Wohnprojekt: Abenteuer Inklusives Wohnen

- Der Verein Zukunftssicherung Berlin von der Diakonie unterstützt junge Menschen mit Behinderung bei etwas, das eigentlich normal sein sollte: dem gemeinsamen Leben unter einem Dach.

Ein junger Mann wird von einem Betreuer umarmt
André Leipold (r.) mit David Gins in seinem neuen Zuhause Andreas Krufzcik

Ein Vater besucht seinen Sohn. Der Sohn lebt mit drei jungen Männern in einer 100-Quadratmeter-Wohnung. Eine Männer-WG: Die Bewohner sind erst vor Kurzem eingezogen und die Wände noch kahl, nur ein Foto eines Discobesuchs wurde aufgehangen. Auf der Küchenablage hat jemand seinen benutzten Teller liegen lassen. Es ist vier Uhr nachmittags, der Sohn ist gerade von der Arbeit gekommen. Jetzt sitzt er am Küchentisch und lauscht den Gesprächen seiner Mitbewohner. Der Vater betritt die Wohnung, geht zu seinem Sohn und streichelt ihm über den Kopf. Dann muss er die Arme seines Sohnes festhalten, denn die kann der Sohn manchmal nicht kontrollieren, wenn er aufgeregt ist. Der Vater beruhigt den Sohn mit einem Kuss auf die Wange und setzt sich auf die WG-Couch. Später, bei einer Zigarette auf dem Balkon wird der Vater sagen, die Wohngemeinschaft sei das Beste, was seinem Sohn passieren konnte: „Weil es hier etwas sehr Wertvolles gibt: Normalität.“

Der Name des Vaters: Klaus Gins. Sein Sohn David ist 21 Jahre alt. David Gins sitzt im Rollstuhl Er ist mehrfachbehindert und hat „einen hohen Assistenzbedarf“, wie es im Fachjargon der Betreuungskräfte heißt. Zu seiner Behinderung gehört eine Bewegungsstörung. Man nennt sie Dynostie. Sie hindert ihn daran, gezielte Bewegungen alleine auszuüben – zum Beispiel das Führen eines Löffels zum Mund. Außerdem hat David Gins eine Sprachstörung. Ein Sprachcomputer hilft ihm sich mitzuteilen. Bis vor drei Monaten lebte er noch bei seinen Eltern, nun hat ein neuer Lebensabschnitt begonnen: die erste eigene Wohnung. Eigentlich ein normaler Vorgang für einen jungen Mann in seinem Alter. Doch David Gins ist auf sehr viel Hilfe von anderen Menschen angewiesen.

Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen unter einem Dach

Für ihn gibt es zurzeit in Berlin zu dieser WG kaum Alternativen, die ihm ein solches Leben ermöglichen könnten: Mit weniger schwer behinderten Menschen seines Alters zusammenleben, die mit ihm sprechen und in den normalen Alltag integrieren. Pflegekräfte und Pädagogen, die auf seine Wünsch eingehen, die nicht an starren Programmabläufen festhalten. In einem Wohnheim für behinderte Menschen müsste er wahrscheinlich mit anderen Menschen zusammenleben, die ähnlich beeinträchtigt sind wie er. Klaus Gins sagt, ein Heim wäre für David und die Familie nicht in Frage gekommen: „Ein Ort, bei dem mehrere Davids in einen Raum geschoben werden und still nebeneinander sitzen? Niemals!“

Die Küche der Wohngemeinschaft mit ihren Bewohnern
Inklusive Wohngemeinschaft: genauso wohnen wie andere auch Andreas Krufzcik

Stattdessen lebt David Gins in einer Wohngemeinschaft in Berlin-Zehlendorf. Das Besondere verglichen mit anderen Wohnformen: Seine drei Mitbewohner sind zwar wie er beeinträchtigt, allerdings ist ihr Unterstützungsbedarf geringer. Einer hat das Down-Syndrom, die anderen haben eine geistige Behinderung. Die WG ist Teil eines ambitionierten Wohnprojektes, das der Verein Zukunftssicherung Berlin für Menschen mit geistiger Behinderung initiiert hat: 23 Menschen mit unterschiedlichem Unterstützungsbedarf leben in zehn Wohnungen zusammen mit anderen, nicht beeinträchtigten, Mietern gemeinsam in einem Haus.

Finanzierung: ungelöst

Zwanzig Mitarbeitende engagieren sich hier. Pflege und pädagogische Betreuung kosten Geld. Doch die Finanzierung des Wohnprojektes ist nicht gesichert. "Wir kämpfen und kämpfen", sagt Klaus Gins. Das Problem: Finanziert werden bisher in der Regel nur Wohnformen, bei denen Menschen mit ähnlichem Unterstützungsbedarf zusammen leben. Die zuständigen Bezirksämter können das Projekt nirgendwo einordnen und finanzieren es deswegen bisher nicht. Klaus Gins hofft auf den Berliner Senat. Dieser vermittelt bereits zwischen Träger und Ämtern. Irgendwann, sagt Klaus Gins, würden sie das Geld schon bewilligen "Aber diese Ungewissheit gehört wohl irgendwie auch zur Inklusion dazu."

Rückblick, ein Abend im Jahr 2008. Der Verein Zukunftssicherung hat zum Elterntreff eingeladen. Ein Raum mit knapp 40 Menschen, die einen bescheidenen Wunsch für ihre Kinder haben: Dass sie genauso wohnen können wie andere junge Menschen in ihrem Alter auch. Ihre Idee: Ein bis dahin einzigartiges, inklusives Wohnprojekt ins Leben rufen, bei dem ihre Kinder unabhängig von ihrem Assistenzbedarf in einem Haus zusammen leben können. Das Ziel ist Inklusion. 2009 ist in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten. Sie soll die gesellschaftliche Inklusion aller Menschen mit Behinderung gewährleisten. Olaf Seidler vom Verein Zukunftssicherung hat das Vorhaben in Berlin von Anfang an begleitet. "Der Bedarf an inklusiven Wohnprojekten war unglaublich groß", erinnert sich Seidler, "und das ist bis heute so."

Die Nachbarn beschweren sich schon mal

Obwohl die UN-Behindertenrechtskonvention das Recht auf freie Wahl der Wohnform für Menschen mit Behinderung beschreibt, ist im Jahr 2013 das Wohnprojekt des Vereins Zukunftssicherung immer noch ein Novum in Berlin und in Brandenburg: Hier leben Menschen, die rund um die Uhr von Pflegekräften und Pädagogen unterstützt werden. Hier leben Menschen, die so selbständig sind, dass sie einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt haben. Und hier leben Menschen, die als nicht behindert gelten.

Das Haus in dem diese Menschen leben, steht in einer normalen Wohngegend - mit Nachbarn, die schon mal anrufen, wenn ihnen die "geistigen Behinderten" zu laut sind, weil sie den 30. Geburtstag eines Mitbewohners feiern. Solche Anrufe nimmt Projektleiter Olaf Seidler an, der dann den Nachbarn rät, doch ruhig selbst bei den Feierwütigen an der Tür klingeln und sie bitten leiser zu sein. In solchen Momenten, sagt Seidler, gehe es darum Berührungsängste abbauen. "Ich sage denen dann: Beschwert euch gern auch direkt bei den Menschen mit geistiger Behinderung!" Denn auch das gehört zur Inklusion dazu.

Text, Ton und Schnitt: Wolf-Hendrik Müllenberg
Fotos: Andreas Krufzcik