Thema kompakt: Armut

Was bedeutet Armut? Die Sozialwissenschaft unterscheidet zwischen absoluter und relativer Armut.Absolute Armut bedeutet, dass Menschen ihre Grundbedürfnisse nicht decken können. Sie haben zum Beispiel nicht genug zu Essen, keine ausreichende Kleidung oder Wohnung oder ihre ärztliche Versorgung ist nicht gesichert.Die Sicht auf relative Armut bezieht auch die Lebens- und Entwicklungschancen in einer Gesellschaft ein, es geht also um soziale Ungleichheit. Armut bedeutet letztlich, dass Personen nicht die Teilhabemöglichkeiten haben, die in einer Gesellschaft als normal gelten und zugleich materiellen Mangel erleiden. Wer relativ arm ist, hat beispielsweise schlechtere Bildungschancen, weniger soziale Kontakte und für ihn oder sie ist es schwerer als für Andere, beruflich aufzusteigen. Die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, das heißt die soziale und kulturelle Teilhabe, ist in vielerlei Hinsicht eingeschränkt.
Wer weniger als Armutsrisikoquote in Deutschland Entwicklung der Armutsrisikoquote Das sind über Menschen in Deutschland 13 Millionen 16,1 % durchschnittliches Armutsrisiko Vom Armutsrisiko sind betroffen: des mittleren Einkommenszum Leben hat, gilt nach der EU-weit geltenden Definitionals armutsgefährdet.* Mittleres Einkommen in Deutschland:979 € netto monatlich (11.749 €/Jahr) für Alleinstehende2.056 € netto monatlich (24.673 €/Jahr) für zwei Erwachsenemit zwei Kindern unter 14 Jahren Stand 2013 Definition Armutsrisiko *16,1 Prozent aller in Deutschland Lebenden galten nach der EU-weiten Vergleichsstatistik „Leben in Europa“ (EU-SILC) im Jahr 2013 als armutsgefährdet. **Das Statistische Bundesamt ermittelt im Rahmen dieser Erhebung darüber hinaus die Zahl der von Armut oder sozialer Ausgrenzung Betroffenen. Hierbei werden weitere Kriterien wie Zugang zu Konsumgütern, Ernährung, Wohnsituation und Beheizbarkeit der Wohnung, Überschuldung oder fehlende Haushaltsgeräte berücksichtigt. 2013 waren in Deutschland 20,3 Prozent der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. *Das Statistische Bundesamt erhebt Daten nach der europäischenGemeinschaftsstatistik EU-SILC. Die Statistik legt die Armutsrisikoquote bei60 % des mittleren Einkommens fest und gewichtet das Einkommen nachHaushaltsmitgliedern. 20,3 %** 60 % Besondere ArmutsrisikenDie Ursachen von Armut sind vielfältig. Häufig geraten Menschen in Armut, weil sie ihren Job verlieren, krank werden oder sich von ihrem Partner trennen. Besonders gefährdet sind Alleinerziehende, Beschäftigte im Niedriglohnsektor, Frauen im Rentenalter sowie Familien mit mehr als zwei Kindern.In den Statistiken zur Armutsgefährdung wird deutlich, dass gesellschaftliche Benachteiligungen das Armutsrisiko direkt erhöhen. Viele Mütter leiden beispielsweise darunter, dass Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder fehlen und die Angebote auf dem Arbeitsmarkt oft schlecht mit einer Familie zu vereinbaren sind. Dadurch geraten sie in eine Spirale von geringfügiger Beschäftigung. Dies führt in der Regel auch dazu, dass die Mütter aufgrund fehlender Rentenansprücheim Alter schlecht abgesichert sind.Viele Menschen, die als ‚ausländisch‘ wahrgenommen werden, haben allein deswegen schlechtere Arbeits-, Wohn- und Bildungsmöglichkeiten und werden so diskriminiert. Diese Benachteiligungen werden beispielsweise im 4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung an vielen Stellen erwähnt und von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes immer wieder aufgedeckt. So haben etwa Kinder mit türkischem Nachnamen bei gleicher Leistung wie andere Kinder eine deutlich geringere Chance, eine Gymnasialempfehlung zu bekommen. Die Armutsrisikoquote lag 2007 bei 15,2 % und ist seit 2011 konstant (16,1 %). Das heißt: auch bei guter wirtschaftlicher Lage verringert sich in Deutschland das Armutsrisiko nicht, sondern bleibt gleich. Im konjunkturellen Abschwung nimmt sie dagegen weiter zu.Quelle: EU-SILC, Stand 2013 16,1 %* 17,2 % aller Frauen 69,3 % aller Arbeitslosen 35,2 % aller Alleinerzehenden 31,9 % aller Alleinlebenden 17 % aller über 65-jährigen Frauen 12,7 % aller über 65-jährigen Männer 8,5 % aller Familien mit zwei Kindern 13,7 % aller Familien mit mehr als zwei Kindern 14,7 % aller Kinder und Jugendliche 15 % aller Männer
Wer bezieht Grund-sicherungsleistungen? davon2/3 länger als 2 Jahre 6,2 MillionenMenschen empfangen Hartz IV 4,2 Millionen werdennicht als arbeitslos gezählt davon sindca. 50 % erwerbsfähig* und ca. 50 % sind nicht erwerbsfähig95 % davon sind Kinder * Hierzu zählen z. B. die Teilnehmenden an Maßnahmen, Eltern in der Erziehungszeit, Erwerbstätige mit ergänzendem Leistungsbezug oder ältere Erwerbslose. Ein großer Teil der Menschen, die Grundsicherungsleistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (Hartz IV) beziehen, ist langfristig auf diese Hilfen angewiesen. 1,8 Millionen der knapp 6,2 Millionen Leistungsberechtigten (Stand Mai 2013) bezogen nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Leistungen seit 2005 ununterbrochen. Die Hälfte von ihnen sind Angehörige, die nicht erwerbsfähig sind. Zwei Drittel aller Menschen, die Grundsicherungs-leistungen erhalten, beziehen diese über mehr als zwei Jahre. 2 Millionen sind arbeitslos gemeldet
Das sind ungefähr Menschen in Deutschland Ein wachsender Teil der Bevölkerung lebt zwar in Armut, bezieht jedoch keine staatlichen Hilfen. Dies liegt zum einen daran, dass die Voraussetzungen für den Anspruch auf bestimmte Leistungen steigen. Andererseits nehmen immer mehr Menschen soziale Rechte nicht in Anspruch, weil sie Angst vor den damit verbun- denen Sanktionen und Kontrollen haben. Verdeckte Armut Zu verdeckter Armut kommt es, wenn Menschen, denen Hartz IV zusteht, ihren Anspruch nicht wahrnehmen. Das sind in Deutschland ca. der Leistungsberechtigten … zum Beispiel weil sie sich schämen oder sie nicht genau wissen, was sie erhalten können. 40 Quelle: Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) 4 Millionen
Wenig Geld für Arbeitsmarktförderung Seit 2010 wurden die Mittel für die Arbeitsmarktförderung um die Hälfte reduziert. So ist es kaum möglich, in Zeiten einer guten konjunkturellen Lage auch Langzeiterwerbslose nachhaltig für Arbeit zu qualifizieren. Strukturelle Gründe Die prekäre Beschäftigung in Deutschland hat seit Anfang der 90er Jahre deutlich zugenommen.Eine Studie des Instituts für Arbeit und Qualifizierung aus dem Jahr 2012 geht davon aus, dass nach den letzten Daten Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung wies 2013 darauf hin, dass in Deutschland fast ein Viertel aller Beschäftigten weniger als 2/3 des mittleren Lohns bekam. Anstieg der prekären Beschäftigung 2010 für Löhneunter 9,15 € pro Stundegearbeitet haben. 23,1 Prozent aller Beschäftigten
Bewertung der Diakonie Die Diakonie will Menschen, die arm oder davon bedroht sind, arm zu werden, unterstützen und ihnen helfen, einen Ausweg aus der Armut zu finden.Ein zentraler Anspruch der Diakonie ist, dass alle Menschen für sich selbst und die eigene Familie sorgen und gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Der Zugang zu Bildung ist dafür eine entscheidende Voraussetzung. Kinder und Jugendliche brauchen gute Bildungs- und Betreuungsmöglichkeiten sowie pädagogische Angebote von Anfang an, damit sie gar nicht erst in den Kreislauf von Armut und Ausgrenzung geraten. Die Diakonie fordert daher, die Sozial- und Bildungsinfrastruktur auszubauen und weitgehend beitragsfrei zu gestalten.Die Finanzierung der kommunalen Daseinsfürsorge muss dauerhaft gesichert werden. Weitere Steuersenkungen auf Kosten der sozialen Infrastruktur und der Kommunen, die diese anbieten, darf es nach Ansicht der Diakonie nicht geben. Wo den Kommunen nicht mehr ausreichend Mittel zur Verfügung stehen, um soziale Angebote und Hilfen, aber auch Schwimmbad, Bibliothek, Freizeit-möglichkeiten oder Kinderbetreuung gewährleisten zu können, kann auch kein Gutschein weiterhelfen, mit dem der kostenlose Zugang ermöglicht werden soll.Die Diakonie setzt sich ein für eine existenzsichernde Grundsicherung, die ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Nach Diakonie-Berechnungen ist der Regelsatz um mindestens 70 € zu niedrig. Eine Grundsicherung sollte nicht nur eine fortdauernde finanzielle Unterstützung sein, sondern die soziale Teilhabe der Menschen verbessern und Perspektiven über den Leistungsbezug hinaus aufzeigen. Dazu gehört auch eine aktive Arbeitsmarktpolitik, die diesen Namen verdient.Aber auch kirchliche Hilfen müssen so gestaltet sein, dass sie Hilfebedürftigkeit überwinden helfen und weder abhängig machen noch entmündigen. Darum sind auch Angebote wie die Tafeln keine Dauerlösung und können den Sozialstaat und eine teilhabeorientierte Sozialpolitik nicht ersetzen.