Tafelarbeit: "Utopisch, die Armutsbekämpfung allein den Tafeln zu überlassen"

- Die Tafeln in Deutschland werden in diesem Jahr 20 Jahre alt – ein wichtiges zivilgesellschaftliches Engagement gegen Armut. Trotzdem werden zum Tafelgeburtstag auch einige kritische Stimmen laut.

Matthias Bruckdorfer
Matthias Bruckdorfer Diakonie/Stephan Röger

Welche Kritik gibt es an den Tafeln?
Matthias Bruckdorfer:
Die Arbeit der Tafeln ist zwiespältig. Auf der einen Seite ist klar: Die Grundsicherungssysteme reichen nicht aus, es muss etwas getan werden. Die Tafeln sind hier das soziale Notpflaster und leisten Armutslinderung. Auf der anderen Seite entlasten sie damit aber die Politik. Was wir dringend brauchen, ist eine aktive Armutsüberwindung, nicht nur Armutslinderung. Denn im Grunde genommen verbleiben die Menschen, die die Tafel nutzen, in der gleichen Situation. Je selbstverständlicher die Tafeln werden, desto mehr verstetigt sich Armut, ohne dass der Sozialstaat gezwungen ist, gerechtere Strukturen zu schaffen. Das Gegenteil ist sogar der Fall: Die Politik hat die Tafeln instrumentalisiert und sich zurückgelehnt.

Wo und warum ist die Arbeit der Tafeln dennoch nötig?
Bruckdorfer:
Wir möchten nicht, dass die Tafeln grundsätzlich abgeschafft werden. Selbst wenn es gerechtere Strukturen gäbe und wir eine höhere Grundsicherung hätten, gäbe es immer noch Menschen, die wenig Einkommen haben und die sich durch die Tafeln einen kleinen finanziellen Spielraum schaffen können. Die Zivilgesellschaft ist eigenständig und widerständig. Sie darf und soll sich neben der professionellen Sozialen Arbeit engagieren. Es ist gut und richtig, zu verhindern, dass Lebensmittel einfach weggeworfen werden. Aber wir leben in einem Sozialstaat: Die Hauptverantwortung für die Daseinsvorsorge liegt bei der Politik.

Was fordert die Diakonie?
Bruckdorfer:
Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vor zwei Jahren, gibt es ein breites politisches Bündnis von Armutsforschern, Sozialverbänden und andere Akteuren, die eine Erhöhung der Regelsätze fordern. Auch die Diakonie ist dabei und sagt, dass die Regelsätze zu niedrig sind und den Bedarf der Menschen nicht decken. Unsere Forderung an die Politik ist deshalb: Die Grundsicherungssysteme müssen so ausgebaut werden, dass sie ein menschenwürdiges Leben garantieren und eine wirtschaftliche, soziale und kulturelle Teilhabe ermöglichen. Man muss der Politik klarmachen, dass es utopisch ist, die Armutsbekämpfung allein in den Händen der Tafeln zu lassen. Das können die Tafeln nicht leisten. Die Tafeln versorgen nur etwa zehn Prozent der von Armut Betroffenen. 90 Prozent nutzt das Angebot der Tafeln nicht und könnte das auch nicht, da die Waren gar nicht ausreichen würden!
Von den Tafeln und insbesondere von dem Bundesverband Tafel wünschen wir uns, dass sie sich nicht durch die Politik instrumentalisieren lassen, sondern ihre Lobbyarbeit verstärken und sich mit anderen Akteuren gemeinsam sozialpolitisch engagieren.


Interview: Diakonie/Stephanie Häfele