Adressen von Beratungsstellen
AG zu Prostitution und Menschenhandel im DW EKD
Handeln gegen Zwangsprostitution
Hilfeangebote der Diakonie
Irina - Stationen eines Alptraums
Männer tragen Verantwortung
Woran man Zwangsprostituierte erkennt
Irina – Stationen eines Alptraums
Der Weg in die Prostitution ist in vielen osteuropäischen Staaten mit hoher Arbeitslosigkeit längst zum Kollektivschicksal vieler junger Mädchen geworden. In den vergangenen Jahren hat sich ein organisierter Handel mit Mädchen und Frauen Richtung Westeuropa entwickelt. Nach Schätzungen werden jährlich zwischen 100.000 und 500.000 Opfer über die Grenzen gebracht. Deutschland ist eines der Hauptzielländer für den internationalen Frauenhandel.
Die Beratungsstellen der Diakonie halfen schon 750 jungen Frauen. Eine von ihnen ist Irina, die nach einer Polizeirazzia dort landete. Sie berichtet in ihrem Tagebuch über ihren Leidensweg. Das kommentiert eine Beraterin der Dortmunder Mitternachtsmission, die langjährige Erfahrungen in der Beratungsarbeit mit Opfern von Menschenhandel hat.
Der Traum von einem besseren Leben
Irina: An der Uni gab es heute diese Jobmesse: Im Ausland arbeiten, einige Monate nach Deutschland gehen, Au-Pair-Mädchen sein in einer Familie. Wollte ich das nicht schon immer? Ein anderes Land sehen, eine neue Sprache lernen. Die haben alles so schön beschrieben und waren so freundlich. Ich glaube, ich will das machen. Ja, ich werde es machen. Das ist doch meine Chance! Etwas Geld verdienen, mein Studium bezahlen, ein bisschen an meine Familie schicken.
Beraterin: Mit solchen Lockangeboten beginnt leider viel zu oft ein für uns kaum vorstellbarer Leidensweg: verführt durch freundliche, Vertrauen erweckende Anwerber, schöne Versprechungen und Beispiele von Mädchen und Frauen, die nach ein paar Monaten als Au-Pair zurückgekommen sind. Viele Mädchen und Frauen glauben an ihre große Chance und gehen dabei in eine verhängnisvolle Falle.
In unserer Beratungsstelle hören wir das immer wieder: Es ist der Traum von einem besseren Leben. Dafür gehen die Frauen und Mädchen auch Risiken ein. Das ist nur zu verständlich: Immer wieder sind es vor allem die Frauen, die in bitterster Armut leben – nach Scheidung oder Trennung sind sie oft die Alleinversorgerinnen für ihre Kinder oder müssen ihre Eltern und Geschwister finanziell unterstützen.
Zwangsprostitution hat eine riesige Dunkelziffer
Irina: Heute bin ich erschrocken. Ich war im Büro der Agentur, und die haben gesagt, ich muss für die Organisation und die Reise 3.000 Dollar bezahlen. 3.000 Dollar! So viel Geld habe ich noch nie besessen! Aber dann hat mir der Mann alles erklärt. Ich muss erst bezahlen, wenn ich etwas verdient habe in Deutschland. Das ist ganz normal, alle anderen Mädchen haben das Geld schnell zurückzahlen können, weil die Arbeit gut bezahlt ist. Gott sei dank! Ich hatte schon Angst. Aber das ist schon alles recht so. Ich habe ihm einen Vertrag unterschrieben. Mein erster Schritt. Ich freue mich. Ein paar Monate, vielleicht ein Jahr, und dann komme ich nach Hause und kann mein Studium abschließen.
Beraterin: Genaue Statistiken über Zwangsprostitution und Menschenhandel gibt es nicht. Es handelt sich hier um ein riesiges Dunkelfeld. Die EU-Kommission schätzt, dass weltweit jährlich etwa eine Million Frauen Opfer von Menschenhandel werden. Alleine in der Europäischen Union werden nach OSZE-Angaben jährlich rund 175.000 Frauen aus den mittel- und osteuropäischen Staaten gehandelt. Geschätzte 500.000 Frauen werden in der EU zur Prostitution gezwungen. Die meisten von ihnen sind unter 25 Jahren, viele erst zwischen 12 und 18 Jahren. Die Täter machen mit der Not der Opfer immense Gewinne. Das Bundeskriminalamt beziffert den möglichen Gewinn durch eine einzige Frau auf durchschnittlich 120.000 Euro. Weltweit werden etwa zehn Milliarden Euro erwirtschaftet. Jedes Jahr.
Die Opfer finden kaum Hilfe
Irina: Endlich ging die Reise los. Was für eine Aufregung! Ich und noch eine Frau sind mit zwei sehr netten russischen Männern nach Deutschland gebracht worden. Die haben alles für uns erledigt. Sie haben uns unsere Pässe abgenommen, um Stempel zu besorgen. An einem Rastplatz auf der Autobahn hielten wir an - dort wartete ein Auto mit zwei anderen Männern. Zu denen sollten wir umsteigen. Geheuer waren mir die nicht, aber sie sollen uns ja auch nur in unsere Unterkunft bringen. Ludmilla hatte auch etwas Angst, aber wir haben uns gegenseitig gut zugeredet.
Beraterin: Ohne den eigenen Pass sind die Frauen viel besser kontrollierbar. Sie haben kaum eine Chance, sich den Händlern oder Zuhältern zu entziehen. Sie wissen häufig nicht, in welcher Stadt sie sind, und an wen sie sich wenden könnten. Ohne deutsche Sprachkenntnisse können sie kaum Hilfe finden.
Eingeschüchtert, gedemütigt, misshandelt
Irina: Ich weiß nicht, wo wir sind. Irgendeine Stadt. Sie haben uns in eine Wohnung gebracht, in der schon andere Mädchen waren aus Polen und Russland. Eine hat mir gesagt, was wir hier wirklich machen sollen: als Prostituierte arbeiten. Nichts zu essen und nichts zu trinken. Was passiert jetzt mit uns? Sie haben uns eingesperrt. Ich sterbe vor Angst.
Nächster Tag: Die Männer kamen zurück. Ich habe geweint. Ich kann das nicht. Zuhause wartet doch Sascha auf mich! Ich liebe ihn, ich will ihn heiraten, wenn ich zurück bin. Und sie haben nur gelacht. Mich geschlagen. Geschubst. Mir die Kleider heruntergerissen. Ich kann das gar nicht alles aufschreiben. Ich schäme mich so. Sie haben mich vergewaltigt. Vor den Augen der anderen Mädchen. Ludmilla weint immer noch.
Beraterin: Typische Szene: die Frauen werden durch Einschüchterungen, Demütigungen, Misshandlungen - auch sexueller Art -, Vergewaltigungen, Prügel, aber auch mit Hilfe von Drogen, Alkohol und Medikamenten gefügig gemacht. Und die Täter wissen, wenn sie eine Frau vor den Augen der anderen vergewaltigen, reicht das oft schon aus, um sie gefügig zu machen. Sie arbeiten ganz bewusst mit diesem Teufelskreis aus Angst und Schande.
Die Fesseln sind im Kopf
Irina: Keine Erinnerung, nichts zum Festhalten. Ich weiß nicht, wie ich die letzten Tage verbracht habe. Keine Kraft mehr, ich fühle mich leergeprügelt und geschunden. Sie haben uns in einen Club gesteckt. Ich ekle mich vor den Männern, die zu mir kommen. Ich kann nicht weg und muss alles machen, was sie von mir wollen. Manchmal muss ich mich übergeben. Sieht man mir eigentlich nicht an, was mit mir los ist? Spürt man das denn nicht?
Beraterin: Der Mechanismus funktioniert sehr gut: Nach einiger Zeit machen viele Mädchen nicht mehr den Eindruck, dass sie zu etwas gezwungen werden. Sie schreien nicht um Hilfe und flüstern dem Freier nicht ins Ohr "hol mich hier raus". Die Frauen funktionieren einfach. Die Täter müssen auch nicht mehr befürchten, dass die Opfer fliehen. Die Fesseln sind im Kopf der Opfer. Einsperren und körperliche Misshandlungen sind da gar nicht mehr notwendig, um die Frauen und Mädchen gefügig zu machen. Darin liegt oft auch die Schwierigkeit, ein Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution zu erkennen.
Kaum Hoffnung auf Entkommen
Irina: Wenn ich versuche zu fliehen, komme ich ins Gefängnis, sagen die Männer. Ich kann also nicht einmal zur Polizei gehen. Was, wenn meine Eltern davon erfahren? Wenn Sie meiner Familie etwas antun? Ich traue denen alles zu. Sogar, dass sie mich umbringen, wenn ich weglaufe und sie mich erwischen. Und was, wenn Sascha jemals davon hört? Ich kann ihm nie wieder unter die Augen treten. Ich kann mich nie wieder von ihm berühren lassen. Nie wieder. Es gibt Tage, an denen wünsche ich mir, sie würden mich endlich töten. Dann hätte das wenigstens ein Ende.
Beraterin: Die Mädchen und Frauen verlieren oft jede Hoffnung auf ein Entkommen. Sie glauben nicht, dass ihnen geholfen werden kann. Sie glauben sogar, dass die Menschenhändler mächtiger sind als die Polizei, und dass sie sie überall finden werden. Der einzige Ausweg wird häufig im Suizid gesehen.
Schwere Folgen
Irina: Gestern kam die Polizei. Ich kann es nicht glauben, aber ich bin tatsächlich frei. Sie haben meine Angst sofort gesehen. Und sie haben mich zu einer Beratungsstelle gebracht. Es ist das erste Mal seit Monaten, dass ich ein Wort über das herausbringe, was mit mir passiert ist.
Beraterin: Die Frauen, die in unsere Beratungsstelle kommen, sind häufig verunsichert, verängstigt und haben keine deutschen Sprachkenntnisse. Immer mehr dieser Frauen und Mädchen sind in einem sehr schlechten gesundheitlichen Zustand. Wir mussten schon häufig erste Hilfe leisten und Wunden versorgen. Fast alle leiden unter schweren gesundheitlichen Folgen aus der Zwangsprostitution - Infektionserkrankungen, Verletzungen und schwere Traumata. Die Frauen und Mädchen benötigen medizinische Versorgung, Nahrung, Bekleidung, Hygieneartikel. Sie sind in einer sehr schlechten Verfassung, zum Teil suizidgefährdet und benötigen oft dringend die Hilfe von Therapeuten.
Während der Zeit, die sie in unserer Betreuung sind, versuchen wir ihnen zu helfen, das Erlebte aufzuarbeiten und wieder Hoffnung, Mut und ein wenig Lebensfreude zu entwickeln. Dies ist sehr zeitaufwendig. Wir benötigen dafür mehr kompetente Mitarbeiterinnen. Wir müssen auch die kulturellen und ethnischen Hintergründe und Besonderheiten der Klientinnen kennenlernen, um sie richtig zu verstehen.
Frauen erhalten Unterstützung
Irina: Die Frauen in der Beratungsstelle sind sehr nett zu mir. Ich habe immer noch große Angst vor den Leuten, die mir das angetan haben. Ich fürchte, dass sie sich an mir und meiner Familie rächen werden, wenn ich mich entschließe, mit der Polizei zusammenzuarbeiten und bei Gericht auszusagen. Das haben sie mir immer angedroht. Aber wenn ich nicht aussage, dann werden sie nicht bestraft und kommen ungeschoren davon. Dann werden sie das noch vielen anderen Frauen und Mädchen antun. Ich will, dass sie bestraft werden, für das, was sie mir angetan haben.
Beraterin: Wenn eine solche Frau nach einer Razzia zu uns kommt, benötigt sie sofort qualifizierte Hilfe. Wir gewährleisten die sichere Unterbringung und umfassende psychosoziale Hilfe und Betreuung. Wir begleiten sie bei Behördengängen und vor Gericht. Wir stellen Kontakte her zur Ausländerbehörde und Polizei. Wenn eine Frau sich entschließt, auszusagen, unterstützen wir sie. Allerdings versuchen wir nicht, sie zu einer Aussage zu überreden, wenn sie zu viel Angst hat, obwohl wir natürlich wollen, dass die Täter bestraft werden.
Angst vor Versagen und Schande
Irina: Ich möchte nach Hause. Papa, Mama, Sascha – sie fehlen mir so unendlich. Aber was soll ich tun, wenn sie mich fragen, wie es war? Ich kann dort keinem erzählen, was mir in Deutschland passiert ist. Für meine Eltern würde eine Welt zusammenbrechen und kein Mensch würde mehr etwas mit uns zu tun haben wollen. Am liebsten würde ich alles vergessen und wieder das Mädchen sein, das ich früher war.
Beraterin: Um zu Hause nicht über ihre schlimmen Erfahrungen reden zu müssen, wird gegenüber Eltern, Freunden und Verwandten die Legende von der legalen Arbeit in Deutschland aufrechterhalten. Von ihrem geringen Verpflegungssatz versuchen die Frauen einen Teil zurückzulegen, um wenigstens kleine Geschenke für die Familie zu kaufen - ohne Geschenke ins Heimatland zurückzukommen, bedeutet für sie persönliches Versagen und große Schande. Das Thema Prostitution und Zwangsprostitution ist in den meisten osteuropäischen Ländern noch sehr tabuisiert - hier muss noch viel getan werden. Eine umfassende Aufklärungsarbeit ist zwingend nötig. Die evangelischen Beratungsstellen konnten im letzten Jahr etwa 750 betroffenen Frauen und Mädchen helfen. Wenn man sieht, was die Hilfe nur für eine einzige Frau bedeutet, dann ist das ein großer Erfolg. Aber gemessen an der Zahl der Betroffenen ist das immer noch viel zu wenig.
Unsere finanziellen Mittel sind leider sehr begrenzt. Daher gibt es auch zu wenig Stellen. Mit einer Regelfinanzierung unserer Arbeit über Länder und Kommunen können wir in absehbarer Zeit nicht rechnen. Wir sind daher verstärkt auf Geldspenden angewiesen.
Die Bekämpfung des Menschenhandels ist nicht nur eine Sache für Polizei, Richter und Staatsanwälte. Es gilt auch vorbeugend zu arbeiten. Das kann durch Aufklärungsarbeit in den Herkunftsländern geschehen, zum Beispiel um Mädchen und Frauen zu warnen, aber auch dadurch, dass verschiedene Organisationen in den Heimatländern gemeinsam daran arbeiten, Lebensumstände und Perspektiven in diesen Ländern zu verbessern.

