Nachgefragt: “Die Gruppe von schwangeren Frauen mit Anonymitätswunsch ist sehr heterogen“

- Das Gesetz zur vertraulichen Geburt tritt am 1. Mai 2014 in Kraft. Was die vertrauliche Geburt ist, erklärt Angelika Wolff, Referentin für Familienberatung und Frühe Hilfen der Diakonie, im Interview.

Angelika Wolff
Angelika Wolff Diakonie/Ulrike Pape

Was ist die vertrauliche Geburt und inwiefern unterscheidet sie sich von den bisherigen Angeboten für Frauen mit Anonymitätswunsch?
Angelika Wolff:
Die vertrauliche Geburt ist ein neues Verfahren für schwangere Frauen, die ihre Schwangerschaft geheim halten möchten: Es stellt ein legales und sicheres Angebot dar und soll Babyklappen und anonyme Geburten in Zukunft überflüssig machen. Vertraulich bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die schwangere Frau gemeinsam mit der Schwangerschaftsberatungsstelle den Konflikt besprechen kann und ein Weg gefunden wird, das Kind unter medizinischer Begleitung sicher zu gebären und dabei ihre Anonymität zu wahren. In dem Prozess der vertraulichen Geburt muss die Mutter nur ein einziges Mal ihre Daten angeben – bei allen weiteren Schritten nennt sie lediglich ein Pseudonym. Diese Angaben der Mutter werden streng vertraulich behandelt, für das Kind jedoch sicher aufbewahrt. So erhält es zu einem angemessen Zeitpunkt Antworten auf Fragen wie: “Wer ist meine leibliche Mutter?“, “Mit wem bin ich verwandt?“ oder “Was zeichnet meine Herkunft aus?“.
Die vertrauliche Geburt unterscheidet sich maßgeblich von den bisherigen Angeboten, die nicht wirklich legal sind. Bei der vertraulichen Geburt ist die Mutter rechtlich abgesichert und muss keinerlei Gefährdung des Kindes eingehen. 

Welche Gründe gibt es für Frauen, ihre Schwangerschaft geheim zu halten?
Wolff:
Nach einigen erschreckenden Kindesaussetzungen und -tötungen wurden 1999/2000 die ersten Angebote – beispielsweise in Form der Babyklappe –  für schwangere Frauen in Notlagen geschaffen. Damals herrschte die Annahme, es gäbe eine fest eingegrenzte Zielgruppe: Minderjährig, ohne Arbeit, ohne festen Wohnsitz, drogenabhängig, ein gewalttätiger Partner oder sogar Zuhälter. Es wurde also vermutet, dass die Frauen prinzipiell aus einem schwierigen sozialen Umfeld stammen. Heute, über ein Jahrzehnt nach Einführung der Babyklappe, wurden erste Erhebungen durchgeführt. Die Ergebnisse sind zwar sehr vage, da Babyklappen in einer legalen Grauzone liegen und Nutzerinnen Angaben daher oft scheuen. Doch es zeigt sich deutlich, dass die Gruppe der Betroffenen überraschend heterogen ist. Nur ein sehr begrenzter Teil der Frauen, die ihr Kind in eine Babyklappe legten oder es anonym geboren haben, gehörten der mutmaßlichen Zielgruppe an. Bei vielen Frauen spielten Faktoren in die Entscheidung mit hinein, die gar nicht auf der Hand liegen: “Ich habe bereits  Kinder, ein weiteres würde mich völlig überfordern – doch dann nimmt man mir die anderen bestimmt auch weg“ oder “Mein Partner möchte kein Kind mehr. Wenn er erfährt, dass ich nochmal schwanger bin, verlässt er mich.“ Generell handeln die Frauen oft aufgrund von sozialem Druck, den sie vom Partner, den eigenen Eltern oder der Gesellschaft ausgehend verspüren.

Wie bewertet die Diakonie das neue Angebot der vertraulichen Geburt?
Wolff:
Die Diakonie begrüßt das neue Angebot der vertraulichen Geburt außerordentlich: Die vertrauliche Geburt sichert Mutter und Kind in erster Linie medizinische Versorgung und eine sichere Geburt. Die Neugeborenen werden von Anfang an betreut, kommen in gute Hände und werden umfangreich versorgt. Darüber hinaus schließt die vertrauliche Geburt einen guten Kompromiss zwischen den Rechten der Mutter und denen des Kindes: Die Identität der Mutter wird bis zum 16. Geburtstag des Kindes unter Verschluss gehalten, sie weiß ihr Kind bei einer Pflege- oder Adoptionsfamilie gut aufgehoben und durch Vormund und Jugendamt gut betreut. Zudem kann sie Fotos und Informationen für ihr Kind hinterlegen– für einige Frauen ist es sehr tröstlich zu wissen, dass das eigene Kind Andenken an  seine leibliche Mutter erhält und sich ihr somit ein bisschen mehr verbunden fühlt. Für das Kind wiederum bedeutet die vertrauliche Geburt, dass es in jedem Falle seine Herkunft erfahren kann. Zudem – was uns im Alltag oft so gar nicht klar ist – erhalten Neugeborene durch die vertrauliche Geburt viel schneller einen eigenen Rechtstatus als bei der Regelung der Babyklappe. Rein körperlich und emotional hat es natürlich eine Existenz. Über eine gesicherte Identität, den sogenannten Personenstand, und eine Staatsbürgerschaft verfügt es erst, wenn es beim Standesamt angemeldet ist.
Doch nicht nur die Rechte von Mutter und Kind werden gewahrt: Auch Ärzte, Klinikpersonal und Behörden bekommen endlich Handlungssicherheit beim Umgang mit Frauen in Notlagen. Schließlich sollte Helfen immer legal sein.

Interview: Diakonie/Melanie Zurwonne