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20.04.2010

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„Es war eine große Überwindung, zur Tafel zu gehen“
Lebensmittelausgabe im Westerwaldkreis

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Berlin (DW EKD) - Nur wenigen Menschen, die zu Tafeln kommen, sieht man an, dass sie einen langen sozialen Abstieg hinter sich haben. Sowohl zur kleinen Ausgabestelle in Herschbach, bei der sich 50 Haushalte versorgen, als zur großen in Montabaur mit 180 Nutzern, ist ein gemischtes Publikum gekommen.

In den großzügigen Räumen einer ehemaligen Suchtklinik in Herschbach im Westerwaldkreis sitzen sie in einem geschmackvoll eingerichteten großen Raum. Einige unterhalten sich in kleinen Gruppen. Sie sind sichtlich froh, die Tafelausgabe auch für Kontakte und Gespräche nutzen zu können. Alle haben sich bereits angemeldet, ihren Berechtigungsausweise gezeigt, einen Euro bezahlt und warten nun darauf, dass ihre Nummer aufgerufen wird.

Im zweiten Raum ist das Tafelangebot auf drei langen Tischen aufgestellt. Dahinter stehen Ehrenamtliche, die beraten und bedienen. Von Brot über Tiefkühlware, Gemüse, Obst bis hin zu Schnittblumen reicht die Auswahl. Jeder darf abhängig von der Haushaltsgröße unter den Waren wählen.

Manchmal wechselt jemand die Tischseite. Dies sind Tafelnutzer, die hier selbst ehrenamtlich mithelfen. Auch sie haben sich vorher als Kunde anmelden müssen und haben eine Nummer erhalten, bei deren Aufruf sie ihre Lebensmittel auswählen.

Ein Mann, Ende 30, füllt zwei große Kunststoff-Körbe. Er sei psychisch krank und beziehe eine kleine Rente, erzählt er. Er lebt mit seiner arbeitslosen Lebensgefährtin und zwei Kindern zusammen. Das Geld sei immer „ziemlich knapp“, da sei das Tafelangebot eine gute Unterstützung. Wie alle anderen, mit denen man hier spricht, möchte er nicht, dass sein Name öffentlich genannt wird.

Ein Kunde, kaum älter als 50 Jahre, hat sich für seinen Single-Haushalt Lebensmittel ausgesucht. Er sei bei seiner Arbeit als Kraftfahrer umgefallen. Seitdem beziehe er Rente. „Es war eine große Überwindung,  zur Tafel zu gehen.“ Jetzt sei er froh, dass er den Schritt gegangen sei.

Auch eine junge Frau berichtet von einem „unwohlen Gefühl“, als sie das erste Mal hierhin kam. „Aber ich werde nicht ewig hier bleiben“, sagt sie optimistisch. Sie arbeite in der Gastronomie und beziehe zurzeit Krankengeld. Die Tafel überbrücke nur einen momentanen Engpass.

Hinter den Tischen arbeiten an diesem Mittag nur Frauen. Männer helfen eher abends mit, wenn die Waren bei den Spenderunternehmen abgeholt werden müssen. Die Frauen preisen die Waren, die sie am Vormittag sorgsam sortiert haben, mit ruhiger und freundlicher Stimme an. Die Tätigkeit macht ihnen sichtlich Freude.

Wuseliger und städtischer als im beschaulichen Herschbach geht es am Nachmittag in Montabaur zu. Die Ehrenamtlichen sind in dem großen Raum eines ehemaligen Cafés mit großem Eifer beschäftigt, hier müssen deutlich mehr Kunden bedient werden.

Ein Schüler packt die Waren in zwei Lebensmitteltüten. Er erzählt, dass er mit seiner alleinerziehenden Mutter zusammenlebe. Nach einer Schulter-OP könne diese nicht mehr arbeiten. Jetzt müsse die Tafel dabei helfen, über die Runden zu kommen.

Krankheiten und Unfälle sind bei vielen Tafelkunden die Schicksalsschläge, die ein wichtiger Auslöser für den sozialen Abstieg waren.
Trotz der ländlichen Struktur gibt es im Westerwaldkreis Armut, sagt Petra Strunk von der Diakonie. Firmenschließungen in der Ton- und Keramikindustrie und die sehr niedrigen Renten von Frauen aus bäuerlichen Strukturen hätten ihre Spuren hinterlassen. Für Hartz-IV-Familien sei es erschwerend, dass sie im Westerwaldkreis oftmals auch die Unterhaltskosten für einen PKW aufbringen müssen. Auf ein Auto können sie hier kaum verzichten.

Sie erzählt von einem verheirateten Mann mit drei Kindern, der zwölf Jahre als Zeitsoldat bei der Bundeswehr war. Trotz guter Ausbildung habe er keinen Job im Zivilleben gefunden und sei nach einem Jahr auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen gewesen. Er meldete sich bei der Tafel, um dort Lebensmittel zu bekommen und sich gleichzeitig als Mitarbeiter zu engagieren. Dies war eine Möglichkeit, die ihm den Schritt zur Tafel erst ermöglichte: Denn er wollte etwas dafür tun, dass er die Tafelangebote nutzt. Heute hat er wieder eine Erwerbstätigkeit gefunden und arbeitet weiterhin ehrenamtlich als Koordinator eines Tafelteams.

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