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20.04.2010

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„Die zehn Euro pro Woche, die ich durch die Tafel spare, sind für mich `ne Menge Geld“

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Berlin (DW EKD) - Den typischen Tafelbenutzer gibt es schon lange nicht mehr. Nur wenigen sieht man an, dass sie einen langen sozialen Abstieg hinter sich haben.

Zu den Lebensmittelausgabestellen kommen vermehrt Arbeitslose, allein Erziehende und Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Mit den Hilfeleistungen des Staates kommen sie nicht mehr über die Runden. Die Tafeln helfen, ihre Situation etwas zu lindern. Wie die meisten Tafelnutzer möchte auch unser Interviewpartner nicht, dass sein Name öffentlich genannt wird.

Wie oft kommen Sie zur Tafel?
Ich komme jede Woche, regelmäßig. Hier ist Donnerstag die Ausgabe.

Wie läuft die Sache dann ab, wenn Sie hierher kommen?
Ich muss den Bewilligungsbescheid des Jobcenters vorlegen, also dass ich überhaupt anspruchsberechtigt bin. Man muss einen Euro bezahlen, weil die Kirche auch gewisse Kosten hat, das verstehe ich. Die müssen den Transport organisieren, das kostet Benzin. Und man muss sich schon morgens anstellen, obwohl erst um 12 Uhr ausgegeben wird. Man kann auch seinen Platz markieren, zum Beispiel mit einer Plastiktüte, und geht wieder. So mach ich es und viele andere auch. 

Inwieweit hilft Ihnen das, wenn Sie jeden Donnerstag ein Lebensmittelpaket kriegen?
Es hilft mir, sonst würde ich es nicht machen. Man muss allerdings dazu sagen, dass nicht alle Lebensmittel, die wir bekommen, auch verwendbar sind. Manche sind schon hinüber. Die Händler sortieren das ja schon zwei Tage vorher aus, bevor wir das bekommen. Manches ist dann wirklich nur noch für den Müll geeignet. Ich nehme nicht alles, ich nehme zum Beispiel keinerlei Wurstsachen. 

Was ist dann in so einem Paket immer mit drin?
Also es gibt eine gewisse Grundausstattung, die ich dann nach Hause bringe. Meistens gibt’s Tomaten, aber nur eine für zwei Leute, ich bin zwei Leute. Es gibt meistens Salat, auch Paprikaschoten. Da sind zum Teil die schlechten Stellen schon abgeschnitten. Meistens gibt es noch andere Gemüsesorten, auch Kartoffeln, heute auch Kohlrabi. Die Äpfel sind meist nicht gut, die wir da kriegen. Da halt ich mich dann zurück. Einen Apfel, der irgendwo angefault ist, sollte man nicht essen. Joghurtsachen sind ganz okay, schon deshalb, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum ja nicht das Maximumhaltbarkeitsdatum ist.

Sie kommen seit drei Jahren hierher, das heißt, Ihre Situation hat sich seit drei Jahren nicht geändert?
Ich werde auch noch die nächsten dreißig Jahre hierher kommen müssen.

Warum?
Ich bin ziemlich hochqualifiziert. Ich habe eine sogenannte Patchwork-Arbeitsbiographie, wie das heute heißt. Ich habe sehr viele verschiedene Dinge gemacht. Der Arbeitsmarkt ist so schlecht, daran wird sich auch nichts mehr ändern. Vollbeschäftigung wird’s nicht mehr geben, das war einmal.  Ich werde in Kürze 64. Leute, die über 50 sind, haben auf dem Arbeitsmarkt keine Chance. Also muss ich davon ausgehen, dass ich die nächsten dreißig Jahre hier noch meine Lebensmittelergänzung abholen werden, denn meine Rente wird nicht höher sein als das, was ich gegenwärtig kriege.

Wie fühlen Sie sich damit?
Man muss sich nach der Decke strecken. Also, ich hab da nicht irgendwelche Komplexe oder so. Die Tafeln erleichtern meine Situation etwas, denn ich könnte nicht alles kaufen, was ich hier kriege. Also die Mindestersparnis jede Woche ist zehn Euro. Ich habe früher keinen Joghurt gekauft, konnte ich mir nicht leisten. Zehn Euro pro Woche, das ist für jemanden wie mich ne ganze Menge. Na ja, Armut schändet nicht.

Gab’s da mal Schwierigkeiten mit dem Jobcenter?
Nein, da es sich ja nicht um Geldleistungen handelt. Im Gegenteil, wir müssen ja noch einen Euro bezahlen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man also diese Art der Sachleistungen auch noch anrechnet.

Was würden Sie denn machen, wenn es die Tafel nicht mehr gäbe?
Ich weiß es nicht. Es gibt vieles, was mir auch so schwer fällt. Obwohl ich 64 bin, muss ich als Hartz IV-Bezieher Bewerbungen schreiben – ohne jede Erfolgsaussichten. Dafür braucht man heutzutage einen Computer. Mir ist neulich ein Inlay rausgefallen. Ein neues kostet etwa 400 Euro. Die Krankenkasse zahlt kein Inlay, man kriegt nur Minimalversorgung.

Was würden Sie Ihrem Landtagsabgeordneten beziehungsweise Bundestagsabgeordneten gerne mal sagen?
Ich weiß nicht. Ich geh schon seit zwanzig Jahren nicht mehr wählen. Ich bin gelernter Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. Diese Form der Parteiendemokratie, wo das Volk seine Stimme abgibt und dann für vier Jahre nichts mehr zu sagen hat, stößt mich sehr ab. Real geht’s den Hilfeempfängern heute deutlich schlechter als noch vor fünfzehn Jahren. Alle anderen, auch die Abgeordneten, haben sich natürlich regelmäßig ihre Gehaltserhöhungen, Diätenerhöhungen bewilligt. Hartz IV-Empfänger oder Arbeitslose sind eben die Schwächsten und können sich nicht wehren.

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