Angstfrei im Krankenhaus

7. November 2016
  • Journal
  • Inklusion und Behindertenhilfe
  • Bundesteilhabegesetz

Ein Besuch im Krankenhaus stellt für jeden Patienten eine belastende Erfahrung dar. Dies gilt aber vor allem für Menschen mit Behinderung – denn ihre besonderen Bedürfnisse bleiben im Klinikalltag oft auf der Strecke.

Eine Frau steht an einem Bett. Sie hält einer Frau, die im Bett liegt die Hand.
© Bethel/Reinhard Elbracht

Im Bielefelder Krankenhaus Mara werden Menschen mit Behinderung zuk¸nftig von Pflege-Experten beim Krankenhausbesuch begleitet.

Menschen mit Behinderungen werden durch einen Krankenhausaufenthalt oft an ihre Grenzen gebracht. Aber umgekehrt sind auch Ärztinnen und Pfleger durch diese Patientinnen und Patienten schnell überfordert. Vor allem die medizinische Versorgung von Patienten mit einer Lernbehinderung beziehungsweise einer so genannten geistigen Behindern stellt eine Herausforderung dar. "Wir haben es mit Patienten zu tun, die Schwierigkeiten haben, ihre Wünsche und Bedürfnisse zu äußern“, sagt Petra Ott-Ordelheide von der Pflegeentwicklung des Bielefelder Krankenhaus Mara. "Oft führen solche  Mitteilungsprobleme dazu, dass sie Leistungen nicht in Anspruch nehmen können.“

Anamnese-Gespräche mit solchen Patientinnen und Patienten brauchen mehr Zeit und Einfühlsamkeit; es braucht Ärzte und Pflegerinnen, die in einfacher Sprache mit ihnen sprechen und auch auf ungewohnte Verhaltensweisen reagieren können.

Oft fehlt im Umgang mit ihnen aber auch das nötige Fachwissen, um die komplexen, zusätzlichen Behinderungen und Erkrankungen, die sie oft haben – wie beispielsweise Spastiken oder  Sinneseinschränkungen – angemessen und individuell zu versorgen. Nicht zuletzt verlaufen Krankheiten bei ihnen mitunter anders als bei anderen Patientinnen. Hinzu kommt, dass sie auch bei alltäglichen Verrichtungen wie beim Essen, Waschen und Anziehen auf zusätzliche Hilfe angewiesen sind. Grundsätzlich brauchen Menschen mit Behinderung im Krankenhaus also ein Mehr an Assistenz, an Pflege und Therapie.

Versorgungsmängel im Krankenhaus

Seit Jahren schon sind die Versorgungsmängel von Menschen mit Behinderung bei Krankenhausaufenthalten bekannt. Dabei legt Artikel 25 der UN-Behindertenrechtskonvention auch für das deutsche Gesundheitssystem fest, dass ihnen die gleichen Leistungen wie allen anderen Menschen zustehen und sie außerdem auch all jene Leistungen erhalten müssen, die sie aufgrund ihrer Behinderung zusätzlich benötigen.

Was können Ärzte und Pflegepersonen also unternehmen, damit Behandlung und Aufenthalt möglichst stress-, angst- und schmerzfrei verlaufen? Das Projekt, das das Krankenhaus Mara und die Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld seit Mai dieses Jahres durchführen, könnte eine Antwort auf eben diese Frage liefern: "Klinik inklusiv" ist ein gemeinsames Baby von Praxis und Wissenschaft.

Die Initiatorinnen, Petra Ott-Ordelheide und Doris Tacke, Professorin für Pflegewissenschaft an der FH der Diakonie, betreten gemeinsam Neuland. "Auch im Krankenhaus müssen wir uns überlegen, wie Inklusion gelingen kann", meint Ott-Ordelheide. Konzepte dazu lägen längst in den Schubladen: Nicht zuletzt dank einer Förderung der "Stiftung Wohlfahrtspflege NRW" können Tacke, Ott-Ordelheide und ihr Team nun endlich eines umsetzen. Drei Jahre dauert die Testphase, inklusive Auswertung.

Eine vertraute Person im Klinikalltag

Aus zwei Krankenschwestern werden so genannte "Pflege-Expertinnen". Susanne Just und ihre Kollegin Angela Prüfer haben dazu, nach langjähriger Berufserfahrung, noch einen Bachelor in Pflegewissenschaften absolviert. Für sie führt der Weg nun vermehrt hinaus aus dem Stations-Alltag hinein in die Häuser der Patienten in spe. Denn den Kern von "Klinik inklusiv" bilden prästationäre Besuche, die den späteren Krankenhausaufenthalt bestmöglich vorbereiten sollen.

So lernen sie im Vorfeld die Bedürfnissen des jeweiligen Patienten kennen und sind für ihn eine bekannte, vertraute Person – auch später im fremden und unübersichtlichen Krankenhausalltag. Die Pflege-Expertinnen kennen aber auch die medizinisch-pflegerischen Abläufe und können so zwischen beiden Seiten vermitteln. So nehmen sie auch Kontakt mit den Einrichtungen auf, in denen Menschen mit Lernbehinderung wohnen und leisten wichtige Informationsarbeit.

Kurzum: Je besser Ärzte und Krankenhauspersonal über die Situation des Patienten informiert sind, desto besser kann auf seine speziellen Bedürfnisse eingegangen werden. Braucht er womöglich ein Einzelzimmer? Dauer-Betreuung? Wie muss der Raum eingerichtet sein, auch, damit er für den Bewohner sicher und barrierefrei ist? Dinge, die man wissen muss und besser im Vorfeld klärt – die Hektik während der Aufnahme ins Krankenhaus könne den Patienten leicht überrumpeln und zusätzlich beunruhigen, sagt Ott-Ordelheide. "Wir haben auch schon Bilder oder Gardinen aus Zimmern entfernt", nennt sie Beispiele. "Was besondere Wünsche angeht, sind wir ganz relaxed." In Vorab-Gesprächen mit dem zukünftigen Patienten und dessen persönlichem Umfeld ließen sich diese Erfordernisse in aller Ruhe ausloten.

Begegnung auf Augenhöhe

Die Entscheidung, ob er das Angebot der prästationären Betreuung wahrnehmen möchte, liegt ausschließlich beim Patienten selbst. Was juristisch – Stichwort Selbstbestimmungsrecht des Patienten – ohnehin geboten ist, sei zweifelsohne gleichzeitig Ausdruck einer Begegnung auf Augenhöhe: "Das A und O ist es, dem Patienten mit Lernbehinderung respektvoll gegenüberzutreten und seine Individualität zu achten." Ob sich Stress und Angst dadurch gänzlich verhindern lassen? Wohl kaum: "Ein Aufenthalt im Krankenhaus bleibt aufregend", machen sich die Pflege-Expertinnen keine Illusionen. "Aber wir können diese Situation entschärfen."

Text: Diakonie/Stefan Bamberg