Selbstverständnis Evangelischer Frauenhäuser
Gewalt in der Familie ist die häufigste Form vom Gewalt. Nach Schätzungen werden in Deutschland jedes Jahr mehr als 4 Millionen Frauen von ihren Ehemännern oder Partnern, von Vätern oder Söhnen gedemütigt, seelisch und körperlich misshandelt. Gewalt in der Familie gilt nach wie vor als Tabuthema. Scham und Verschweigen kennzeichnen den Umgang mit familiärer Gewalt, die es in allen gesellschaftlichen Schichten gibt.
Frauenhäuser und die evangelische Kirche
Gewalt gegen Frauen muss als strukturelles Problem in der Gesellschaft begriffen werden, die von Männern dominiert ist. Auch das christliche Ehebild mit dem Mann als dem fürsorglichen Haupt einer Gemeinschaft hat die untergeordnete Stellung der Frau eher unterstützt. Unterordnung wird nach wie vor fast immer nur von den Frauen erwartet.
"Die Kirche hat misshandelte Frauen immer noch viel zu wenig im Blick", stellte die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland 1989 fest. 1997 wiederholte sie ihre Bitte, dass alle Gliedkirchen und Diakonischen Werke in besonderem Maße Einrichtungen stärken mögen, die Frauen und Familien unterstützen. Dabei wurden ausdrücklich die Frauenhäuser in kirchlicher Trägerschaft genannt.
Für wen sind Frauenhäuser da?
Frauenhäuser bieten misshandelten und von Gewalt bedrohten Frauen und ihren Kindern Schutz und Unterkunft zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die Mitarbeiterinnen bieten Beratung und Begleitung an mit dem Ziel, eine gewaltfreie und selbstbestimmte Lebensperspektive zu eröffnen.
Suchtmittelabhängige, psychisch kranke oder obdachlose Frauen brauchen besondere intensivere Betreuung und andere Hilfen, die sie im Frauenhaus nicht bekommen können. Mitarbeiterinnen sind aber bei der Suche nach einer geeigneten Hilfeform behilflich.
Ambulante Beratung durch Frauenhaus-Mitarbeiterinnen erhalten auch misshandelte Frauen, die nicht ins Frauenhaus kommen. Beratung und Begleitung wird auch nach dem Frauenhausaufenthalt in Anspruch genommen. Misshandelte Frauen bleiben oft nur kurz im Frauenhaus. Danach sind häufig noch viele Fragen offen.
Frauen im Frauenhaus
Der Weg ins Frauenhaus bietet den betroffenen Frauen die Möglichkeit, ihr Leben zukünftig selbst in die Hand zu nehmen. Die Mitarbeiterinnen informieren und beraten die Frauenhausbewohnerinnen in rechtlichen, wirtschaftlichen, gesundheitlichen und persönlichen Fragen. Sie unterstützen die Frauen bei der Wohnungssuche, bei Behördengängen, Trennungs- und Scheidungsfragen sowie bei der Unterbringung der Kinder in Kindergärten, Tagesstätten oder Schulen.
Kinder im Frauenhaus
Frauenhäuser sind auch Kinderhäuser. Alle Kinder im Frauenhaus haben Gewalterfahrungen: Sie wurden entweder selbst körperlich, seelisch oder sexuell misshandelt oder sie haben miterlebt, wie die Mutter misshandelt wurde. Im Frauenhaus wir diesen Kindern ein angst- und gewaltfreier Raum angeboten. Sie erhalten die notwendige Hilfe, um die erlebten Gewalterfahrungen zu verarbeiten.
Ein wichtiges Ziel der pädagogischen Arbeit ist die Stärkung und Stabilisierung der kindlichen Persönlichkeit. Im Sinne der Gewaltprävention ist es wichtig, das bisher gelernte Rollenverständnis und das Verhalten in Konfliktsituationen von Mädchen und Jungen zu verändern. Darüber hinaus brauchen Kinder alltägliche Hilfen wie Unterstützung bei den Hausaufgaben, erzieherische Hilfen und Freizeitangebote.
Freiwilliges soziales Engagement
Die Entstehung evangelischer Frauenhäuser ist zum großen Teil dem Interesse und Einsatz von Frauen in Kirche und Diakonie zu verdanken. Auch heute wird die professionelle Arbeit der Mitarbeiterinnen vielfach durch freiwilliges soziales Engagement von Frauen in den verschiedenen Arbeitsbereichen ergänzt und bereichert.
Was die Arbeit schwer macht
Die Finanzierung der Frauenhäuser ist vielfach ungesichert und häufig unzureichend. Der Kampf ums Geld ist für die Mitarbeiterinnen aufreibend und kostet viel Zeit und Energie. Problematisch ist insbesondere, dass die Arbeit von den Kostenträgern vorrangig an den "Belegungszahlen" gemessen wird und wichtige Bestandteile der Frauenhausarbeit wie ambulante Beratung, nachgehende Begleitung, Arbeit mit Kindern und präventive Arbeit nicht ausreichend finanziert wderden.
Was wir noch erreichen wollen
Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist eine entscheidende Voraussetzung um Gewalt zu verhindern. Kirche und Diakonie muss sich noch intensiver als bisher mit der Gewaltproblematik auseinandersetzen. Kirchliche Entscheidungsträger sollen als Bündnispartner gewonnen werden, um den Schutz der von Gewalt betroffenen Frauen zu verbessern.
Es muss ausreichend Frauenhäuser geben. Keine Frau, die Schutz und Unterstützung sucht, darf abgewiesen. Darüber hinaus sind Mädchenhäuser und Beratungsstellen für sexuell misshandelte Kinder dringend erforderlich. Die gesamte Frauenhausarbeit ist ausreichend, rechtssicher und unabhängig von den Belegungszahlen zu finanzieren.
Das Diakonische Werk der EKD ist Mitglied bei der Frauenhauskoordinierung e.V.

