Aktionstag Suchtberatung: Angebote kostendeckend und verlässlich finanzieren

2. November 2020
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Deutschlandweit werden in 1.300 Suchtberatungsstellen - davon rund 380 der Diakonie - jährlich etwa 500.000 abhängigkeitskranke Menschen beraten, begleitet, behandelt und in weiterführende Angebote der Suchthilfe vermittelt. Von einer soliden und auskömmlichen Finanzierung ist die Suchtberatung jedoch weit entfernt. Die Corona-Pandemie hat die Situation noch verschlimmert.

Illustration aus einem Menschen mit Rauchschwade um den Kopf herum
© Diakonie/Francesco Ciccolella

Deutschlandweit werden in 1.300 Suchtberatungsstellen - davon rund 380 der Diakonie - jährlich etwa 500.000 abhängigkeitskranke Menschen beraten, begleitet, behandelt und in weiterführende Angebote der Suchthilfe vermittelt.

Das Problem liegt im System: Suchtberatung fällt nach dem Sozialstaatsprinzip unter die kommunale Daseinsvorsorge und wird durch Steuermittel finanziert. Die Höhe und Verwendung der Mittel basiert jedoch auf einer politischen Entscheidung und nicht auf der Grundlage des tatsächlich festgestellten Bedarfs. Suchtberatung braucht aber eine stabile, kostendeckende und verlässliche Finanzierung! Darauf macht der bundesweite Aktionstag Suchtberatung „Kommunal wertvoll!“  am 4. November aufmerksam, an dem sich auch zahlreiche der rund 380 diakonischen Beratungsstellen beteiligen. Ziel ist es, Suchtberatungsstellen und Politik in den Kommunen miteinander in einen Dialog zu bringen, um für die Dringlichkeit der Zukunftssicherung dieses systemrelevanten Hilfeangebots zu sensibilisieren. Der Aktionstag steht unter der Schirmherrschaft der Drogenbeauftragten der Bundesregierung und findet 2020 zum ersten Mal statt.

Über die Herausforderungen und Potentiale sowie die finanzielle Lage der Suchtberatungsstellen und geplante Aktivitäten beim Aktionstag berichten Katrin Kuphal, Geschäftsführerin der Evangelischen Suchtkrankenhilfe Mecklenburg-Vorpommern gGmbH, sowie Anette Schilling, Referatsleitung Suchtkranken- und Wohnungslosenhilfe Diakonisches Werk Pfalz und Sprecherin der Landesstelle für Suchtfragen Rheinland-Pfalz/Fachausschuss LIGA Rheinland-Pfalz.

Was sind aus Ihrer Sicht die Potentiale der Suchtberatung?

Katrin Kuphal: Ein großes Potential der Suchtberatungsarbeit besteht darin, sofort und ohne besondere Voraussetzungen direkte Hilfe umsetzen zu können, in einer Krise unkompliziert zu intervenieren und suchtkranke Menschen durch professionelle Motivationsarbeit zu bestärken, weiterführende Hilfen, zum Beispiel eine Therapie, in Anspruch zu nehmen. Ziel der Beratung ist immer, den Lebenswillen und die Gesundheit wiederherzustellen und die Menschen zu befähigen, zufrieden abstinent, selbstbestimmt zu leben und ihren Lebensunterhalt wieder alleine zu bestreiten. Es geht aber auch darum, die Abstinenzmotivation zu halten, zum Beispiel in der Nachsorge im Anschluss an eine Therapie. Insofern leistet die Suchtberatung einen hohen lebensnahen und auch volkswirtschaftlichen Dienst.

In der Corona-Krise konnte und musste die Suchtberatung ihre Angebote sogar ausbauen. Durch die Umstellung auch auf die digitale sowie telefonische Kontaktaufnahme und Beratung verzeichnen wir nicht nur eine Zunahme von Kontaktaufnahmen, sondern auch einen Zugang zu bisher nicht oder schwierig erreichbaren Personengruppen, beispielsweise im ländlichen Raum wie in Mecklenburg-Vorpommern.

Anette Schilling
© BASF SE / Marcus Schwetasch

Anette Schilling ist Referatsleitung Suchtkranken- und Wohnungslosenhilfe beim Diakonischen Werk Pfalz.

Anette Schilling: Ein großes Plus der Suchtberatungsstellen liegt meiner Ansicht nach darin, dass sie nicht nur Betroffenen offenstehen, sondern auch deren Angehörigen. Zudem sind die Angebote der Suchtberatung sehr niederschwellig. Es gibt wöchentliche Sprechstunden, so dass auch kurzfristig Gespräche möglich sind – anders als bei den Psychotherapeuten, die zwar inzwischen auch Sprechstunden anbieten, bei denen eine reguläre Therapie allerdings oft erst nach Wochen oder Monaten beginnt. Einige Beratungsstellen sind auch aufsuchend tätig. Die Mitarbeitenden gehen auf die Straße und zu den Plätzen, wo sie obdachlosen Menschen begegnen, die drogen- oder alkoholabhängig sind, um Unterstützung anzubieten. Auch die vielfältigen Möglichkeiten, Präventionsarbeit zu leisten, und die Nähe zur Suchtselbsthilfe sind hervorzuheben.

In Rheinland-Pfalz sind die Suchtberatungsstellen darüber hinaus Teil eines Beratungszentrums. Dies hat den unschätzbaren Vorteil, dass bei weiteren Problemen, beispielsweise Schulden, nicht nur an fachkundige Kolleginnen und Kollegen weitervermittelt, sondern diese „Vermittlung“ persönlich begleitet werden kann. Die Beratungsangebote finden Tür an Tür statt. So ist eher gewährleistet, dass Klientinnen und Klienten nicht „verloren gehen“.

Was sind die drängendsten Probleme und Herausforderungen für die Suchtberatungsstellen bzw. deren Träger?

Kuphal: Das größte Problem sind die unverlässliche Fördersituation generell und die unzureichende Finanzierung der Suchtberatungsstellen. Oft erhalten wir erst Zuschussbescheide im zweiten und dritten Quartal des laufenden Jahres. Das ist für die Mitarbeiter und die Anerkennung unserer Arbeit jedes Jahr wieder herabwürdigend.

Auch die Fachkräftequoten in Mecklenburg-Vorpommern stellen die Träger vor Herausforderungen. Die Fachkraftquote liegt in Mecklenburg-Vorpommern bei durchschnittlich 1:22.500 Einwohnern! Das bedeutet, wir liegen unter der geforderten Quote von 1:10.000 Einwohnern, und dass das in einem Flächenland noch schwieriger für die Erreichbarkeit und Versorgung von Suchtanfragen ist, muss man nicht erklären.  Einige Träger fragen sich, warum und wie eine Beratungsstelle in der Zukunft gehalten werden soll. Warum sollte ein Träger diesen Dienst (Pflichtaufgabe) für die Kommune übernehmen, wenn die Eigenanteile so hoch sind, im Durchschnitt liegen die Eigenanteile in Mecklenburg-Vorpommern bei 25 Prozent der anerkannten Gesamtkosten, das sind durchschnittlich bis zu 50.000 Euro pro Beratungsstelle. Woher soll man das nehmen?

Hinzu kommt, dass die Suchtberatungsstellen diverse Aufgaben übernehmen sollen, über die Beratung hinaus. Wir haben schon für die Kernaufgabe, die Beratung, zu wenig Fachkräfte, sollen aber zum Beispiel noch zeitintensive zusätzliche Präventionsarbeiten übernehmen, zum Beispiel in Schulen und Betrieben etc. Mit so wenig Fachkräften (durchschnittlich 2,75 Vollkräften/Beratungsstelle in Mecklenburg-Vorpommern) kann man aber nicht auf so vielen „Spielfeldern“ spielen.

Die Prävention ist sehr wichtig und benötigt, aus Sicht der Geschäftsführerin, eine eigene Konzeption und Finanzierung – unterstützt vom Bund.

Schilling: Ein weiteres Problem sehe ich darin, dass die Soziale Arbeit zunehmend in den Hintergrund gerät und in der Öffentlichkeit weniger wahrgenommen wird als beispielsweise die Arbeit von Ärzten oder psychologischen Psychotherapeuten. Da wünsche ich mir mehr Lobbyarbeit und Wertschätzung für die Soziale Arbeit.

Katrin Kuphal
© privat

Katrin Kuphal ist Geschäftsführerin der Evangelischen Suchtkrankenhilfe Mecklenburg-Vorpommern gGmbH.

Wie sieht die finanzielle Situation in den Beratungsstellen in Ihrer Region aus?

Kuphal: Die Beratungsstellen in Mecklenburg-Vorpommern werden zu durchschnittlich 40 Prozent von den Kommunen und Landkreisen gefördert und etwa 35 Prozent vom Land. Wir liegen also bei etwa 75 Prozent Förderanteile an den Gesamtkosten. Im Durchschnitt müssen ca. 25 Prozent Eigenmittel aufgebracht werden, insgesamt eine Summe von etwa 1,1 Millionen Euro in Mecklenburg-Vorpommern. Pro Beratungsstelle sind das durchschnittlich rund 50.000 Euro.

Wir wünschen eine 95 Prozent-Förderung, als pauschalisierte Förderung mit Dynamisierung der Zuschüsse. Bis 2019, seit über zehn Jahren, erhielten wir ein festes Budget ohne Dynamisierung vom Land Mecklenburg-Vorpommern. Der Eigenanteil wird also immer höher, alleine schon durch die steigenden Personalkosten.

Es gibt allerdings andere Bundesländer, in denen vordergründig die Kommunen und Landkreise die Mittel zur Verfügung stellen, sogar bis zu 95 Prozent. Es wäre ein Wunsch, dass die Kommunen und Landkreise einmalig besser ausgestattet und vom Land unterstützt werden, um dann die Finanzierung allein zu übernehmen.

Schilling: In Rheinland-Pfalz gibt es eine Verwaltungsvorschrift, die die Finanzierung der Suchtberatungsstellen regelt und an bestimmte Vorgaben koppelt. Eine Suchtberatungsstelle ist mindestens mit zwei Vollzeitkräften zu besetzen, dieses Personal wird vom Land zu 25 Prozent finanziell gefördert. Darüber hinaus fördert das Land verschiedene Fachkräfteprogramme, die an die Beratungsstellen angegliedert sind. Diese werden unterschiedlich finanziell bezuschusst: das Programm „Glückspielsucht“ zu 90 Prozent, die Fachkräfteprogramme Prävention und niedrigschwellige Soziale Arbeit je zu 70 Prozent. Den Rest teilen sich Kommune und Träger.

In unserem Bundeslang gibt es Kommunen, die ausreichend finanzielle Ressourcen haben und die Personalkosten in den Fachstellen zwischen 60 und 70 Prozent fördern. In einigen Regionen müssen jedoch die Träger 30 bis 50 Prozent zu den Personalkosten beisteuern. Für viele Träger ist es kaum noch möglich, die verbleibende Differenz auszugleichen.

Welchen Einfluss haben die Pandemie und die damit einhergehenden Auflagen auf die finanzielle Situation in den Beratungsstellen?

Kuphal: Pro Beratungsstelle beläuft sich die finanzielle Mehrbelastung in diesem Jahr durch die Hygieneauflagen, zum Beispiel für Schutz- und Hygienemittel, auf ca. 2.000 Euro. Diese Mehrkosten bekommen wir allerdings noch nicht zusätzlich finanziert,

Hinzu kommen Kosten für die notwendige digitale Umstellung – die Vorbereitung auf die Pandemie-Einschränkungen. Um die EDV umzustellen, Mitarbeitende mit Laptops auszustatten und die Digitalisierung voranzutreiben, bräuchten die Beratungsstellen zusätzliche Mittel von den Kommunen.

Schilling: Durch die Pandemie bzw. damit einhergehende Auflagen sind für die Suchtberatungsstellen zudem verschiedene Möglichkeiten ein- oder weggebrochen, um neben der Finanzierung der ambulanten Grundversorgung durch die Kommunen zusätzliche Einnahmen zu erhalten. So konnten die Gruppen zur Ambulanten Rehabilitation Sucht oder zur Nachsorge zeitweilig gar nicht stattfinden. Inzwischen werden diese Gruppen nur mit wenigen Teilnehmenden durchgeführt. Zu Beginn des Lockdowns sind die Fallzahlen insgesamt zunächst zurückgegangen. Aktuell können einige Fachstellen die vielen Anfragen kaum bewältigen, während sich in anderen Beratungsstellen nach wie vor weniger Menschen melden als vor der Pandemie. Einige haben daher die Sorge, dass die Kommunen dies zum Anlass für Sparmaßnahmen nehmen werden.

Angebote für Suchtkranke der Diakonie
© Diakonie

Die Diakonie hat bundesweit Angebote für Suchtkranke, darunter rund 380 Suchtberatungsstellen.

Wie kann die Arbeit in den Suchtberatungsstellen auskömmlich finanziert und für die Zukunft abgesichert werden?

Kuphal: Der erste Schritt wäre, den Förderanteil auf 95 Prozent der Gesamtkosten zu erhöhen und diesen fest im Haushalt zu verankern – mit einer Dynamisierung, die Tarifbindungen, Lohnsteigerungen und Inflationsraten berücksichtigt. Natürlich müssen dafür die Kommunen auch entsprechend ausgestattet sein und gegenüber dem Land für deutlich mehr Geld werben.

Schilling: Ich unterstütze mit Nachdruck die Forderung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), Suchtberatung als kommunale Pflichtleistung zu verankern. Dann müssen die Fachstellen in den Regionen nicht jedes Jahr aufs Neue darlegen, wieso ihr Angebot weiter finanziert werden soll. Dies wird von vielen Kolleginnen und Kollegen als ständige Rechtfertigung ihrer Arbeit erlebt. Auch die verbindliche Personalvorgabe ist sehr wichtig. Die DHS fordert, dass pro 10.000 Einwohnern eine Suchtfachkraft eingestellt wird. Ich kenne aus Rheinland-Pfalz Regionen, in denen ein Mitarbeiter für 70.000 Menschen zuständig ist.

Welche Aktivitäten planen die Beratungsstellen in Ihrer Region zum Aktionstag Suchtberatung „Kommunal Wertvoll!“ am 4. November?

Kuphal: Gemeinsam mit der LAKOST, Landesstelle Mecklenburg-Vorpommern, der Volkssolidarität und der Caritas geben wir eine Pressemitteilung heraus und führen Pressegespräche durch, um auf die Situation und die wertvolle Arbeit der Suchtberatungsstellen aufmerksam zu machen. Das Positionspapier „Notruf Suchtberatung“ der DHS wird auf die besonderen Verhältnisse in Mecklenburg-Vorpommern zugespitzt und an Lokalpolitik und Verwaltungsstellen verschickt. Am Aktionstag werden die Mitarbeitenden vor die Türen treten und auf die Arbeit der Beratungsstellen hinweisen – mit Plakaten, Informationstafeln und Fotos mit suchtbezogenen Motiven als Eye-Catcher.

Schilling: Die Beratungsstellen haben sich verschiedene kreative Ideen überlegt: von einem Kreuzworträtsel mit suchtbezogenen Fragen, das per QR-Code aufs Handy geladen werden kann, über Beiträge der Mitarbeitenden im Internet, politische Diskussionen bis hin zu Installationen des Aktionstags-Logos an Zäunen oder aufgeklebt auf der Straße als Wegweiser zur Beratungsstelle. Eine Beratungsstelle richtet am Aktionstag in einem Einkaufzentrum ein „Suchtzimmer“ ein, in dem eine Familie aus Schaufensterpuppen sitzt. Durch Bier- bzw. Weinflaschen, Medikamentenschachteln und Tabak wird der jährliche, statistisch ermittelte Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland plastisch dargestellt.

Den teilnehmenden Beratungsstellen ist es wichtig, ihre Ansprechbarkeit in der Kommune für ganz unterschiedliche Akteure deutlich zu machen und zu zeigen, in wie vielen Bereichen des sozialen Lebens Suchterkrankungen und ihre Begleiterscheinungen relevant sind.

Stellen Sie sich vor, heute Nacht, während Sie schlafen, geschieht ein Wunder und die Gegebenheiten der Suchtberatung wären ab morgen so, wie Sie es sich wünschen. Was wäre anders als im Augenblick?

Kuphal: Die Kommunen und Landkreise haben beim Land Mecklenburg-Vorpommern einmalig einen Aufstockungsbetrag auf ein Förderniveau von 95 Prozent der Gesamtkosten durchgesetzt und können dies selbstständig verwalten. Der gewollten und geforderten Arbeiten einer Suchtberatung würde eine sichere Refinanzierung gegenüberstehen, die sichere Arbeitsplätze und angemessene Fachkraftquoten zulässt. Der Verwaltungsaufwand würde sinken, durch eine dynamisierte Festbetrags- oder Pauschalfinanzierung – ein Traum. Damit können wir Personalstellen in der Verwaltung sparen und hätten mehr Zeit für die Suchtkranken.

Die Wartelisten für die Hilfesuchenden würden kürzer, da mehr Fachkräfte viele unversorgte und noch zu motivierende Suchtgefährdete erreichen würden. Die höhere Erreichbarkeit führte zu mehr Hilfe und Motivation. Zurzeit können wir nur etwa 10.000 Menschen helfen – weit mehr sollten es und würden Hilfe annehmen.

Schilling: Es gäbe in jeder Fachstelle ausreichend Personal. Dann könnten wir auch Prävention in großem Umfang leisten. Ich stelle mir vor, dass jede weiterführende Schule persönlichen Kontakt zu einer Suchtpräventionskraft hat. Niemand sollte einen Schulabschluss machen ohne dass sie oder er in der Schulzeit von dem Angebot der Suchtberatung gehört hat und weiß, an wen man sich mit Fragen oder Suchtproblemen wenden kann.

Wenn genug Personal da wäre, könnten die Mitarbeitenden noch mehr als bisher auch rausgehen aus den Beratungsstellen. Sie könnten mehr niedrigschwellige Angebote beispielsweise in der Straßensozialarbeit bieten, noch mehr mit ihren Netzwerkpartnern zusammenarbeiten oder auch Sprechstunden bei Hausärzten oder anderen Diensten durchführen. Damit könnte die Suchtberatung noch viel mehr Menschen erreichen, als bisher – und das bereits im Vorfeld.

Interviews: Katharina Ratzke, Corinna Mäder-Linke
Redaktion: Diakonie/Sarah Spitzer