29.11.2000
Zuwanderung ist ein "Familienunternehmen"
Tagung des Diakonisches Werks zum 6. Familienbericht der Bundesregierung "Familien ausländischer Herkunft"
Stuttgart - Das Diakonische Werk der EKD hat am 28. und 29. November in Berlin als erster Wohlfahrtsverband eine Fachtagung zum 6. Familienbericht der Bundesregierung veranstaltet.
Der Bericht "Familien ausländischer Herkunft" würdigt die Leistungen, die Familien ausländischer Herkunft erbringen. Vor allem enorme Anpassungs- und Integrationsleistungen in diese Gesellschaft sowie der Beitrag zu den Systemen der sozialen Sicherung werden hervorgehoben. Der Familienbericht zeige, so der Präsident des Diakonischen Werkes der EKD, Jürgen Gohde, dass es keine "alle Lebensbereiche gleichermaßen durchziehende kulturelle Einheitlichkeit" (mehr) gibt.
Migration ist zu einem Dauerphänomen und oft zu einem mehrere Generationen übergreifendes "Familienunternehmen" geworden - sie ist ohne Rückhalt und Unterstützung durch Familie und Verwandtschaft nicht denkbar. "Dies muss in der Sozial- und Familienpolitik zukünftig stärker berücksichtigt werden", schließt sich Jürgen Gohde den Kommissionsempfehlungen an.
Familien ausländischer Herkunft leiden besonders unter der gesellschaftlichen Rücksichtslosigkeit gegenüber Familien, werden zusätzlich durch die Auswirkungen einer langjährig restriktiven Ausländerpolitik und durch fremdenfeindliche Einstellungen und rassistische Übergriffe belastet. Die Diakonie stimmt der Analyse der Sachverständigenkommission im Grundsatz zu, so Jürgen Gohde weiter. Der Bericht formuliere sinnvolle Empfehlungen für die Familien-, Gesellschafts- und Migrationspolitik.
Einige der Empfehlungen habe das Diakonische Werk bereits 1997 in seiner Rahmenkonzeption "Miteinander leben" für die Arbeit mit Migrantinnen und Migranten formuliert. Wichtig sei Rechtssicherheit beim Aufenthaltsstatus sowie gleiche Unterstützung wie für deutsche Familien etwa in der materiellen Absicherung, im Zugang zu Bildungsangeboten und bei der Entlastung von Frauen im Beruf. Die Diakonie will die Familien als bedeutsame Kraftquelle im Integrationsprozess unterstützen, Selbsthilfe fördern und das Angebot an niedrigschwelligen Hilfen für zugewanderte Familien bedarfsgerecht weiterentwickeln.
Migration ist eine Familienaufgabe. Das hat Folgen für den aktuellen Richtlinienentwurf der EU zur Familienzusammenführung von Drittstaatenangehörigen. Die Diakonie begrüßt, dass er unter bestimmten Voraussetzungen eine vorsichtige, über die Kernfamilie hinausgehende Erweiterung des Familienbegriffs vornimmt. Künftiger Familiennachzug dürfe z.B. nicht unnötig durch Wartezeiten erschwert, die Hürden für den Nachzug versorgungsbedürftiger Familienangehöriger dürfen nicht zu hoch gesetzt und der Nachzug lediger Kinder bis zur Volljährigkeit müsse ermöglicht werden.
Auch im Umgang mit Flüchtlingen müssen familienpolitische und soziale Aspekte stärker zum Tragen kommen und bei der Unterbringung in Aufnahmelagern und Sammelunterkünften familiäre Belange mehr berücksichtigt werden.

