr dankbar. Sie ist das, was sie zum Leben brauchen.

Ende der Hoffnung

Was ihnen nicht klar ist: Dass ein Haus mit fingerdicken Rissen in den Wänden und einer Plastikflaschendusche kein ausreichender Grund sind. Dass Tatkraft und Dankbarkeit eben nicht reichen. Sondern dass entscheidend ist, dass sie "Wirtschaftsflüchtlinge" aus einem "sicheren Herkunftsland" sind.

Nach einem Jahr also: Das Ende der Hoffnung. Die Familie hat Deutschland wieder zu verlassen. Jetzt leben sie wieder in diesem elenden Haus; nur den qualmenden Holzofen gab es vorher hier nicht – eine Starthilfe von Deutschland für die "freiwilligen Rückkehrer", die doch eigentlich nicht zurückwollten. Etwa 5.000 von ihnen gab es im vergangenen Jahr laut Auskunft der Deutschen Botschaft in Pristina.

Hoffnung: Das ist eine Nähmaschine. Zumindest für die 47jährige Emine Hazim. In einem kleinen Ladenlokal in Fushe Kosova bei Pristina hat sie eine kleine Schneiderei eröffnet. Im Schaufenster stehen festliche Kleider mit Glitzertops. Hochzeiten, Verlobungen, Beschneidungen: Solche Feste spielen im Kosovo eine große Rolle, und wenn Emine neben den kleinen Änderungen auch das eine oder andere Kleid schneidern kann, wäre schon geholfen. Die alte "Singer", deren Nadel gerade über den dunklen Stoff in ihrer Hand surrt, hat sie über das Rückkehrerprojekt der Diakonie Kosova bekommen, ebenso ein gebrauchtes Dampfbügeleisen.

Hoffnung: Das ist eine Nähmaschine

Nähmaschinen wie diese hat der Leiter der Diakonie Kosova, Bernd Baumgarten, als Spenden in Deutschland gesammelt und hierhergebracht. Eine bescheidene Arbeitsausstattung, aber immerhin ein Anfang – und eine, mit der andere Frauen auch eine erste Schneiderinnen-Ausbildung erhalten können, um sich dann selbständig zu machen.

Zu rund 1.000 Rückkehrer-Familien wie der von Emine hat die Diakonie Kosova Kontakt und versucht, vorsichtig neue Perspektiven aufzubauen. Denn die meisten haben – wenn sie überhaupt jemals etwas besaßen – alles verkauft, um irgendwie nach Deutschland zu kommen. Als Emine letztes Jahr mit ihrem Mann und den Kindern aus Deutschland wieder im Kosovo landete, hatten sie nichts mehr. Den erzwungenen Rückflug in ihre Heimat, so erzählen sie, hätten sie vom letzten Geld noch selbst bezahlen müssen; das macht sie bis heute ganz fassungslos.

In Erlangen haben sie gelebt, rund ein Jahr lang, sich dort ebenso aktiv eingebracht wie die Kazims in Koblenz. Ein Artikel aus der fränkischen Lokalzeitung berichtet davon, mit Schwarzweißfoto – sie haben ihn aufgehoben und mit nach Pristina genommen, damit keiner vergessen kann, wie das war. Deutschland kannten sie bereits gut: 1999 waren sie zum ersten Mal gekommen, als sie vor dem Wahnsinn des Kriegs aus ihrer Heimat flüchteten, und hatten das Land seitdem in guter Erinnerung behalten. In Deutschland hatten sie Zuflucht gefunden, Sicherheit, Verlässlichkeit. Und vor allem: Frieden. Dennoch: Den Kosovo würden sie gegen nichts eintauschen, sagen sie. Wenn sie hier nur irgendwie leben könnten.

Irgendwie leben können

Jetzt fangen sie im Kosovo also ein zweites Mal wieder ganz von vorne an. Mit einer Nähmaschine, die aber immer noch nicht genug abwirft, um damit auskommen zu können. Und deshalb scheint der einzige Ausweg, sich auf eine Trennung vorzubereiten. Nicht nur, dass die Tochter zu dem jungen Mann aus Erlangen zieht, den sie vor einem halben Jahr geheiratet hat. Auch Vater Ramadan wird wohl nicht bleiben: Er hat sich bei einer Sicherheitsfirma in Deutschland beworben und hofft auf ein Arbeitsvisum, für das es seit 2016 für Staatsangehörige aus dem Kosovo erleichterte Regelungen gibt. Allerdings muss er dafür noch zwei Sprachkurse besuchen – und die kosten Geld, das hinten und vorne fehlt. Momentan wissen sie noch nicht einmal, wie sie die Miete für ihre Wohnung und das Ladenlokal aufbringen sollen. Es ist ein Leben, in dem Hoffnung so schwer gelingt, obwohl doch alles von ihr abhängt.

Ganz besonders aber gilt das für die Minderheit der Roma, die von Diskriminierung und Gewalt, Plünderungen und Vertreibungen im Krieg, vor allem aber durch ethnisch und nationalistisch motivierte Gewalt in den Jahren danach besonders betroffen war.

So wurde die älteste und größte Roma-Siedlung des Kosovo, Roma Mahala am Rande der Stadt Mitrovica, Ziel eines Pogroms. Nachbarn steckten die Häuser in Brand, es kam zu Plünderungen, Morden, Vergewaltigungen.

Mittlerweile ist die Mahala wieder aufgebaut worden. Und es leben wieder Roma hier - unter ihnen auch die achtköpfige Familie Mutishi. Drei Generationen umfasst sie; der älteste ist der 60jährige Baki mit dem grauen Bart, neben ihm krabbelt sein anderthalbjähriger Enkel über den Fußboden.  

Auch sie sind Rückkehrer aus Deutschland. Mehr als neun Jahre hatten sie in Böblingen in Baden-Württemberg gelebt – ohne Asyl, aber mit einer Duldung. Die Kinder waren zur Schule gegangen, die Eltern hatten Ein-Euro-Jobs. Arbeiten wollten sie, Geld verdienen, sich selbst ernähren. Bis auch sie schließlich vor drei Jahren den Bescheid zur "Rückführung" erhielten, denn der Kosovo galt auch für die Roma als "sicher".

Für Roma kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Nun fürchten sie jeden Tag die Obdachlosigkeit. Denn das Haus, in dem sie zurzeit wohnen, soll verkauft werden. Sie selber haben kein Geld dafür – etwa 8.000 Euro müssten sie für das marode Gebäude aufbringen – oder um anderswo eine Wohnung zu mieten. Angehörige der Roma sind im Kosovo vom regulären Arbeitsmarkt so gut wie ausgeschlossen, die Arbeitslosenquote unter ihnen liegt bei fast 100 Prozent, und es ist für sie fast unmöglich, irgendwo geeigneten Wohnraum zu finden. Die Mutishis bilden hier keine Ausnahme.

Einzig die 26jährige Jaldez verfügt ein regelmäßiges Einkommen. Hundert Euro im Monat verdient sie im Trainingszentrum der Diakonie Kosova, wo sie andere Roma-Frauen zu Friseurinnen ausbildet. Hundert Euro, die für ihre beiden Kinder, für ihre Geschwister und Eltern reichen müssen. Ihren Brüdern bleibt nichts anderes, als jeden Tag Plastikflaschen sammeln zu gehen; etwa 15 Cent bekommen sie pro Kilo. Eine frustrierende, perspektivlose Tätigkeit für junge Familienväter wie sie.

Flaschensammeln, um leben zu können

Lebensmittel kauft die Familie immer dann, wenn etwas Geld übrig ist; oft genug müssen sie auch anschreiben lassen. Und die Stromrechnung haben sie schon eine ganze Weile nicht mehr zahlen können. Die Fenster des Hauses sind mit Folie verklebt, weil eine Reparatur mit Glas zu teuer wäre, und der Ofen aus Blech wird wohl auch nur noch einige Monate überstehen. Wie gut, dass der Winter vorbei ist. Doch wer weiß, wo sie den nächsten verbringen werden. Der herzkranken Mutter Medikamente oder Arztbesuche zu ermöglichen, ist in dieser Situation undenkbar. Denn eine Krankenversicherung wie in Deutschland gibt es im Kosovo nicht – hier muss man von der Geburt bis zur Krebsbehandlung alles bar bezahlen. Insulin ist für Zuckerkranke kaum zu bekommen, und ein gebrochenes Bein stürzt eine ganze Familie in den Ruin.

Vielleicht kann die Diakonie Kosova Jaldez' Familie mit den Fensterscheiben helfen. Vielleicht gibt es für den jüngeren Bruder eine Chance auf eine Friseurausbildung im Trainingscenter. In einem Land, in dem 40 Prozent der Bevölkerung keine Ausbildung haben, kann das einer ganzen Familie ein bisschen Hoffnung geben.