Thema kompakt: Wie ich mich für Flüchtlinge engagieren kann

- Viele Menschen in Deutschland engagieren sich für Flüchtlinge. Wo und wie Sie helfen können, welches Engagement zu Ihnen passt und worauf Sie achten müssen, skizziert diese Übersicht.

Menschen auf der Flucht 37,5 Millionen 51,2 2013 2005 2014 59,5 Quelle: UNHCR 2015 Knapp 60 Millionen Menschen weltweit fliehen derzeit vor Kriegen, Verfolgung und Konflikten. Das ist die höchste Zahl, die jemals vom Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) dokumentiert wurde. In den letzten Jahren sind viele Flüchtlinge auf der Suche nach Frieden, Schutz und Sicherheit nach Europa gekommen. 2014 stellten 626.000 Menschen Asylanträge in der EU, das ist der höchste Stand seit 1992. Diese sechs Länder nehmen die meisten Flüchtlinge auf: Die Flüchtlingssituation im Überblick Quelle: EUROSTAT 2014 Quelle: BAMF 100.000 500.000 700.000 Türkei 1,59 Millionen Iran 982.400 Jordanien 654.100 Äthiopien 659.500 der Flüchtlinge fliehen in die Nachbarländer 14 % werden von den 44 Industrienationen aufgenommen 86% Pakistan 1,51 Millionen Deutschland 202.645 Libanon 1,15 Millionen Die Steigerung von 2013 auf 2014 war die höchste, die jemals im Laufe eines Jahres vom UNHCR dokumen- tiert wurde. Entwicklung in Deutschland Zahl der Asylanträge seit 1990 1.Halbjahr 2015 *Grundlage bereinigte Gesamt- schutzquote: hier werden nur Asylanträge berücksichtigt, bei denen auch inhaltlich geprüft wird, ob ein Schutzanspruch besteht (Quelle: Antworten der Bundes- regierung auf die regelmäßigen Anfragen der Linken). Von den knapp 203.000 Asylanträgen 2014 wurden 48,5 Prozent, also gut 98.000, anerkannt. Anträge wurden abgelehnt, weil zum Beispiel der Herkunftsstaat als sicher eingestuft wurde. Das betrifft gerade Westbalkanländer wie Serbien, Bosnien und Mazedonien. als Flüchtlinge anerkannt* Angaben in Prozent 1990 1992 1994 1997 2000 2003 2006 2009 2012 2015 Juni Juli 800.000 (Prognose des BAMF) 438.191 117.648 28.018 202.834 77.651 bis Juli 218.221 151.700 193.063 67.484 48,5 39,3 35,8 29 27,6 46,1 53,7 50,4 171.798 Asylanträge (Erst- und Folgeanträge) sind in den ersten sechs Monaten 2015 beim BAMF eingegangen. Das sind 129,2 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2014 – hier sind 74.942 Asylanträge eingegangen.
Persönliche Voraussetzungen – Traue ich mir das zu? Wie erfahre ich, wo und wieich helfen kann? Die Fachberatungsstellen für Flüchtlinge und Migranten sind Ansprechpartner für Menschen, die sich freiwillig engagieren möchten. Aufgrund des hohen Beratungsbedarfs kann es zu zeitlichen Engpässen kommen. Deswegen sollte man einen Termin vereinbaren. Derzeit setzen sich mindestens 100.000 freiwillig Engagierte bundesweit in kirchlich-diakonischen Initiativen und Strukturen für Flüchtlinge ein.Es gibt viele Möglichkeiten für ein persönliches Engagement. Hilfsangebot und Bedarf der Flüchtlinge müssen zueinander passen. Vor Ort existieren unterschiedlichste Akteure, die das Engagement koordinieren und wissen, was tatsächlich benötigt wird: Willkommensinitiativen und Bündnisse, Asyl- und Migrationsfachberatungsstellen der Wohlfahrtsverbände und Flüchtlingsorganisationen, Kirchengemeinden oder Sozialdienste der Stadt oder Gemeinde. Außerdem gibt es in jedem Bundesland einen Flüchtlingsrat, der weiterhelfen kann. Wenn eine Flüchtlingsunterkunft in der Nähe aufgemacht hat, können Sie dort nach Unterstützungsmöglichkeiten fragen.In den meisten Fällen können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ihnen sagen, was gerade gebraucht wird. Damit schützen Sie sich selbst vor Enttäuschungen und falschen Erwartungen. Im Kontakt mit den Asylsuchenden gilt als oberstes Gebot: Mein Gegenüber sagt mir, welche Hilfe er oder sie benötigt. Entscheidend ist nicht, was man selbst als Hilfe für angebracht hält. Das kann manchmal ganz unterschiedlich sein. Welche Fragen sollte ich mir im Vorfeld stellen? Flüchtlingsarbeit ist anspruchsvoll. Diese Menschen kommen aus Krisenregionen, haben oft eine monatelange Fluchtroute hinter sich, sind vielleicht traumatisiert.Sie sollten sich deswegen vorher einige Fragen stellen:Was ist meine persönliche Motivation? Sind meine Erwartungen an das Engagement realistisch?In der Arbeit mit Asylsuchenden begegnen mir viel Not und belastende persönliche Schicksale. Kann ich nach meinem Engagement abschalten? Und welche Möglichkeiten gibt es das Erlebte zu reflektieren?Mit welchen Flüchtlingssituationen und Fluchtgeschichten möchte ich mich konfrontieren?Kann ich den Menschen mit ausreichend Sensibilität und Respekt begegnen? Für die Menschen ist es wichtig, so angenommen zu werden, wie sie sind.Kann ich die eigene Lebensart aufzeigen, ohne die andere zu bewerten? Wie gut kenne ich meine eigenen Vorurteile? Bin ich z. B. bereit, mich damit auseinanderzusetzen, welche Gefühle eine verschleierte Frau bei mir auslöst, oder Erziehungsmethoden, die von meinen Überzeugungen abweichen? Kann ich mich auf die oft angespannte Situation in den Unterkünften und dasZusammenleben vieler verschiedener Menschen auf engem Raum einlassen? Kenne ich meine eigenen Grenzen? Sowohl im Hinblick auf Traumatisierung als auch bei asyl- und ausländerrechtlichen Fragen: hier an professionelle Hilfe weiterzuleiten ist ein Zeichen von Kompetenz. Bei allem Schweren verblüffen Flüchtlinge immer wieder mit ihrem erstaunlichen Lebensmut. Wo liegen meine Fähigkeiten undInteressen? Welche Unterstützungsmöglichkeiten, Unterstützungsinitiativen und Willkommensbündnisse gibt es? Welche ehrenamtliche Hilfe wird vor Ort benötigt und wer koordiniert das? Wie viel Zeit kann ich generell aufwenden? Wie lange möchte ich mich engagieren? Welche Hilfe kann ich konkret leisten?
Verschwiegenheit und DatenschutzFreiwillig Engagierte sind selbstverständlich zur Verschwiegenheit verpflichtet. Angelegenheiten und Informationen, die Sie in Ihrem Engagement erhalten, dürfen nicht an Dritte weitergegeben werden. Arbeit mit Kindern und Jugendlichen Wenn Freiwillige mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, müssen die Richtlinien zum Anvertrautenschutz beachtet werden (Selbstverpflichtungserklärung unterzeichnen und ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen).VersicherungsschutzErkundigen Sie sich bei Ihrer Organisation oder Initiative, ob ein Versicherungsschutz besteht. Sonst ist es ratsam, einen Haftpflicht- und Versicherungsschutz abzuschließen. Ich möchte mich engagieren und habe Zeit Flüchtlinge brauchen Unterstützung im Alltag. Hauptamtliche und freiwillig Engagierte können ihnen dabei helfen, das gesellschaftliche Leben in Deutschland kennen-zulernen. Sie können beispielsweise bei Ämtergängen helfen, Sprachunterricht organisieren oder Flüchtlinge mit dem neuen Wohnumfeld vertraut machen. Aber auch in der Vorbereitung auf das Asylverfahren und in der Kommunikation mit den Behörden können freiwillig Engagierte inhaltlich und sprachlich unterstützen. Dabei ist immer zu beachten, welche Fähigkeiten Sie selbst mitbringen und welche Hilfen Sie leisten können. Begleitung und Unterstützung im Asylverfahren und bei Behörden (Begleitung zu Behörden, Dolmetschen, Behördenbriefe erklären und beantworten helfen)Sprachunterricht organisieren und gebenKommunikationsmittel zur Verfügung stellen (Internet, W-Lan, Handyguthaben)Wie funktioniert der Alltag in Deutschland (einkaufen, Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Mülltrennung, örtliche Gepflogenheiten, deutsche Feste und Gebräuche)Freizeitgestaltung für Flüchtlinge (Ausflüge, Sport, Handarbeit, Kochen)Hilfe bei der WohnungssucheKinder- und Hausaufgabenbetreuungsich für die Belange der Flüchtlinge einsetzen: Wenn in Gemeinschaftsunterkünften Missstände auffallen, diese an die Verantwortlichen oder meldenKommunikation herstellen bei Problemen mit der Nachbarschaft über Iokale Initiativen und Kampagnen zur Mitarbeit informieren auch die Flüchtlingsräte der Bundesländer mehr Informationen (Link) Grenzen des freiwilligen Engagements Freiwillig Engagierte können in der Flüchtlingsarbeit an ihre Grenze geraten, zum Beispiel in rechtlichen Fragen im Asylverfahren oder bei sozialrechtlichen Ansprüchen. Da das Asylrecht komplex ist und kurze Rechtsmittelfristen herrschen, muss die ehrenamtliche Begleitung durch professionelle Stellen abgesichert sein. Grundkenntnisse im Asylrecht sind sehr ratsam. Um zu große Belastungen zu vermeiden, ist es sinnvoll, das eigene Engagement zeitlich zu begrenzen. Wenn Flüchtlinge aufgrund von Kriegserlebnissen, Flucht- und Vertreibungserfahrungen traumatisiert sind, suchen Sie Unterstützung bei hauptamtliche Stellen. Damit Freiwillige ihre Aufgabe gut erfüllen können und vor Selbstüberforderung geschützt werden, begleiten die Kirchen und Wohlfahrtsverbände mit ihren Fachberatungsstellen und Freiwilligenagenturen das freiwillige Engagement. Was muss ich noch beachten?
Ich möchte Wohnraum anbieten Wenn die Menschen in Deutschland ankommen, müssen sie zunächst in Gemeinschaftsunterkünften leben, die Dauer des Aufenthalts ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Flüchtlinge sollten schnell eigenen Wohnraum beziehen, damit sie mehr Privatsphäre haben. Ob ein Flüchtling umziehen darf, hängt von seinem Asylstatus ab. Wer Flüchtlinge gerne aufnehmen möchte, sollte das zuerst abklären – am besten mit den Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände, dem Flüchtlingsrat, den Behörden oder lokalen Initiativen. Wer eine freie Wohnung, ein Zimmer, ein Haus oder freistehende Immobilien anbieten möchte, wendet sich an die Stadt- oder Kreisverwaltung. Hier ist meistens das Sozialamt zuständig. Das Angebot eines WG-Zimmers sollte gut überlegt sein. Pro Asyl hat dazu einen Leitfaden herausgebracht: Link: Flüchtlinge privat aufnehmen Es ist wichtig, dass ein eigener Mietvertrag abgeschlossen wird. Wenn Flüchtlinge noch im Asylverfahren sind oder nach der Anerkennung noch keine Arbeit gefunden haben, übernimmt das JobCenter oder das Sozialamt die Miete. Checkliste: Wohnraum für Flüchtlinge Ist der Wohnraum bewohnbar?Wohnung bei Kreisverwaltung oder Kommune (meistens Sozialamt) meldenAmt prüft, ob Wohnung geeignet istVermieter und Amt unterschreiben MietvertragFlüchtlinge werden zugeteiltIn einer WG: Vereinbarungen treffen
In Deutschland engagieren sich viele Menschen selbstverständlich für Flüchtlinge. „Das ist ein Schatz dieser Zivilgesellschaft, den wir gar nicht hoch genug werten können!“, sagt Diakonie-Präsident Lilie.Die Freiwilligen brauchen Informationen über kulturelle Hintergründe, aber auch über die rechtlichen Grundlagen im Asylrecht. Aber sie müssen auch wissen, wann eine Weiterleitung an hauptamtliche Mitarbeitende erforderlich ist, beispielsweise bei Anzeichen von Traumatisierung und bei besonderen Bedarfen. Freiwillig Engagierte müssen besser informiert und ausgebildet werden.Derzeit sind die hauptamtlich Mitarbeitenden sehr stark mit der Beratung und Begleitung von Asylsuchenden ausgelastet, sodass sie mitunter kaum Kapazitäten haben, freiwillig Engagierte in ihre Arbeit einzubeziehen oder anzuleiten. Der Betreuungsschlüssel Mitarbeitender zu Asylsuchenden reicht bis zu 1:2.000. Die Diakonie Deutschland tritt deshalb dafür ein, hauptamtliche Migrations- fachdienste und FreiwilligenkoordinatorInnen stärker zu unterstützen, um das freiwillige Engagement bestmöglich für die Flüchtlinge und die Engagierten einbringen zu können. Position der Diakonie