Senioren-Ehepaar im Park

Wolfgang K., 51 Jahre: wohnungslos

Protokoll von einem Leben auf der Strasse

Wolfgang K., 51 Jahre, ist ofW, ohne festen Wohnsitz. Wie es dazu kam und wie er sein Leben auf der Straße meistert, protokollierte Günter Keil in dem Buch "Arme habt ihr allezeit", das von der Evangelischen Obdachlosenhilfe herausgegeben wird.

"Ich bin eigentlich keine Mensch, der gern irgendwo draußen im Schlafsack übernachtet. Aber manchmal geht es eben nicht anders. Ich weiß noch genau, wann alles anfing: Es war vor sieben Jahren, als ich das erste Mal keine feste Unterkunft mehr hatte. Meine Ehe, meine Wohnung, mein Job - alles war im Eimer. Ich schlief abwechselnd in Wohnheimen, bei Freunden und im Sommer in Parks und auf Baustellen. Das ging wochenlang so. Dann hatte ich einen Job an der Pforte eines Männerwohnheimes, das war eigentlich eine schöne Zeit. Sozialarbeiter halfen mir dabei, meine Schulden abzubauen, was mir im Rückblick jede Menge Ärger erspart hat. Aber dann ging es wieder los: keine Arbeit und immer wieder Absagen auf Bewerbungen.

Kurz nachdem ich damals obdachlos wurde, sagte mit eine Arbeitsvermittlerin: keine Angst, wir kriegen Sie schon in Arbeit! Doch außer Gelegenheitsjobs passiert gar nichts. Mal hatte ich für einige Wochen oder Monate etwas zu tun, dann wieder nichts, ein ständiges Auf und Ab. Und so ist es heute noch. Ich frage immer nach und bekomme doch nur Absagen. Spätestens dann, wenn rauskommt, dass ich ofW bin, also ohne festen Wohnsitz, ist Schluss. An einem Tag habe ich mal sieben Absagen bekommen, das ist mein Rekord.  Und daran erinnere ich mich noch genau.

Man kann schon sagen, dass ich meine Leben ein bisschen verpfuscht habe. Aber wenn ich zurückschaue, dann gibt es mehr positive als negative Momente, an die ich mich erinnere. Aber natürlich unterdrücke ich auch manchmal Gedanken und frage mich, ob alles so kommen musste, wie es kam. Vielleicht lag es an der Trennung von meiner Frau. Im zweiten Jahr meines Vollkswirtschaftsstudium haben wir geheiratet und ein "Wunschkind" bekommen, meine Tochter. Sie ist heute 28 Jahre alt. Kurz nach der Geburt habe ich Angebot von meiner Firma bekommen, nach Moskau zu gehen. Doch meine Frau wollte nicht, das war der erste Knackpunkt. Der zweite kam, als sie wieder schwanger wurde, das Kind aber wegen einer Krankheit wegmachen musste. Dann haben sich auch noch meine Schwiegereltern dauernd eingemischt, das alles hat unsere Ehe zerstört. Ich suche die Schuld aber nicht bei anderen. Wäre das zweite Kind gesund zur Welt gekommen, wären wir vielleicht noch zusammen und alles wäre anders gelaufen.

Ich versuche jetzt, das Beste aus meiner Lage zu machen. Verhungern und verdursten muss hier in München keiner, sage ich immer. Und stinkende, dreckige Klamotten muss auch niemand anhaben. Mir sieht man ja auch nicht an, dass ich obdachlos bin. Ich übernachte mit drei, vier anderen Männern oft am Hauptbahnhof, da kommt zwar immer wieder die Polizei oder ein Wachdienst, aber es geht schon irgendwie. Sollen sie mich ruhig fünfmal am Tag kontrollieren, ich hab ja nicht auf dem Kerbholz. Also, ich bleibe optimistisch, auch wenn ich mich natürlich daran erinnere, was schon alles schiefgelaufen ist in meinem Leben."

Mit freundlicher Erlaubnis des Hansischen Druck- und Verlagshauses GmbH.

Das Buch "Arme habt ihr allezeit" kann über die Buchhandlung bezogen oder online bestellt werden unter
www.evangelische-obdachlosenhilfe.de bzw. www.chrismonshop.de.

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Rolf Keicher
Hilfen in besonderen Lebenslagen

Tel.: (030) 83001-371
E-Mail: keicher(at)diakonie.de

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