11.10.2007
Zusammenfassung Diskussions-Forum "Bedürftige Pflege" am 10. Oktober in Berlin
Berlin (DW EKD) Anlässlich eines vom Diakonischen Werk der EKD und der Evangelischen Akademie zu Berlin gemeinsam veranstalteten Forums unter dem Motto: "Bedürftige Pflege -Perspektiven für eine menschenwürdige Pflege im Alter" ...
... diskutierten die Bundesministerin für Gesundheit, Ulla Schmidt, der EKD- Ratsorsitzende, Bischof Dr. Wolfgang Huber, Klaus-Dieter Kottnik, Präsident des Diakonischen Werks der EKD sowie Alexander Gunkel, Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände den notwendigen Reformbedarf im Bereich Pflege.
Die Finanzierung müsse in der nächsten Legislaturperiode noch mal auf die Tagesordnung, sagte Ulla Schmidt. Ihr Wunsch wäre es gewesen, zu "einer echten solidarischen Finanzierung zu kommen" sowie dazu, "dass jeder mit dem gleichen Anspruch auf Leistung versichert" ist. Diakoniepräsident Klaus-Dieter Kottnik machte klar, er "glaube nicht, dass die in Aussicht gestellte Erhöhung ausreichend" sein werde. "Schon jetzt reicht die Finanzierung nicht, eine Mehrleistung ist nicht finanzierbar, wir haben großen Nachholbedarf und die Dynamisierung müsste bereits heute beginnen". Dieser Forderung brachte Ulla Schmidt Verständnis entgegen, bat jedoch zugleich darum, "auf das zu schauen, was derzeit machbar ist".
Bischof Huber hatte in seinem einleitenden Vortrag den Gedanken "Pflege ist ein Beziehungsgeschehen" in den Mittelpunkt gestellt und diesen aus verschiedensten Perspektiven beleuchtet. "Pflege ist deshalb mehr als Summe der notwendigsten Verrichtungen, Pflege ist ein Beziehungsgeschehen, ist Beziehungsarbeit. Mit "Arbeit" meine ich hier: Pflege ist eine oft schwere und komplexe Aufgabe, an der jeweils ganz unterschiedliche Personengruppen beteiligt sind", sagte er. Er mahnte, dass die Anforderungen an die Pflege nicht nur quantitativ wachsen, sondern sich vor allem auch dadurch qualitativ verändern würden, dass eine zunehmend größer werdende Zahl von Menschen durch veränderte gesellschaftliche Strukturen und Lebensformen "einsam alt werden" wird. "Es geht nicht nur um den Tatbestand, dass die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland von heute 1,9 Millionen bis 2030 schätzungsweise auf 3,1 Millionen wachsen wird. Auch die Beziehungsbedürftigkeit zu pflegender Menschen wird wachsen." Pflege treffe hier auf Beziehungserwartungen, die früher stärker von Familien wahrgenommen wurden.
Auch Klaus-Dieter Kottnik verwies in seinen einleitenden Worten darauf, dass pflegebedürftige Menschen vor allem "Zeit, Sozialkontakte, ein lokales Netzwerk und eine hohe Fachlichkeit der professionellen Kräfte" brauchten. Die von ihm formulierte Forderung, "pflegende Angehörige brauchen selbst Zuwendung und Entlastung und Pflegekräfte brauchen ein angemessenes Einkommen und zuverlässige Rahmenbedingungen, die ihnen eine wirksame und langfristig leistbare Berufstätigkeit ermöglichen" wurde im Laufe der Diskussion wiederholt von allen Teilnehmern bestätigt und verstärkt. "Die hohe intrinsische Motivation der Pflegenden muss sich in einer entsprechenden Bezahlung niederschlagen", forderte er. Die Arbeitsverdichtung sei häufig so hoch, dass Pflegende häufig nicht mehr wüssten, warum sie ursprünglich in diesen Beruf gegangen seien.
Pflegekräfte erhalten häufig ein monatliches Nettoeinkommen im Bereich von 1.200 bis 1.300 Euro. Bischof Huber warf provozierend die Frage auf, warum eigentlich es nicht -"je näher wir an die polnische Grenze kommen" - der Bereich Pflege gewesen sei, an dem die Themen Mindesteinkommen und Mindestlohn diskutiert worden sind. Ulla Schmidt forderte "mehr Wertschätzung und zugleich Löhne im Pflegebereich, die diese widerspiegeln."
Im Zusammenhang mit der Frage möglicher sechsmonatiger unbezahlter Pflegezeit machte Alexander Gunkel geltend, dieser weltweit am weitestgehende Vorschlag" bedeute erhebliche Belastungen für Betriebe, hier müssten die Interessen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern in "einen gerechten Ausgleich gebracht werden". Ulla Schmidt unterstrich hingegen, dass "Arbeitnehmer den notwendigen sozialen Schutz haben sollten, wenn sie sich zur Pflege Angehöriger entscheiden", was "eigentlich unterstützt werden soll". Arbeitnehmer gingen aller Erfahrung nach verantwortlich mit ihren Arbeitsplätzen um.
Auf die Frage, was für ein Rezept denn Kirche dagegen hätte, dass es nach wie vor - wie auch in der Kinderbetreuung - die Töchter und Schwiegertöchter seien, die die Pflegeaufgaben übernehmen und dafür Berufsverzicht, Karriereeinschränkungen und hohe Belastungen auf sich nehmen, gemahnte Bischof Huber an die "bewusstseinsbildenden Aufgaben" der Kirche, die sie hier auch wahrzunehmen gedenke. Es sei auf einen derartigen "Mentalitätswandel" hinzuwirken, dass "auch Söhne bereit sind, in die Pflege einzusteigen", hier reiche der Einsatz der Männer noch nicht aus. Ulla Schmidt hat ebenfalls eine Zielperspektive für ein noch zu entwickelndes Bewusstsein im Zusammenhang mit "Pflege": "Wir sind mit der öffentlichen Debatte noch nicht, wo wir hinwollen", machte sie deutlich. "Pflege" müsse noch viel stärker als wichtiges Thema in die gesellschaftliche Debatte einfließen, der offene Umgang mit allen Fragen hierzu müsse einen deutlich höheren Grad an Selbstverständlichkeit erreichen. "Das Thema Pflege sollte eine ähnliche Dimension erhalten, wie die Debatte um Kindererziehungszeiten sie schon hat. Es muss offen geredet werden. Raus aus der Tabuisierung!, ein Bewusstseinswandel ist fällig. Bisher haben wir kaum die Diskussion etwa um behinderte Menschen, die ins Rentenalter kommen oder um dementiell Erkrankte." Zumindest trage der neue Gesetzentwurf auch dazu bei, diese Themen stärker in die Mitte der Gesellschaft zu bringen.
Auch das zivilgesellschaftliche Engagement in diesem Sektor sei zu stärken, so Schmidt. Dieser Forderung schloss sich Alexander Gunkel an. Er begrüßte das verabschiedete Gesetz zur Förderung ehrenamtlichen Engagements und fordert, dass auch Ausgaben für Pflegeleistungen steuerlich absetzbar sein müssen. Zur Frage der in jüngerer Zeit immer wieder in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückten "Qualität in der Pflege" betonte Klaus-Dieter Kottnik: "Wir begrüßen außerordentlich die Qualitätsdiskussion" und verwies auf das Diakonie-interne Qualitätsmanagement durch das Diakonie-Siegel Pflege. Auch Heimaufsicht und MDK- Berichte könnten zur Qualitätssicherung beitragen. Allerdings bedauerte er, dass diese Berichte nicht geeignet seien, Menschen ein gutes Bild darüber zu vermitteln, was sie in einer bestimmten Pflegeeinrichtung erwarte, eine Einschätzung, der Ministerin Schmidt zustimmte. Einigkeit herrschte an dieser Stelle darüber, dass vermehrt gemeinsame Standards und Transparenz zu schaffen seien.
Als "Skandal" bezeichnete es abschließend Wolfgang Huber, dass "wir uns einerseits privat freuen, dass wir dank des medizinischen Fortschritts älter werden und zugleich gesellschaftlich-öffentlich über die Zunahme an alten Menschen und die notwendige Pflege jammern."
Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e.V.
Barbara-Maria Vahl, Pressesprecherin

