Thema kompakt: Migrationsfachdienste

- Migrationsfachdienste helfen bei der sozialen und beruflichen Integration in Deutschland. Fakten und Hintergrundinfos zu ihren Aufgaben bietet dieses Thema kompakt.

Eine junge Frau vor dem Büro des Jugendmigrationsdienstes in Berlin-Neukölln Vergrößern
Der Jugendmigrationsdienst ist eine Anlaufstelle für Migrantinnen und Migranten Stephanie Häfele

Migrationsfachdienste beraten und unterstützen Eingewanderte und Flüchtlinge bei Fragen und Problemen des täglichen Lebens. Sie helfen ihnen, sich in Deutschland zurechtzufinden und zu integrieren.

Sie fördern das Zusammenspiel mit Schulen und Behörden wie auch die Begegnung mit Einheimischen am Ort.

Die Angebote der Migrationsfachdienste sind für die Ratsuchenden kostenlos.

Organisation und Finanzierung

Was macht ein Migrationsfachdienst?

Die Aufgaben der Migrationsfachdienste sind vielfältig.
Die Mitarbeitenden

  • bieten Sprechstunden an und beraten die Ratsuchenden persönlich und beantworten Fragen wie: Wie finde ich eine Wohnung? Welche Sozialleistungen stehen mir zu? Wie finde ich einen Job? Wo kann ich mein Kind betreuen lassen?
  • entwerfen gemeinsam mit den Ratsuchenden einen individuellen Förder- und Zukunftsplan
  • unterstützen dabei, ausländische Bildungsnachweise und Abschlüsse in Deutschland anerkennen zu lassen
  • vermitteln Sprachkurse
  • begleiten die Eingewanderten bei ihrem Umgang mit Ämtern und anderen öffentlichen Einrichtungen
  • vermitteln ergänzende schulische und sprachliche Hilfen wie beispielsweise Bildungspatenschaften oder so genannte "Integrations-Lotsen", die jungen Migranten und Migrantinnen persönlich helfen, sich im Alltag in Deutschland zurechtzufinden
  • engagieren sich im Gemeinwesen bei der Netzwerkarbeit und der Förderung der interkulturellen Öffnung.

An wen richten sich die Migrationsfachdienste?

Die Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer (MBE) steht Migrantinnen und Migranten ab 27 Jahren offen. Alle Menschen, die neu zugewandert sind, aber auch Spätaussiedler und deren Familien, die schon mehrere Jahre in Deutschland leben, sowie Unionsbürger, die Unterstützung bedürfen, können sich an den MBE wenden.

Für junge Menschen zwischen 12 und 26 Jahren gibt es ein spezielles Beratungsangebot, den Jugendmigrationsdienst (JMD).

Zu den Zielgruppen gehört im Rahmen der Gemeinwesenarbeit aber auch die gesamte in der Umgebung lebende Bevölkerung.

Wer bietet Migrationsberatung an?

Migrationsfachdienste und Angebote der Flüchtlingsarbeit von Kirche und Diakonie gibt es in vielen deutschen Städten (siehe unten).
Anbieter der Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer und der Jugendmigrationsdienste sind die Wohlfahrtsverbände, darunter Diakonie, Caritas, Arbeiterwohlfahrt, Paritätischer, Deutsches Rotes Kreuz und Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland.

Rechtslage

Rechtliche Grundlage für die Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer ist das Aufenthaltsgesetz (AufenthG). Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ist verantwortlich dafür, dass eine migrationsspezifische Beratung durchgeführt wird.

Das spezielle Angebot der Jugendmigrationsdienste wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert. Rechtsgrundlage dafür ist der Kinder- und Jugendplan des Bundes (KJP) mit dem speziellen Programm zur "Integration junger Menschen mit Migrationshintergrund".

Historie der Migrationsfachdienste

  • nach 1830: Die "Auswandererfürsorge" ist im Zuge der Auswanderungswellen vornehmlich nach Nordamerika eines der ersten Arbeitsgebiete der Inneren Mission, einem Vorläufer der heutigen Diakonie Deutschland.
  • 1922: Aus Vorläufervereinen entsteht der "Verband für Evangelische Auswandererfürsorge", der in rund 70 Stellen Auswanderer schriftlich und mündlich berät.
  • 1933-1945: Das Büro des Pfarrers Heinrich Grüber in Berlin verhilft einer größeren Zahl von evangelischen "Nichtariern" zur Auswanderung.
  • 1945-1950: Für die evangelische Kirche und ihr schon kurz nach Kriegsende gegründetes Evangelisches Hilfswerk ist die Solidarität in Wort und Tat mit Flüchtlingen und Menschen in schwierigen Lebenslagen wie der Migration von Beginn an eine besondere Aufgabe. Zunächst geht es um die Aufnahme von deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen. Für deutsche Auswanderer wird eine Auswanderungsabteilung gebildet.
  • Ab 1950: Die Innere Mission und später das damalige Diakonische Werk der EKD helfen deutschstämmigen Aussiedlern aus Polen, Rumänien und ab 1987 auch der Sowjetunion bei der Eingliederung in Deutschland.
    Für Jugendliche, die heimat- oder arbeitslos sind oder keine Eltern mehr haben, entstehen in der Nachkriegszeit so genannte Jugendgemeinschaftswerke. Diese kümmern sich auch um die sozialpädagogische Begleitung von Flüchtlingen und ausgesiedelten Jugendlichen.
  • 1960er/70er: Noch vor Beginn der staatlichen Förderung unterstützt die Diakonie ausländische Arbeitnehmer mit muttersprachlichen und nationalitätenspezifischen Beratungsangeboten, Besonders engagiert sich die Diakonie für die griechisch stämmige Bevölkerungsgruppe. Später wird aus dem Provisorium ein Fachdienst: die Ausländersozialberatung.
  • 1975: Zum ersten Mal findet der "Tag des ausländischen Mitbürgers" statt, er wurde später zur "Woche der ausländischen Mitbürger" und ist heute als "Interkulturelle Woche"
    bekannt.
    Die Beratung von Migrantinnen und Migranten ist in Deutschland nicht einheitlich organisiert: Flüchtlingen steht nur die Beratung durch kirchlich-diakonische Stellen offen. Ausländer werden bis 2005 in der Ausländersozialberatung beraten. Aussiedler müssen sich bis 2005 wiederum an andere Beratungsstellen wenden.
  • 1992 - 2012: 1992 existieren noch 20 evangelische Auswandererberatungsstellen. 2012 sind es 11.
  • 1992: 300 Hauptamtliche sind in der Aussiedlerarbeit tätig. Ab 1993 nimmt die Zahl der Spätaussiedler ab.
  • 2004: Die Jugendgemeinschaftswerke werden durch die Jugendmigrationsdienste ersetzt. Dieses Angebot ist nicht mehr auf Spätaussiedler beschränkt. Die Schwerpunkte liegen bei der individuellen Begleitung von neu Zugewanderten, die nicht mehr zur Schule gehen.
  • 2005 Mit dem neuen Zuwanderungsgesetz wird die Migrationserstberatung (MEB) eingeführt. Damit gibt es erstmalig ein Grundberatungsangebot, das vorrangig neu
    zugewanderten erwachsenen Menschen wie auch Spätaussiedlern gleichermaßen offen steht.
  • 2009: Die Migrationserstberatung wird in Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer (MBE) umbenannt und richtet sich damit auch an lange in Deutschland lebende Eingewanderte. Die MBE steht jetzt auch ratsuchenden Unionsbürgern offen, also auch allen Staatsangehörigen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union.

Hintergrund und Zahlen

Insgesamt gibt es zum 01.01.2016 200 Migrationsberatungen für Erwachsene in Trägerschaft der Diakonie und 162 Jugendmigrationsdienste aus dem Bereich der evangelischen Kirche und Diakonie.

Verbandsübergreifend gibt es insgesamt rund 453 Jugendmigrationsdienste und 700 Migrationsberatungen für erwachsene Zuwanderer in Deutschland.

Bewertung der Diakonie Deutschland

Die Diakonie erkannte schon früh die völkerrechtlichen Verpflichtung und Verantwortung der jungen Bundesrepublik für die Aufnahme von Flüchtlingen. Migrationsberatung am Ort ist unabhängig, vertraulich und ergebnisoffen. Sie bereitet auf eine freiheitliche Gesellschaft mit verantwortlich handelnden Bürgern vor. Sie ist getragen von der Einsicht, dass Integration ein wechselseitiger Prozess ist und dass soziale Arbeit mit einem Doppelmandat antreten muss: Sie stellt sich nicht nur in den Dienst der Ratsuchenden und der Verwirklichung ihrer Rechte, sondern sie zielt gleichzeitig auch darauf ab, die Zusammenarbeit der kommunalen Institutionen zu verbessern, von der Ausländerbehörde über die Arbeitsagentur bis zur Schule. Da die Zuwanderung nach Deutschland seit 2012 um mehrere 100.000 Migranten und Migratinnen gestiegen ist, fordert die Diakonie, die Ausgaben des Bundes für die Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer und für die Jugendmigrationsdienste zu erhöhen.

Text: Diakonie/Sarah Spitzer und Ulrike Pape