Nachgefragt: Blinde Flecken in der Sterbehilfedebatte

- In Politik und Öffentlichkeit wird derzeit kontrovers über Sterbehilfe diskutiert. Diakonie-Präsident Ulrich Lilie ist Mitherausgeber eines Buches, das die „blinden Flecken“ in der Sterbehilfedebatte thematisiert.

Zwei Bänke im Garten des Diakonie-Hospiz Wannsee
Garten im Diakonie-Hospiz Wannsee Diakonie-Hospiz Wannsee

Was sind denn die blinden Flecken in der Sterbehilfedebatte?
Ulrich Lilie:
Im Mittelpunkt der aktuellen Debatte um die Sterbehilfe steht meist ein autonomer, erwachsener Mensch, der über alle Belange seines Lebens und selbstverständlich auch sein Lebensende selbst bestimmen kann. Ist ein solches Bild vom Menschen schon eine fragwürdige Fiktion, stellen sich erst recht einige weitere Fragen: Was ist mit den Menschen, deren Autonomie tatsächlich eingeschränkt ist? Beispielsweise aufgrund einer körperlichen Erkrankung, aufgrund einer Behinderung oder Demenz. Was ist mit Kindern, die unheilbar erkrankt sind? Oder mit einem psychisch kranken Menschen, der um Sterbehilfe bittet? Ihre Lebenssituationen sind von gesunden Menschen oft nur sehr schwer nachzuvollziehen und einzuschätzen. Daher werden ihre besonderen Anliegen und Bedürfnisse in der aktuellen Sterbehilfedebatte viel zu wenig berücksichtigt. Aber gerade diese Menschen dürfen wir nicht vergessen.

Tod und Sterben berühren die Intimsphäre der Menschen. Noch nie wurde in Deutschland so öffentlich darüber diskutiert. Die Publikation soll einen Beitrag zur aktuellen Debatte leisten. Warum ist diese öffentliche Diskussion wichtig?
Lilie: Die Debatte um den assistierten Suizid berührt Grundfragen des Verständnisses vom Leben und Sterben des Menschen. Sterben und Tod dürfen keine Tabuthemen in der Gesellschaft sein – sie gehören selbstverständlich zum Leben dazu. Ich sehe in der aktuellen Debatte die Chance, selbst den Blick auf das eigene Lebensende zu richten und zu fragen: Wie möchten wir eigentlich sterben? Eng verknüpft ist damit die Frage: Wie möchten wir alt werden? Daraus wird sich, so hoffe ich, eine Kultur des würdevollen Sterbens und des würdevollen Alterns entwickeln.

Präsident Ulrich Lilie
Präsident Ulrich Lilie Diakonie/Hermann Bredehorst

Die Diakonie fordert ein Verbot der organisierten Sterbehilfe. Sie betont, Beihilfe zur Selbsttötung dürfe keine Option unter anderen sein. Wie kann das gelingen?
Lilie:
Organisierte Sterbehilfe zu verbieten, ist aus vielen Gründen wichtig und richtig. Mindestens ebenso wichtig ist aber, die Ursachen dafür, warum Menschen Beihilfe zur Selbsttötung wünschen, zu beheben. Eine Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD zeigt, dass die Menschen vor allem vor einer langen, qualvollen und schmerzhaften Sterbephase Angst haben. Wir müssen darum zuerst dafür Sorge tragen, dass jeder Mensch sicher sein kann, im Sterben gut versorgt zu werden. Darum plädiert die Diakonie dafür, die palliative Versorgung der großen Anzahl  sehr alter und sterbender Menschen umfangreich zu verbessern – und zwar nicht nur in spezialisierten Einrichtungen wie Hospizen und Palliativstationen, sondern vor allem auch in den Pflegeheimen sowie in den ambulanten Diensten. Wir gehen allerdings davon aus, dass dafür mindestens 400 Millionen Euro mehr notwendig sind, als die Bundesregierung derzeit investieren will.

Interview: Diakonie/Sarah Spitzer

 

Cover des Buches
Die Publikation thematisiert die blinden Flecken in der Sterbehilfedebatte der hospiz verlag

 

Das Buch „Würde, Selbstbestimmung, Sorgekultur. Blinde Flecken in der Sterbehilfedebatte“ richtet den Fokus auf die blinden Flecken in der Sterbehilfedebatte. Es beantwortet Fragen nach dem ärztlichen Selbstverständnis und der Veränderung ethischer und gesellschaftlicher Normen. Zudem gibt es einen Überblick über die internationale Rechtslage. Autoren sind unter anderem Franz Müntefering, Herta Däubler-Gmelin, Lukas Radbruch, Klaus Dörner, Ulrich Lilie, Heinrich Bedford-Strohm. Die Publikation ist in Kooperation zwischen Diakonie Deutschland, den Evangelischen Akademien in Deutschland (EAD) e.V und der Evangelischen Akademie Villigst entstanden.

Buchbestellung über die Internetseite des Verlags www.hospiz-verlag.de oder unter Telefon (+49) 07154/ 13 27 37