Gitschiner 15: Sozial- und Kreativzentrum für Menschen, die in Armut leben

- Obdachlose und Menschen, die in Armut leben, haben viele Talente. Im Sozial- und Kreativzentrum Gitschiner 15 werden diese gefördert. Betreiber des Zentrums sind Menschen, die selbst von Armut betroffen sind oder waren.

Eingang zur Gitschiner 15
Das Sozial- und Kreativzentrum Gitschiner 15 liegt mitten in Berlin-Kreuzberg Diakonie/Melanie Zurwonne
Ein altes Fabrikgebäude in Berlin-Kreuzberg. “Zentrum für Gesundheit und Kultur gegen Ausgrenzung und Armut“ steht in großen Buchstaben über dem Eingang an der stark befahrenen Gitschiner Straße 15. Ums Eck, im idyllischen Innenhof, mit Kopfsteinpflaster, Hollywood-Schaukel und efeuberankter Sitzecke, ist von Großstadt nichts zu spüren. Einige Gäste, vorwiegend Männer sitzen auf Gartenstühlen in der Sonne, lesen Zeitung, trinken Kaffee, unterhalten sich. Im “alkoholfreien Café“ im Erdgeschoss riecht es nach Toast Hawaii, dem heutigen Tagesangebot. Kaffee und Kakao kosten 40 Cent, eine Bockwurst gibt es für 45 – günstige Preise, die die tatsächlichen Kosten nicht decken. Die Menschen, die hierher kommen, leben meist in Armut oder sind obdachlos. In der Gitschiner 15 können sie nicht nur preiswert etwas essen oder trinken. Das große Gebäude bietet ihnen einen Ort, um kreativ zu sein und ihre Talente auszuleben.

Herzstück des künstlerischen Angebotes ist die offene Kreativ-Etage im 2. Stock. Im großen Atelier können die Besucher malen, zeichnen, nähen oder mit Keramik arbeiten. In der angrenzenden Holzwerkstatt liegen viele Hölzer und Werkzeuge zum Schreinern bereit. Die erste Etage hat einen Musikraum, in dem Trommelkurse und Klavierunterricht angeboten werden. Auch der Gospelchor "Different Voices of Berlin" probt dort regelmäßig mit der bekannten Jazz-Sängerin Jocelyn B. Smith. In einem Meditationsraum können sich die Besucher zurückziehen und entspannen, in der Kleiderkammer dringend benötigte Kleidungsstücke bekommen und im Nebenraum auch duschen. Im Erdgeschoss gibt es neben dem Café und einer kleinen Küche eine Fahrradwerkstatt sowie ein Büro für soziale Beratung. Alle Angebote sowie das Material sind kostenlos.

Karl-Kuno Hiller vor einem Bild, das Pferde zeigt
Kar-Kuno Hiller kommt regelmäßig in die Gitschiner 15 um zu malen Diakonie/Melanie Zurwonne

Ein Ort, um die Persönlichkeit zu entfalten und Talente zu fördern

Die Gitschiner 15 ist ein spendenfinanziertes Projekt der Evangelischen Kirchengemeinde Heilig Kreuz-Passion und wurde im November 2000 von Pfarrer Joachim Ritzkowsky gegründet, der 2003 verstarb und sich selbst in einem Obdachlosengrab beisetzen ließ. Seit 5 Jahren leitet Jürgen Horn das Zentrum: "Bei uns steht nicht der Versorgungsaspekt von Menschen, die in Armut leben oder obdachlos sind, im Vordergrund." Zwar können obdachlose Menschen dort auch duschen oder neue Kleidung erhalten. Diese Angebote sind jedoch im Vergleich zu Tagesstätten für Wohnungslose begrenzt. "Wir möchten die Menschen aktivieren. Sie sollen bei uns ihre Persönlichkeit entfalten." Die Besucher des Sozial- und Kreativzentrums seien arm an Geld und sozialer Sicherung. Sie brächten jedoch oft einen ganz anderen Reichtum mit, sagt Horn. Einen, den man nicht in der Dimension Geld misst.

Etwa 40 Leute, vorwiegend Männer, besuchen täglich die Gitschiner 15, jährlich sind es rund 400. Etwa 70 gehören zu einem festen Kern, der regelmäßig wieder kommt. Einer von ihnen ist Karl-Kuno Hiller. Er kommt seit 2010 täglich und malt in der Kreativ-Etage. Stolz präsentiert er unzählige Bilder, die in den vergangenen Jahren entstanden sind. Sie zeigen Stiere in Argentinien, bunte Vögel aus Brasilien, eine Mutter mit Kind, einen Flaschen-Sammler aus dem "Görli", dem Görlitzer Park in Berlin. Hiller lässt sich inspirieren durch das, was er selbst erlebt und sieht. Kunst ist nicht nur sein Hobby, sondern eigentlich sein Beruf: In Maastricht studierte er Kunst. Mehrere Jahre lebte er in Brasilien, arbeitete in einem Atelier. Bis er selbst in Armut geriet und nach Deutschland zurückkehrte. Heute unterstützt Hiller in der Gitschiner 15 auch andere Besucher, hilft ihnen, neue Techniken zu lernen. Und träumt davon, seine Werke in großen Ausstellungen zu präsentieren. 

Hans-Jürgen Grimm zeigt eines seiner Rollbilder
Hans-Jürgen Grimm löst Probleme malerisch Diakonie/Melanie Zurwonne

 Auch Hans-Jürgen Grimm, genannt "Grimmi", hat im Kreativzentrum mittlerweile viele Schüler gewonnen. Er hat eine ganz eigene Technik entwickelt: Grimm bemalt lange Leinwand-Bahnen, die dann in einem selbstgezimmerten Holzrahmen mittels einer Kurbel Stück für Stück abgerollt werden können. Diese Rollbilder verändern so ständig ihr Gesicht und lassen sich neu interpretieren. Die Besuche in der Gitschiner 15 geben Grimm´s Leben einen Sinn. Denn "das mit dem 1. Arbeitsmarkt wird nix mehr", sagt er. Arbeitslosigkeit und Armut prägen seine Lebenserfahrung. Mit seinen Bildern, so sagt er, löse er Probleme malerisch.

Einrichtungsleiter Jürgen Horn sitzt im grünen Innenhof
Jürgen Horn leitet die Gitschiner 15 seit 5 Jahren Diakonie/Melanie Zurwonne

Mangelnde gesellschaftliche Teilhabe kompensieren

"Menschen, die arm oder obdachlos sind, bleibt die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben oft verwehrt", sagt Einrichtungsleiter Horn. "Deshalb ist es so wichtig, dass es für sie Orte wie diesen gibt, wo sie zusammen kommen und sich austauschen können.“ In der Gitschiner 15, so Horn, könnten sie wenigstens einen Teil der mangelnden Teilhabe kompensieren. "Aber das Leben ist für sie dennoch nicht einfach schön!" Er selbst war lange arbeitslos, kam über Maßnahmen des Jobcenters zu dem Projekt, absolvierte eine Zusatzausbildung zum Sozialtherapeuten – und blieb. "Das Haus hat hohes Suchtpotenzial", lacht Horn.

Insgesamt drei sozialversicherte Beschäftigte gibt es in der Gitschiner 15. Dazu kommen bis zu 20 Helfende über Maßnahmen des Jobcenters sowie etwa 15 Freiwillige, die sich zu bestimmten Themen im Zentrum engagieren. Auch das ist ein wichtiger Teil der sozialen Funktion des Zentrums: Öffentlich geförderte Beschäftigung und ehrenamtliche Tätigkeiten geben den Menschen das Erlebnis, gebraucht zu werden und etwas Sinnvolles zu tun – morgens wie andere auch zur Arbeit zu gehen und darüber mitreden zu können.

Aus Kostengründen bleibt die Gitschiner 15 am Wochenende sowie nach 17 Uhr und am Freitagnachmittag geschlossen. Horn bedauert dies. Eine Zeit lang war das Zentrum unter der Woche immer bis 19 Uhr geöffnet. Dann, so Horn, gingen die meisten Menschen von hier aus direkt nach Hause. Schließt das Zentrum jedoch, wie derzeit, früher, kann ein Gefühl der Einsamkeit folgen, der Rest des Tages ist nicht mehr strukturiert – und der Gang zum Alkoholregal im Supermarkt verlockender.

Birgit ben Brahim sitzt in ihrem Büro in der Gitschiner 15
Birgit ben Brahim freut sich über jeden Menschen, dem sie durch ihre Beratung im Sozialbüro weiterhelfen kann Diakonie/Melanie Zurwonne

 Ihren Alltag strukturieren und sich selbst organisieren, das fällt vielen der Menschen, die zur Gitschiner 15 kommen, schwer. Dann hilft Birgit ben Brahim, die im Sozialbüro im Erdgeschoss Beratung anbietet: Sie unterstützt bei der Antragsstellung für Hartz IV, begleitet zu Ämtern, reicht Widersprüche bei ablehnenden Bescheiden ein oder hilft, sich einen Ausweis zu besorgen. Die Hilfe ist oft kleinschrittig und langwierig. Die Probleme der Menschen, sagt ben Brahim, nehme sie sehr oft mit nach Hause. Aber: Wenn etwas klappt, wiegt das alles auf. Ihr größter Erfolg: Ein Mann, den sie beraten und begleitet hat, hat heute eine Wohnung und einen Job. "Darauf bin ich sehr stolz, das macht mich glücklich", sagt ben Brahim.

Carola Piduhn und Mandy Neumann sitzen Arm in Arm an einem Tisch im alkoholfreien Cafe des Gitschiner 15
Carola Piduhn und Mandy Neumann betreiben zusammen die Kleiderkammer Diakonie/Melanie Zurwonne

Eine kommunikative und friedliche Gemeinschaft

Besonders an der Gitschiner 15 ist: Sie begleitet die Menschen teilweise über Jahre, wird Teil ihres alltäglichen Lebens. So wie bei Carola “Caro“ Piduhn, die "schon zum Inventar gehört", wie sie lachend beschreibt. Carola Piduhn besucht das Sozial- und Kreativzentrum seit 2001 und betreibt heute zusammen mit Mandy Neumann die Kleiderkammer im ersten Stock. Gerne zeigt sie ihre "Schätze": Fein säuberlich sortiert liegt die frisch gewaschene Wäsche in den Regalen. Auch Nikolaus-Hausschuhe aus Plüsch befinden sich darunter. Dafür fehlten ständig Strümpfe und Unterwäsche für Männer, sagt Piduhn. Diese treibt sie dann auf – holt sie auch mal irgendwo ab. Die Aufgabe macht Carola Piduhn viel Spaß. In der Gitschiner 15 verbringt sie ihren Tag, dort trifft sie auf Freunde.

Zeichen setzen gegen Ausgrenzung und Armut

An der Wand im Innenhof des Gebäudes hängt ein Stundenplan mit den Angeboten des Kreativzentrums. In einigen Feldern steht "Wegen Maßnahmen der Bundesregierung geschlossen". Das Sparpaket der Bundesregierung, das aufgrund der Bankenhilfen beschlossen wurde, betraf etwa zu einem Drittel Ausgaben für Arbeitsmarktpolitik - und ging damit vor allem zu Lasten Langzeitarbeitsloser und Hartz-IV-Empfänger. Dagegen wehren sich die Menschen von der Gitschiner 15. Das Sozial- und Kreativzentrum ist auch eine Art Modellprojekt gegen Armut und soziale Ausgrenzung. Es steht offen für alle und integriert Menschen, die sonst oft isoliert und ausgeschlossen sind.

Freitag, 13.45 Uhr. Der Boden im Kreativzentrum glänzt nass vom Wischwasser. Die Stühle im Café sind schon auf die Tische gestellt. Nach und nach verlassen die vielen Besucher das Zentrum, verabschieden sich herzlich und lautstark voneinander. Im sonnigen Innenhof sitzen noch einige Menschen und rauchen eine letzte Zigarette, wollen nicht so richtig losgehen. Auf die meisten von ihnen wartet nun ein Wochenende, das sie alleine verbringen. Aber am Montag, da kommen viele wieder in die Gitschiner 15. Denn dort sind sie nicht ausgegrenzt, dort sind sie Teil einer bunten Gemeinschaft.

Text: Diakonie/Sarah Schneider