Nachgefragt: "Situation in Flüchtlingsunterkünften für Frauen äußerst belastend"

- Überfüllte Unterkünfte ohne Rückzugsraum, sexualisierte Gewalt, kaum Informationen. Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland, fordert mehr Schutz für nach Deutschland geflüchtete Frauen.

Maria Loheide,
Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik Diakonie Deutschland Diakonie / junophoto

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty hat kürzlich beklagt, dass Frauen auf der Flucht immer wieder körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Wie gefährlich ist die Flucht für Frauen? 
Loheide
: Für Frauen ist die Flucht wesentlich beschwerlicher und gefährlicher als für Männer. Egal ob sie zu Fuß, auf Schlepperbooten oder in Zügen unterwegs sind. Sie sind auf der Flucht vielen Strapazen, Bedrohungen und sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Statistisch ist nicht erfasst, wie viele flüchtende Frauen von Übergriffen betroffen sind. Frauen fliehen oft in einem Pulk von Männern. Gewalt und sexuelle Übergriffe geschehen meist ohne dass die Frauen diese melden. Zu groß ist ihre Angst. Sie befürchten, dass sie die Flucht abbrechen und zurück in ihr Herkunftsland müssen. Außerdem ist es schwer über sexuelle Gewalt und Übergriffe zu berichten, es fehlen Informationen und Vertrauenspersonen. Seitdem über die Einschränkung des Familiennachzugs nachgedacht wird, ist die Zahl der flüchtenden Frauen gestiegen. Momentan sind ein Drittel der 1,1 Millionen Flüchtlinge Frauen. Viele Frauen sind mit ihren Kindern unterwegs. Die Sorge um das Wohl ihrer Kinder macht sie noch verletzlicher. 

Frauen in Flüchtlingslagern erzählen, sie müssten dort die selben Toiletten und Duschen wie die Männer benutzen. Auch von sexuellen Übergriffen ist die Rede. Wie schätzen Sie die momentane Situation von geflüchteten Frauen in den Wohnheimen ein?
Loheide
: Vor allem in den großen Flüchtlingsunterkünften in den hunderte und manchmal über Tausend untergebracht sind, ist die Situation äußerst belastend. Hier laufen viele Menschen Gefahr, sexualisierte und auch häusliche Gewalt durch Partner, Bewohner oder Personal zu erleben. Die Menschen leben manchmal monatelang auf sehr engem Raum zusammen, es mangelt an Privatsphäre. In einigen Einrichtungen gibt es nicht einmal getrennte sanitäre Einrichtungen für Männer und Frauen, noch gesonderte Schutzräume in denen sich Frauen zurückziehen können. So sind sie Belästigungen schutzlos ausgesetzt. Hinzu kommt auch hier, dass sich viele Frauen nicht trauen im Fall eines Übergriffes Hilfe zu suchen. Sie befürchten, dass es sich nachteilig auf ihren Asylantrag auswirkt.  

Wie könnte die Situation der Frauen verbessert werden? Gibt es spezielle Schutzstandards in den Unterbringungen der Diakonie? 
Loheide
: Wir plädieren weiterhin für verbindliche Standards für Flüchtlingseinrichtungen. Getrennte, abschließbare sanitäre Einrichtungen und Rückzugsräume für Frauen und Kinder sollten eine Bedingung für die Auswahl eines Trägers sein. Der Schutz der Frauen sollte ein fester Bestandteil der Einrichtungskonzeption sein. Dazu gehört auch, dass es eine weibliche Ansprechperson und Schutzkonzepte gibt. Flüchtende Frauen müssen durch Sprachmittlerinnen Informationen auch über ihre Rechte erhalten. Sie müssen darüber aufgeklärt werden, dass sie Übergriffe melden dürfen und sich dies nicht nachteilig für sie auswirkt. Wichtig sind zudem niederschwellige Angebote z.B. Mutter-Kind-Gruppen um Kontakt zu den Frauen zu bekommen und eine Atmosphäre zu schaffen, in der Frauen über ihre Erlebnisse berichten können. 

In der Diakonie gibt es spezielle Schutzstandards für Frauen. Wir haben für unsere Einrichtungen ein Bundesrahmenhandbuch mit Standards zu Unterbringung von Flüchtlingen. Wir sind darüber im engen Austausch mit unseren Trägern. Leider sind Schutzstandards für Frauen nicht flächendeckend umgesetzt. Gerade bei den privaten Betreibern  von Unterkünften ist die Umsetzung von Schutzstandards schwierig. Wir setzen uns auf Bundesebene für verbindliche Richtlinien zum Schutz von Frauen in den Flüchtlingsunterkünften ein.

Interview: Daniela Singhal/ diakonie.de