Nachgefragt: Sterbehilfe "Die Prävention muss dringend gestärkt werden"

- Im Bundestag ist eine Debatte über die Neuregelung der Sterbehilfe entbrannt. Welche Position die Diakonie vertritt und wie man Betroffene auffangen kann, haben wir die Theologin Astrid Giebel gefragt.
 

Astrid Giebel
Diakonie Gesundheitsexpertin Astrid Giebel Anieke Becker/ Diakonie

In welchen Lebenslagen haben Menschen häufig einen Suizidwunsch?
Astrid Giebel: Zwar hat sich die Zahl der Suizide in Deutschland seit 1980 fast halbiert. Doch allein im Jahr 2012 – so das statistische Bundesamt – starben mit 9.890 Menschen fast die Einwohner einer ganzen deutschen Kleinstadt durch eigene Hand. Besonders häufig sind es Männer. Und es sind vor allem Menschen im mittleren und höheren Lebensalter betroffen. Suizid geschieht in den allermeisten Fällen nicht aus heiterem Himmel. Gründe können in der Angst vor einem möglichen Kontrollverlust im Alter liegen, vor Pflegebedürftigkeit oder vor Leid und unerträglichen Schmerzen. Ursachen können auch in der Angst vor sozialem Bedeutungsverlust liegen – man scheint niemand mehr wichtig zu sein: Im fortgeschrittenen Alter sterben nach und nach nahe Angehörige, man wird einsamer. Oder die eigenen Kinder ziehen weg. Soziale Isolation kann auch zu (Alters-)Depressionen führen. Wenn diese unbehandelt bleiben, kann sich dies in dem Wunsch, nicht mehr leben zu wollen, ausdrücken. Deswegen muss die Suizidprävention dringend gestärkt werden. Vielen Menschen mit Suizidgedanken könnte geholfen werden, wenn es gelingt, in der Bevölkerung die Sensibilisierung für das Thema Suizid zu stärken. Wer Hilfe sucht und annimmt, hat gute Chancen zu überleben und neue Lebensqualität zu gewinnen.

Welche Maßnahmen müssten im  Präventionsbereich getroffen werden?
Giebel: Ärzte und Pflegekräfte sollten besser darin befähigt werden, Suizidwünsche zu erkennen und seelischen Beistand zu leisten. Hier sollte es entsprechende Schulungsprogramme geben. Dazu gehört auch die Enttabuisierung des Themas. Ein offener Umgang mit dem Thema der Lebensmüdigkeit ist enorm wichtig. Auch Hausärzte sollten hier dafür einen Blick entwickeln und  Betroffenen raten, sich an entsprechende Fachärzte zu wenden. Von diakonischer Seite gibt es als Anlaufstellen auch Evangelische Beratungsstellen, Fachkliniken mit hoher Expertise, oder auch die ökumenische Telefonseelsorge, in der man sich freiwillig engagieren kann. Zu verbessern ist auch die hospizliche und palliative Versorgung in der stationären Altenpflege und die hospizlich-palliative Versorgung im ländlichen Raum. Auch die hospizlich-palliative Versorgung von Kindern, Jugendlichen und junge Erwachsene muss sehr viel stärker als bisher ausgebaut werden. Hier kann man sich übrigens auch überall freiwillig in Besuchsdiensten engagieren.

Einige Bundestagsabgeordnete fordern, dass der ärztlich assistierte Suizid gesetzlich erlaubt wird. Welche Position vertritt die Diakonie?
Giebel: Die Diakonie Deutschland unterstützt das in der Berufsordnung der Bundesärztekammer zum Ausdruck gebrachte Verbot einer ärztlichen Mitwirkung am Suizid. Darüber hinaus brauchen wir keine weitere gesetzliche Verankerung. Der Wunsch nach einem assistierten Suizid korrespondiert oft mit der Sorge vor zuwenig Schmerzmitteln oder vor überbordender Intensivmedizin am Lebensende. Hier können Betroffene mit einer Patientenverfügung ihre Wünsche für ihr Lebensende klarstellen. Die Erlaubnis für ärztlich assistierten Suizide würde ein falsches Zeichen setzen. Es ginge mit einer grundlegenden Neubeschreibung des ärztlichen Berufsbildes einher. Doch seit Jahrtausenden steht der Arzt als Garant für das Leben ein. Er hilft beim Sterben, aber nicht zum Sterben. Das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt würde sehr verändert und meines Erachtens stark beeinträchtigt werden.

Interview: Anieke Becker/ Diakonie