Spiritualität in der Pflege: DiakonieCare-Kurse erzählen vom Glauben

- Diakonie erwächst aus dem Glauben. Doch bezieht sie sich auch auf ihn? In der diakonischen Praxis oft zu wenig. Daher gibt es das Diakonie-Projekt "Spiritualität in der Pflege".

Pflegeserviceleiterin im Flur des Johannesstifts
Wunsch der Serviceleiterin: mehr Handwerkszeug im Umgang mit Patienten und Konfliktsituationen Johannisstift Paderborn

Während der Examensprüfung bringt eine Krankenpflegeschülerin die Patientin in den Operationssaal. Die 52-Jährige soll zum fünften Mal operiert werden, weil sich die Operationsnaht erneut infiziert und geöffnet hat. Laut Krankengeschichte hat sie seit Monaten mit diesem Problem zu tun. Sie wirkt gefasst. Auf die Frage der Lehrerin hin, was ihr denn für ihren Krankheitsweg Kraft gebe, strahlt sie wie von Innen heraus und antwortet mit großer Gewissheit: "Das ist mein Glaube". Die Examensschülerin und die Lehrerin schauen sich an. Sie sind in diesem Augenblick von der Ausdruckskraft und der Zuversicht berührt. – Solche Kurzgespräche zu existenziellen Fragen erleben Pflegende in ihrem Berufsalltag immer wieder.

Krankenpflege – keine Ferienarbeit, sondern Kunst

Es sind Momente, die sich besonders einprägen können. Sie erinnern Pflegende in Krankenhäusern, Seniorenheimen, ambulanten Pflegediensten daran, warum sie den Beruf eigentlich ergriffen haben: nämlich Menschen umfassend, an Leib und Seele pflegen zu wollen.

Florence Nightingale (1820-1910) schrieb einmal dazu: "Krankenpflege ist keine Ferienarbeit. Sie ist eine Kunst und fordert, wenn sie Kunst werden soll, eine ebenso große Hingabe, eine ebenso große Vorbereitung wie das Werk eines Malers oder Bildhauers. Denn was bedeutet die Arbeit an toter Leinwand oder kaltem Marmor im Vergleich zu dem lebendigen Körper, dem Tempel Gottes? Krankenpflege ist eine der schönsten Künste, fast hätte ich gesagt – die schönste aller Künste".

Angebot: "Ich bete für Sie"

Meistens hastet die 53-jährige Pflegeserviceleiterin durch die Gänge des evangelischen Krankenhauses in Paderborn. Freitags geht sie schon mal langsamer. Dann liegt eine anstrengende Arbeitswoche hinter ihr. Sie ist zuständig für die gesamte Essensorganisation im Haus. Manchmal nimmt sie täglich die Essenswünsche von 80 Patienten und Patientinnen auf. Drei Minuten pro Patient ist die Vorgabe. "Manchmal weinen sie, sind verzweifelt nach einer OP oder einer schlimmen Diagnose. Weil ich gläubig bin, biete ich oft an, für sie zu beten", erzählt die gelernte Hauswirtschaftlerin. "Das geschieht intuitiv, aber ist das auch richtig? Ich wünschte mir mehr Handwerkszeug im Umgang mit Patienten und im Umgang mit Konfliktsituationen auf den Stationen."

Sie bekommt ihren Wunsch erfüllt und kann an einer anderthalbjährigen Weiterbildung mit dem Titel teilnehmen: "Existentielle Kommunikation und spirituelle Ressourcen in der Pflege – zur Erhöhung der Verbleibdauer und Verbesserung gesundheitsfördernder Arbeitsbedingungen im Pflegeberuf". In mehreren Städten wurden diese Schulungen für Kranken- und Gesundheitspflegende wie für Altenpflegende von Diakonie Deutschland angeboten. Die Konzeptentwicklung startete Anfang 2010, die ersten Qualifizierungen gingen bis Ende 2012 an sieben Projektstandorten, ermöglicht durch das ESF-Programm "rückenwind. Für die Beschäftigten in der Sozialwirtschaft". Künftige Schulungen können deutschlandweit über sechs diakonische Bildungsanbieter besucht oder als inhouse-Kurse gebucht werden.

Gruppenbild von drei Kolleginnen im Johannisstift Paderborn
Austausch im Team ist wichtig - auch im evangelischen Krankenhaus in Paderborn Johannisstift Paderborn

Die persönliche Spiritualität entwickeln

Eine ganze Reihe an diakonischen Einrichtungen hatte sich dafür interessiert, Projektstandort zu werden. Die Pflegenden, die zurzeit an den Schulungen teilnehmen, signalisieren in den Auswertungsbögen, dass ihnen die Schulung viel für ihren Berufsalltag, aber auch für die Gestaltung ihrer eigenen Spiritualität bringt. Sie können für sich neue Kraftquellen erschließen und Haltepunkte für belastende Situationen finden. Ein Phänomen dabei ist, dass viele der Teilnehmenden – vor allem an den Standorten in den neuen Bundesländern – gar keinen kirchlichen Hintergrund haben.

DiakonieCare-Kurse auch für andere Berufsgruppen

Die Trainerteams setzen sich je aus einer Krankenhaus- oder Altenheimseelsorgerin, einer geistlichen Begleiterin und einem Trainer oder eine Trainerin für Kommunikation und Gesprächsführung zusammen. Pro Trainer-Team sind immer mindestens ein Mann und eine Frau mit an Bord. Die Mischung macht es: die Teams empfinden ihre interprofessionelle Zusammensetzung als gute Ergänzung und können durch ganz unterschiedliche Zugänge gemeinsam mit den Pflegenden existenzielle Situationen beleuchten, die die spirituelle Dimension von Krankheit und Gesundheit einbezieht. "DiakonieCare" sollen die Kurse in Existenzieller Kommunikation und Spiritualität für Pflegende künftig heißen. Darüber hinaus ist angedacht, auch DiakonieCare-Kurse für weitere Berufsgruppen zu entwickeln. So plant der Bundesverband evangelische Behindertenhilfe (BeB) weitere Kurse für die Berufsfelder Sozialpsychiatrie und Behindertenhilfe.

Spiritualität – nicht spezifisch christlich

Prägnant gibt Woody Allen die ambivalente Haltung vieler Zeitgenossen wieder: "Natürlich gibt es eine jenseitige Welt. Die Frage ist nur: Wie weit ist sie von der Innenstadt entfernt und wie lange hat sie geöffnet?" Spiritualität ist kein spezifisch christliches Phänomen, sondern wird als eine persönliche sinnstiftende Grundeinstellung verstanden, die neben anderen auch religiös sein kann. Ob die Welt ihrer eigenen Logik überlassen bleibt oder die Horizonte des Universums offen sind, bestimmt das Lebensgefühl, den Lebenssinn und die Lebensgestaltung eines Menschen grundlegend. In christlicher Spiritualität wird die Möglichkeit, den eigenen Ort in dieser größeren, von Gott bestimmten Wirklichkeit zu finden, in den Erzählungen des Glaubens erschlossen. Indem diese etwa in der Bibel gelesen, erinnert, meditiert und neu gedeutet werden, wird persönliche Spiritualität, eigener Glaube lebendig – durch Gottes Geist (Römer 8).

Text: Astrid Giebel/Diakonie Deutschland. Erschienen in der "Evangelische Wochenzeitung Unsere Kirche"