Altenseelsorge in der Corona-Krise: „Was hilft, ist die Ohnmacht mit auszuhalten“

20. April 2020
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Anita Christians-Albrecht ist landeskirchliche Beauftragte für Altenseelsorge und arbeitet im Zentrum für Seelsorge in Hannover. Damit ist sie zuständig für Seelsorgerinnen und Seelsorger, die in Altenpflegeheimen und in der Altenarbeit der Gemeinden tätig sind. Alte Menschen sind von der Corona-Krise besonders betroffen. Wie Seelsorge trotz Kontaktverbot gelingen kann und was sie in diesen schwierigen Zeiten besonders beeindruckt, erklärt die Pastorin im Interview.

Foto: Porträt von Anita Christians-Albrecht
© Zentrum für Seelsorge

Anita Christians-Albrecht kümmert sie sich um die Aus- und Weiterbildung für haupt- und ehrenamtlich Beschäftigte in der Altenseelsorge und berät und informiert rund um das Thema Alter.

Was hat sich für die Altenseelsorgearbeit durch die Corona-Krise verändert?

Anita Christians-Albrecht: Es gibt ein Besuchsverbot in den Altenheimen und Senioreneinrichtungen. Für die Seelsorge wird das unterschiedlich gehandhabt, je nachdem, ob Seelsorger als Teil eines multiprofessionellen Teams der Einrichtung betrachtet werden – und ab und zu noch reinkommen dürfen – oder als jemand, der „von außen“ kommt. Ganz viele Seelsorger dürfen eben nicht mehr in die Heime und überlegen sich daher: Wie können wir trotzdem den Menschen nah sein, die wir sonst durch persönlichen Kontakt betreuen? Ich erlebe ein erstaunliches Engagement in diesen Tagen.

Wie schafft man die persönliche Nähe zu den Menschen – aus der Distanz?

Christians-Albrecht: Es gibt ganz, ganz viele Ideen. Wir als Zentrum für Seelsorge haben zum Beispiel eine Grußkarte entwickelt. Da können die Altenseelsorgerinnen und Altenseelsorger ihre Telefonnummer draufschreiben, einen Gruß dazu setzen, und dann wird die Karte an die alten Menschen verteilt. Oder: Kirchenmusiker und Pastoren versammeln sich in Innenhöfen der Pflegeheime und veranstalten dort kleine Konzerte oder Andachten. Kürzlich habe ich von einer Aktion gehört, die nennt sich Ostersteine bemalen. Da wurden Kinder und Familien in der Gemeinde gebeten, Steine zu bemalen – fußend auf der Geschichte von dem mit einem Stein verschlossenen Grab Jesu, das dann geöffnet wird. Ein Stein der Hoffnung sozusagen. Die bemalten Steine wurden an einer zentralen Stelle abgegeben und an Menschen in Heimen verteilt. Eine Kollegin hat im Foyer „ihres“ Pflegeheims eine Schale aufgestellt mit Segenssprüchen auf kleinen Zetteln, die man sich mitnehmen kann – „Segen to go“ sozusagen. In unserer Landeskirche gibt es auch Nähseelsorgerinnen – das sind Gruppen von Näherinnen, die Sachen herstellen, die man zu Seelsorgebesuchen mitnehmen und in Corona-Zeiten auf anderen Wegen zukommen lassen kann. Sie nähen jetzt verstärkt Trostkissen und Trostengel, vor allem für dementiell veränderte Menschen. Zusätzlich gibt es eine Seelsorge-Hotline, die jeden Tag von 14 – 20 Uhr geschaltet ist.

Wenn es ganz dringend ist, zum Beispiel, weil jemand im Sterben liegt, dürfen Seelsorger dann noch zu den Menschen?

Christians-Albrecht: Ja, da gibt es einen entsprechenden Erlass. In dringenden Fällen dürfen die Seelsorgerinnen und Seelsorger in die Heime und zu den Bewohnern gehen – wenn sie entsprechende Schutzausrüstung haben. Darauf legen auch wir als Landeskirchen großen Wert, dass unsere Mitarbeitenden geschützt werden und gesund bleiben.

Wie bereiten Sie sich auf eine weitere Zuspitzung der Lage vor?

Christians-Albrecht: Die meisten unserer Altenseelsorgerinnen und Altenseelsorger haben eine Seelsorgeausbildung, auch alle, die bei unserer Hotline am Telefon sind. Sie haben gelernt, sich auf solche Situationen einzustellen. Unsere Hotline ist in der Corona-Krise auch ein Angebot für die Angehörigen, auf das die Seelsorger in den Altenpflegeeinrichtungen hinweisen können. Mitarbeitende der Pflegeheime können die Hotline natürlich auch anrufen, aber sie wenden sich meist zuerst an die Seelsorgerinnen und Seelsorger im Heim selbst, mit denen sie auch sonst in Kontakt stehen. Viele Seelsorger arbeiten schon länger in den Heimen und haben da einen guten Draht, gerade in so einer kritischen Situation. Wir merken, eine große Gruppe von Menschen nimmt derzeit unsere Seelsorgeangebote in Anspruch.

Auch Seelsorger sind mehr belastet als sonst. Wie schaffen sie es, damit umzugehen?

Christians-Albrecht: Dafür gibt es Supervision, die wir in dieser Zeit kostenlos anbieten. Das können alle in Anspruch nehmen, die in der Altenseelsorge, aber auch im Krankenhaus oder in den Gemeinden besonders belastet sind und jemanden brauchen, der diese Erfahrungen mit ihnen bespricht. Wir stehen ja alle unter Schweigepflicht, deshalb kann man natürlich auch nicht abends mit seinem Partner über Belastendes sprechen. Bei einer Supervision, an professioneller Stelle, kann das alles erzählt werden.

Erleben Sie, dass sich mehr Menschen an die Seelsorge wenden, die bisher nicht Gott zugewandt waren?

Christians-Albrecht: Ja, das Gefühl habe ich schon. Ich kann es nicht mit Zahlen belegen, aber ich kann sagen, dass unsere Telefonseelsorge sehr stark in Anspruch genommen wird und sich ganz viel um Ängste, um Sterben und Tod, Beerdigungen in der Corona-Krise und um einen würdigen Abschied dreht. Die Menschen beschäftigen Fragen wie: Was wird mit mir, wenn ich jetzt krank werde, wenn ich jetzt sterbe und dann nicht so beerdigt werden kann, wie ich mir das wünsche, mit vielen, die Anteil nehmen können?

Beschäftigen die Menschen sich jetzt anders mit dem Thema Tod?

Christians-Albrecht: Ich glaube, dass wir insgesamt als Gesellschaft nicht damit umgehen können, dass wir unser Leben nicht in der Hand haben. Dass wir jetzt in eine so ohnmächtige Situation gekommen sind, können wir schlecht aushalten. Und das trifft ja genau das, was unser Glaube sagt:  Dass wir unser Leben letztendlich nicht in der Hand haben und dass wir Vertrauen brauchen zum Leben und zu Gott. Der Gedanke ist uns fremd geworden in unserer modernen Welt, in der wir meinen, wir könnten alles managen.

Geht es auch um Einsamkeit?

Christians-Albrecht: Ja. Aber das Thema Einsamkeit beschäftigt uns schon länger in den Kirchen, in der Diakonie, auch in der Politik.  Es ist mittlerweile erforscht, dass es gesundheitsschädigende Wirkung hat, wenn man sich dauerhaft einsam fühlt. Viele überlegen deshalb jetzt besonders intensiv: Was können wir gegen Einsamkeit in dieser Krise tun? Ich finde es wunderbar, wie viele – auch junge – Leute sich zum Beispiel über Facebook zusammentun und sagen: Wir bieten Hilfe an – Medikamente holen, Gassi gehen mit dem Hund, einkaufen. Ich glaube, dass es schon vor der Krise ein Grundbewusstsein für die Problematik von Einsamkeit gab und das jetzt dazu führt, dass ganz viele aktiv werden.

Wie reagieren die Seelsorger auf die „Warum“-Frage?

Christians-Albrecht: Natürlich kommt auch in dieser Krise die Warum-Frage, wie sehr häufig in der Seelsorge. Das beschäftigt die Kirchen ja schon seit Tausenden von Jahren: Warum kann Gott das zulassen? Warum trifft es ausgerechnet mich? Warum muss mein alter Vater gerade jetzt sterben, wo es so schwierig ist mit der Beerdigung und nur so wenige Menschen dabei sein dürfen? Und da wissen wir als Seelsorgerinnen und Seelsorger auch, dass wir nicht auf alles eine Antwort haben. Hilfreich ist, die Ohnmacht, die Angst, den Kummer mit auszuhalten und die Menschen davon auch erzählen zu lassen und nicht sofort eine Antwort parat zu haben. Das ist natürlich auch für Seelsorger schwer. Sie wollen gerne trösten und Mut machen. Aber wenn man das mit dem Aushalten schafft, macht man oft die Erfahrung, dass von demjenigen, der da gerade Hilfe braucht, selber wieder der erste Schritt kommt – sozusagen das erste Licht gesehen wird.

Für demenzkranke Menschen ist die derzeitige Situation besonders schwierig. Wie kann Seelsorge hier helfen oder überhaupt noch funktionieren?

Christians-Albrecht: Demenzkranke brauchen Orientierung durch ihnen vertraute, verlässliche Strukturen und vor allem durch Menschen. Gerade das ist in vielen Heimen im Moment ganz schwierig, weil die Pflegekräfte jetzt als „Marsmenschen“, so hat es eine Bewohnerin genannt, den Demenzkranken mit Mundschutz und im Schutzanzug gegenübertreten – und die dann gar nicht wissen, was los ist. Hinzu kommt, dass viele Demenzerkrankte unglaublich viel Bewegungsdrang haben, den sie jetzt nicht mehr ausleben können. Die Seelsorge versucht mit Sachen, die nicht mit Worten zu tun haben, Nähe zu schaffen, zum Beispiel mit den Kuschelkissen oder Trostengeln. Aber es ist schwierig. Da gibt es leider auch kein Patentrezept.

Sehen Sie etwas Positives, das sich aus dieser Krise entwickeln kann?

Christians-Albrecht: Insgesamt ist es positiv, dass die Situation alter Menschen in den Blick gerät, viel deutlicher als vorher. Ebenso das Thema Pflege: Eine ganze Gesellschaft setzt sich damit jetzt noch einmal ganz anders auseinander. Und ich freue mich, dass das Engagement der Mitarbeitenden in der Pflege endlich flächendeckender gewürdigt wird.

Was macht Ihnen Mut, was gibt Ihnen Kraft in dieser schwierigen Zeit?

Christians-Albrecht:  Eines beeindruckt mich wirklich: Es gibt viele alte Menschen in den Einrichtungen, die im guten Wortsinne genügsam sind. Die Generation, die jetzt im Pflegeheim ist, hat schon einiges an Krisen bewältigt. Ich höre immer wieder von den Altenseelsorgerinnen und Altenseelsorgern, wie gelassen sie die Situation nehmen und von sich aus überlegen: Was können wir tun? Kann ich vielleicht beten für die Flüchtlinge, denen es ja noch viel schlechter geht jetzt unter Corona? Oder kann ich etwas für meine Enkelkinder tun? Eine Bewohnerin überlegt sich jeden Tag ein Telefon-Rätsel für ihre Enkelkinder, weil die jetzt auch zuhause sind und nicht zur Schule gehen oder sie besuchen können. Dass wir die alten Menschen nicht nur sehen als Leute, die unsere Hilfe brauchen und vielleicht kummervoll darauf warten, dass wir etwas für sie tun, sondern dass es auch umgekehrt ist, finde ich eine tolle Erfahrung.

Interview: Diakonie/Sarah Spitzer