Zwang vermeiden: Ehemalige Patienten als Bindeglied zwischen Betreuern und Menschen mit psychischen Erkrankungen

- Wer selbst schon einmal in psychiatrischer Behandlung war, weiß, wie es ist und kann diese Erfahrung an andere weitergeben. Immer mehr psychiatrische Einrichtungen engagieren daher ehemalige Patienten, die zuvor an einer EX-IN-Ausbildung teilgenommen haben – ein Baustein, um Zwangsmaßnahmen zu verhindern.

Zwei Mitarbeitende im Garten des Elisabeth-von-Thadden-Hauses: Sozialarbeiterin Sonja Kröll und Henning Dimpker
Einrichtungsleiter Henning Dimpker und Sozialarbeiterin Sonja Kröll im Garten des Elisabeth-von-Thadden-Hauses Thomas Becker

Nie wieder möchte die junge Frau so etwas erleben: Ins Bett sollte sie sich legen, um fixiert zu werden. Manuela Sousa* war damals in einer Bonner Psychiatrie untergebracht. Sie ließ sich festschnallen, weil sie keine andere Wahl hatte. "Danach bin ich völlig ausgerastet und mit Medikamenten vollgepumpt worden", sagt die Anfang 20-Jährige.

Die richterlich abgesegnete Fixierung liegt einige Jahre zurück. Pfleger und Ärzte meinten damals, Manuela Sousa habe sich das Leben nehmen wollen. Sie widerspricht: "Ich wollte nur meinen Körper spüren." Etwa, indem sie sich mit einer scharfen Klinge in die Haut schneidet - ein Symptom ihrer Borderline-Erkrankung. "Man hat meine Symptome fehlinterpretiert", sagt sie.

EX-IN: Ehemalige Patienten als Mittler zwischen Betroffenen und Betreuern

Zwangsmaßnahmen wie Fixierung, aber auch medikamentöse Behandlung sind nur als allerletztes Mittel legitim, sagt die Diakonie Deutschland in ihrer Handreichung zu Freiheits- und Schutzrechten und Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie. Neben Gesetzesänderungen sowie strukturellen Änderungen im Gesundheitswesen gebe es zahlreiche Maßnahmen, die präventiv durchgeführt werden könnten. Zum Beispiel, Behandlungsvereinbarungen gemeinsam mit Patienten zu treffen oder ehemalige Psychiatrie-Patienten in die Behandlung einzubeziehen. Letzteres geschieht im Rahmen des EX-IN-Programms, das immer mehr Verbreitung findet.

EX-IN steht für Experienced Involvement, was so viel heißt wie "Beteiligung von Experten durch Erfahrung". Gemeint sind Menschen, die einmal in einer Psychiatrie untergebracht waren, wieder genesen sind und eine einjährige Ausbildung zum Genesungsbegleiter absolviert haben. Hervorgegangen ist EX-IN aus einem Pilotprojekt der Europäischen Union, das von 2005 bis 2007 in sechs Ländern durchgeführt wurde. Anschließend fanden die ersten Kurse für Auszubildende in Deutschland statt, zuerst in Hamburg und Bremen. Bis heute haben sich rund 20 Ausbildungsstandorte etabliert - Tendenz steigend.

Neue berufliche Perspektive durch EX-IN

Eingangsschild des Elisabeth-von-Thadden-Hauses in Bonn
Im Bonner Elisabeth-von-Thadden-Haus leben 24 Menschen mit psychischen Erkrankungen Thomas Becker

Bundesweit gibt es laut Angaben des Vereins EX-IN Deutschland derzeit rund 600 ausgebildete Genesungsbegleiter. Die Hälfte von ihnen hat eine feste Arbeit gefunden, meist in sozialpsychiatrischen oder klinischen Einrichtungen, sagt Gudrun Tönnes, EX-IN-Ausbilderin aus Münster und Vorstandsmitglied im Verein EX-IN Deutschland. "EX-IN bietet die Chance, wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt aktiv zu werden. Aus einer Geschichte des Scheiterns kann somit eine Geschichte des Bewältigens werden."

Einen EX-IN-Mitarbeiter beschäftigt seit 2012 auch das Elisabeth-von-Thadden-Haus der Diakonie (ETH) in Bonn. Hier leben 24 Menschen mit psychischen Erkrankungen. Die meisten - darunter auch Manuela Sousa - waren zuvor zeitweise in psychiatrischen Kliniken untergebracht und erhalten nun Hilfe bei ihrer medizinischen und sozialen Rehabilitation.

Selbstbestimmt leben im Elisabeth-von-Thadden-Haus

"Im Unterschied zu psychiatrischen Kliniken sind alle Bewohner aus eigener Initiative bei uns", sagt ETH-Leiter Henning Dimpker. Jeder hat sein eigenes Zimmer, kann kommen und gehen, wann er möchte. Ziel sei, dass die Bewohner ihre Potenziale und Stärken erkennen und möglichst eigenständig und selbstbestimmt leben können.

Eine wichtige Stütze dabei ist auch der EX-IN-Mitarbeiter. "Er bringt eigene Erfahrungen mit und kann so zu unseren Bewohnern schneller vertrauensvolle Kontakte knüpfen", sagt Einrichtungsleiter Henning Dimpker. "Unsere Bewohner nehmen seine Hilfe intensiv in Anspruch."

EX-IN-ler haben Vertrauensvorschuss

Einrichtungsleiter Henning Dimpker und EX-IN-Auszubildender Steffen Kaufmann*
Gemeinsam im Team: Henning Dimpker und Steffen Kaufmann* Thomas Becker

Das zeigt auch das Beispiel von Steffen Kaufmann*, 31, der vor Jahren erkrankte, eine persönliche Krise aber bewältigt hat. Jetzt macht er eine EX-IN-Ausbildung im Malteser-Johanniter-Johanneshaus in Siegburg und ist zurzeit Praktikant in einer Einrichtung der Diakonie in Bonn. "Gerade in der frühen Phase meiner Erkrankung hätte ich mir gewünscht, dass jemand zu mir sagt: Junge, was du erlebst, kenne ich auch, und es gibt einen Weg da raus."

Sein Praktikum hat ihm gezeigt: "Als EX-IN-Mitarbeiter hat man gleich eine vertrauliche Basis mit den Betroffenen." Dieser Vertrauensvorschuss kann im Zweifel wiederum zur Deeskalation beitragen, falls Konflikte mit anderen Bewohnern oder neue Krankheitsschübe auftreten.

Zwangsbehandlungen werden im Elisabeth-von-Thadden-Haus nicht durchgeführt. "Das wollen und dürfen wir als sozialpsychiatrische Einrichtung gar nicht", sagt Henning Dimpker. Bei einem Verdacht auf eine Eigen- oder Fremdgefährdung würden Betreuer den Notarzt rufen. Entscheidungen, denen sich Bewohner fügen müssen, werden aber auch im ETH getroffen.

Gespräche statt Zwang

So stritten zuletzt einige Bewohner auf einer Etage heftig miteinander. Als die Situation zu eskalieren drohte, wurde eine Bewohnerin in eine andere Etage versetzt. "Es ging nicht darum, einen Schuldigen herauszupicken, sondern die Situation zu entschärfen", sagt Einrichtungsleiter Dimpker. Für die Betroffene, die umziehen musste, war es ein herber Schlag.

"Es war schon heftig", sagt sie. "Ich wollte auf keinen Fall umziehen." Aber sie musste, so hatte es das Betreuerteam entschieden. Jetzt, Wochen später, hat sich die 28-Jährige mit der neuen Situation arrangiert. "In den Gesprächen waren alle sehr ehrlich zu mir. Das schätze ich sehr." Einbezogen in die Gespräche war auch der EX-IN-Mitarbeiter. "Er hat mit dazu beigetragen, dass die Krise entschärft wurde", sagt Henning Dimpker.

Wieder an die eigenen Stärken glauben

Die 28-Jährige hat es sich mittlerweile in ihrer neuen Etage gemütlich eingerichtet. "Ich fühle mich sehr wohl hier im Haus", sagt sie. Das sieht auch Manuela Sousa so. Sie werde manchmal gebeten, sich aus emotionalen Diskussionen anderer Bewohner herauszuhalten. "Das ist nur schwer zu akzeptieren, andererseits weiß ich, dass mich das entlastet und ich mich so besser auf meine eigene Genesung konzentrieren kann."

Beide Bewohnerinnen sind auf dem Weg der Besserung. Neben der psychotherapeutischen Behandlung machen sie regelmäßig Sport und bereiten sich im Rahmen der Arbeitstherapie auf das Berufsleben vor. Und sie glauben wieder mehr an ihre Stärken. Der EX-IN-Mitarbeiter steht ihnen dabei zur Seite.

*Name von der Redaktion geändert

Text: Thomas Becker