10.12.2008
„Selbsthilfe darf nicht einzige Antwort sein - Integration statt Ausgrenzung durch Armut“
Nationale Armutskonferenz heute in Berlin - Sprecher Dr. Gern: Solidarität schaffen!
Berlin (DW EKD / NAK) - „Ich bin über 40 Jahre alt, habe auch einmal studiert, und es gibt noch so viele Dinge, die ich umsetzen möchte. Doch ich frage mich, warum ich es nicht schaffe.“
Die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, die das sagt, ist eine Teilnehmerin des 3. nationalen Treffens von Menschen mit Armutserfahrungen, zu dem die Nationale Armutskonferenz (NAK) heute in die Berliner Stadtmission eingeladen hat. Wie die meisten anderen Teilnehmer legt auch sie Wert darauf: „Ich bin erwerbslos, aber ich bin nicht arbeitslos.“
Sie spricht damit an, was allen gemein ist: Die meisten der von Armut betroffenen Menschen, die gekommen sind, engagieren sich in verschiedenen Bereichen: Quartiersarbeit, Lebensmittelausgaben und auch Schulelternarbeit wären ohne ihr Zutun in vielen Fällen kaum denkbar. Regelmäßig sind dabei ihre Gänge in die Jobcenter, regelmäßig bewerben sie sich um bezahlte Arbeitsstellen. Bei vielen jedoch ist inzwischen die Hoffnung auf eine erfolgreiche Jobsuche und Stellenvermittlung längst der Resignation und dem Gefühl gewichen, nicht gebraucht und in der Gesellschaft nicht wertgeschätzt zu werden.
60 Teilnehmer aus ganz Deutschland nehmen heute an der Tagung teil. 41 von ihnen sind von Armut betroffen und gehören zu den inzwischen über acht Millionen Menschen bundesweit, die von Leistungen auf Sozialhilfeniveau leben müssen - und wissen häufig trotz sparsamen Lebensstils bereits zur Monatshälfte nicht, wovon sie sich und ihre Familien bis zum Ende eines Monats ernähren und über Wasser halten sollen.
Sprecher der Nationalen Armutskonferenz ist Pfarrer Dr. Wolfgang Gern. Er fasst als erste Zwischenbilanz der bis zum Abend angesetzten Tagung zusammen: „Wir hören hier viel von den Erfahrungen der mangelnden Wertschätzung und gesellschaftlichen Ausgrenzung. Wir nehmen auch wahr, dass viele betroffene Menschen sich nicht abfinden mit ihrer Armut und Erwerbslosigkeit, sondern zum Beispiel als so genannte Geringverdienende und als Ehrenamtliche aufbrechen zu neuen Tätigkeiten, die sinnstiftend sind und soziale Anerkennung schaffen. Doch derartige Selbsthilfe dürfe nicht die einzige Antwort auf eine sozialpolitische Krise sein,“ so Gern, der auch Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks in Hessen und Nassau ist. Kompetenz und Menschlichkeit in den Arbeitsagenturen und Behörden seien gefragt.
„Es muss die Frage erlaubt sein: Wie viel ist uns der gesellschaftliche Zusammenhalt wert? Denn wir brauchen Integration statt Ausgrenzung - ein gesellschaftlicher Wert, der seinen Preis hat und politisch gewollt und unterstützt werden muss. Wir wollen das Europäische Jahr 2010 zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung nutzen, um die Öffentlichkeit zu mobilisieren und Solidarität zu schaffen“, so NAK-Sprecher Gern.
Ziel der heute in Berlin stattfindenden Tagung ist es, die Armutslagen in Deutschland besser aus Sicht von Menschen in Armut zu analysieren. Weiter sollen Forderungen erarbeitet und das nächste europäische Treffen armer Menschen im Mai 2009 in Brüssel vorbereitet werden. Und schließlich sollen Erwartungen aus der Sicht von armen Menschen an das Europäische Jahr 2010 zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung formuliert werden.
Weitere Informationen:
Pressestelle des Diakonischen Werkes der EKD, Telefon: (030) 83001-130
Roland Klose, Nationale Armutskonferenz, Telefon: (030) 83001-369

