Hintergrund: Gewalt in der Pflege – verschiedene Formen und Absender

- Viele pflegebedürftige Menschen werden liebevoll und mit großem Zeitaufwand gepflegt. Aber Pflege kann belastend und überfordernd sein und Aggression hervorrufen – ob zu Hause oder im Pflegeheim.

Eine 93-jährige Frau allein auf ihrem Bett zu Hause
"Das bisschen Zuwendung, Familienanschluss und Kontakt will man nicht verlieren" epd-bild/ Jörn Neumann

Gewalt in der Pflege hat viele Gesichter – das weiß Gabriele Tammen-Parr, Projektkoordinatorin von "Pflege in Not", der Beratungs- und Beschwerdestelle zu Gewalt in der Pflege älterer Menschen bei der Diakonie Berlin-Stadtmitte. Eindeutige Fälle sind die der körperlichen Gewalt. "Schläge, aber auch Kneifen, zu heißes Baden, grobes Kämmen", nennt die Sozialpädagogin und Mediatorin als Beispiele. Psychische Gewalt zeigt sich dagegen eher in verbaler Form: Die Menschen drohen, entwerten und demütigen andere, machen sie schlecht.

Gewalt ist auch finanzielle Ausbeutung, etwa wenn Kinder Renten und Pflegegeld der pflegebedürftigen Eltern erhalten, aber keine adäquate Pflege leisten. Auch verübt Gewalt, wer Alte in ihren Entwicklungsmöglichkeiten hindert und hemmt – wenn in Pflegeheimen Bewohner beispielsweise Inkontinenzslips erhalten, obwohl mit ein wenig Hilfe der Gang zur Toilette noch möglich wäre.

Nicht zu vergessen ist laut Gabriele Tammen-Parr die strukturelle Gewalt: "Darunter verstehen wir äußere Bedingungen, die Aggression und Gewalt wahrscheinlicher machen: Pflegeheime in schlechten, veralteten Gebäuden, mit schwierigem Führungsstil und Betriebsklima oder unzufriedenen Mitarbeitenden." Eine weitere Form der Gewalt ist die Vernachlässigung – aktiv, wenn etwa die Tochter ihre rufende Mutter ignoriert, aber auch passiv, wenn sie durch Überforderung und Stress der Mutter kein Trinken reicht.

Häufige Ursache: familiäre Konflikte, die schon vor der Pflegebeziehung bestanden

Die Beratungsstelle "Pflege in Not" hat vor allem die häusliche Pflege im Fokus: Zwei Drittel aller Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause gepflegt. Und: "Diese Pflege findet hinter verschlossenen Türen statt. Das Thema Gewalt – zumal in der Familie – ist hier immer noch ein großes Tabu", sagt Tammen-Parr. Aktuelle belastbare Fallzahlen gibt es nicht. Eine Studie von 1996 ermittelte, dass jährlich 600.000 Menschen über 65 Jahre im familiären Bereich Opfer von Gewalt werden (Wetzels/Greve).

Gabriele Tammen-Parr
Gabriele Tammen-Parr von der Beratungs- und Beschwerdestelle der Diakonie Berlin-Stadtmitte privat
Bei Gewalt in der Familie gelten mehrere Faktoren als konfliktfördernd: Erstens die Pflegedauer, sie beträgt zu Hause durchschnittlich zehn Jahre. Hinzu kommt zweitens das Problem des Rollentauschs, wenn Kinder für ihre Eltern entscheiden und Fürsorge leisten. Der dritte Faktor ist die Beziehung selbst: "Die ist der eigentliche Zündstoff, denn angesichts der Pflegesituation kommen alte Verletzungen und Kränkungen an die Oberfläche. Dann ist die Tochter frustriert, wenn sie für ihre Pflege kein Wort des Dankes erhält, der Bruder aber, der schon immer der Liebling der Mutter war, bei seinen seltenen Besuchen mit Lob und Dankbarkeit für seine Zuwendung überschüttet wird." Und wenn die familiären Beziehungen, etwa auch zwischen Ehepartnern, schon immer von Gewalt geprägt waren, so hört dies nicht auf, wenn die Ehe zur Pflegebeziehung wird: "Wir werden mit unseren Eigenschaften alt, auch den schlechten", sagt Tammen-Parr.

Gewalt der Pflegebedürftigen in Form von Vorwürfen

So kann auch vom Pflegebedürftigen selber die Gewalt ausgehen: Gerade Demenzkranke treten, schlagen um sich, beleidigen – auch aus Angst. Gabriele Tammen-Parr berät zurzeit eine Frau, die von ihrem erkrankten Mann aus dem Bett heraus körperliche Gewalt erfährt. Viele Pflegebedürftige machen ihre Angehörigen mürbe durch stetes aggressives Jammern, moralische Erpressung mit Aussagen wie "Ihr lasst mich hier sterben" oder "Nie hast du Zeit für mich". Oder aber sie verweigern Essen oder Tabletten.

Gewalt von Pflegekräften oft durch Überforderung

Auch Mitarbeitende von Pflegediensten können "Täter" oder "Täterinnen" sein – durch Zeitdruck oder Arbeitsüberlastung oder weil sie selbst Opfer von Gewalt durch Pflegebedürftige geworden sind – etwa auch sexueller Art. Aus Pflegeheimen hört die Expertin Beschwerden wie eine unzureichende Versorgung der Pflegebedürftigen mit Getränken oder dass zwecks Arbeitserleichterung die Senioren schon um 18 Uhr ins Bett gehen sollen.

Rotes Telefon mit Drehscheibe
Das Beratungstelefon "Pflege in Not" hat im Schnitt 2.800 Telefonkontakte pro Jahr Julia Hettenhausen

Hilfsangebote für Opfer und Täter

Wie erkenne ich als Pflegende, dass mein Verhalten grenzwertig ist? Gabriele Tammen-Parr freut sich, dass ihr Beratungsangebot mit durchschnittlich 2.800 Telefonkontakten jährlich vor allem von den "Täterinnen" – 80 Prozent der Pflegenden in den Familien sind Frauen – genutzt wird. Sie rät, sich selbst zu beobachten: "Aggression gehört zu Pflege. Sie zeigt uns, wo unsere Belastungsgrenze ist. Wenn man Stress immer in der gleichen Situation spürt, etwa beim Baden des Pflegebedürftigen, sonst aber bei guter Stimmung ist, kann vielleicht auch innerhalb der Familie oder bei einem Pflegedienst punktuell Hilfe gesucht werden.

Wer aber bemerkt, dass sich Ärger und Überreizung wie ein roter Faden durch den ganzen Tag ziehen, braucht Hilfe von außen." Am besten bei einer Konflikt- und Beschwerdestelle wie "Pflege in Not", bundesweit gibt es 14 solcher Angebote. Tammen-Parr verspricht: "Wir erschrecken nicht, auch bei wirklich hoher Aggression. Und wir machen keine Vorwürfe." Lösungen werden im Gespräch mit allen Beteiligten gesucht, mit offenem Ergebnis – so erleben Tammen-Parr und ihre Kolleginnen auch, dass manche Pflegebedürftige in der gewaltgeprägten Pflegebeziehung bleiben wollen: "Dieses Recht hat jeder. Manchmal macht eine ungewisse Zukunft Angst. Oder man will das bisschen Zuwendung, Familienanschluss und Kontakt, was man noch hat, behalten."

Prävention heißt Verständnis und Öffentlichkeit

In verstärkter Öffentlichkeit und Enttabuisierung sieht die Pflege-Expertin die beste Prävention. In der stationären Pflege seien neben Fort- und Weiterbildung auch Supervision und Fallbesprechung notwendig. "Für pflegende Angehörige muss es mehr Entlastungsmöglichkeiten geben, etwa auch psychologische Beratung", resümiert Tammen-Parr, "Insgesamt brauchen wir mehr Verständnis für die belastende Situation 'Pflege'."

Text: Julia Hettenhausen