Flüchtlinge: Ein Geben und Nehmen

- Die einen wünschen sich eine sinnvolle Zukunftsperspektive, den anderen fehlen die Fachkräfte. "SoJuBi" verbindet beide Seiten und sorgt für neue Sichtweisen – über Sozialpraktika für junge Flüchtlinge.

Flüchtlinge
"Ich möchte Altenpfleger werden", Can fühlt sich in der Altentagesstätte Pellahöhe wohl. Christian Weische

Zabihullah Khunsada strahlt: "Meine süße Oma!" Annelore Waterböhr drückt ihn zur Begrüßung. Die 82-Jährige arbeitet ehrenamtlich im Begegnungszentrum Pellahöhe, einer Altentagesstätte der Diakonie für Bielefeld. Zabihullah – kurz Can genannt (türkisch-persisch für "Die Seele") – ist seit acht Monaten Sozialpraktikant. Als einer der "Sozialen Jungs Bielefeld" schnuppert er ein Jahr lang in ein weiblich dominiertes Berufsfeld hinein. Das Projekt "SoJuBi" hat bundesweit Modellcharakter: Es richtet sich an junge Flüchtlinge.

"Kaffee oder Tee zum Kuchen?", fragt Zabihullah lächelnd einen neuen Gast. Der Treffpunkt für alte Menschen im Stadtteil Gadderbaum ist gut besucht. Der 21-jährige ist ein zupackender Typ. Aus Afghanistan, aus dem 500-Seelen-Dorf Rodat bei Dschalalabad, ist er Ende 2012 allein nach Deutschland geflohen. Bielefeld ist seine neue Heimat. Hier besucht er seit Herbst 2013 eine Sprachförderklasse am Berufskolleg 6.

Die 77-jährige Irmgard Flaig braucht ihn. Der Bulli vom "Bielefelder Tisch" steht mit Spenden vor der Tür. Zwei Dutzend Menschen warten. Zabihullah stellt kistenweise Obst, Gemüse und Lebensmittel auf. Als alles verteilt ist, reinigt und stapelt er die Kästen. "Das ist ein Netter, alle mögen ihn", meint die Ehrenamtliche.

Danach holt der Sozialpraktikant Werkzeugkiste und Bohrer. In einem Büro soll ein Schließfach eingebaut werden. "Can, gibst Du mir bitte Dübel und Schrauben", fragt der 75-jährige Manfred Lammert, auch Ehrenamtlicher. Zabihullah vertieft dabei seine Sprachkenntnisse – und den Kontakt: "Das hier ist jetzt meine Familie." Lammert lobt den Jungen im Team: "Ein feiner Mensch, offen, hilfsbereit – er passt zu uns."

Seit September 2014 absolviert Zabihullah Khunsada auf dem Weg zum Hauptschulabschluss ein Jahrespraktikum – wie seine Mitschüler Rahoul Hassan aus Bangladesch, Wahid Rasho aus dem Irak und Daouda Dieye aus dem Senegal. Sie alle arbeiten einmal wöchentlich für etwa drei Stunden in "ihrer" sozialen Einrichtung. "Can" kommt auch zwischendurch in der Altentagesstätte vorbei. Er hat Zeit für Gespräche – "Manche hier haben auch keine Familie" – und die Älteren wissen wie er um Krieg, Flucht und Vertreibung.

Bundesweit fehlen Fachkräfte

"Ich denke immer nach vorne", sagt Zabihullah, "ich komme gern her, die Menschen geben mir Liebe und bringen mich zum Lachen." Hier ist sein Wunsch gereift: "Ich möchte Altenpfleger werden." Seine Freundin Hande und ihre Mutter sind in der Altenpflege tätig. Von der 21-Jährigen Auszubildenden leiht er sich die Lehrbücher. "Ich lese darin und übersetze mir die Fachbegriffe", erklärt "Can“. Nachwuchs wie ihn sucht das Johanneswerk als großer diakonischer Träger. Bundesweit fehlen Fachkräfte. "Wir wollen verstärkt Männer für Pflegeberufe gewinnen", sagt Anja Zimmermann, Leiterin Europa und Migration, "auch, weil die Zahl der pflegebedürftigen Männer steigt."

Die rund 130 jungen Flüchtlinge am Berufskolleg Tor 6 sind potentielle Nachwuchskräfte. Vor diesem Hintergrund hat das Johanneswerk mit dem Kompetenzzentrum für Technik-Diversity-Chancengleichheit an der Fachhochschule und der Universität Bielefeld das Projekt "Soziale Jungs Bielefeld" gegründet. "Ziel ist es, dass die jungen Männer eine Ausbildung in dem Bereich machen", so Zimmermann, "SoJuBi soll Orientierung bieten und erste Kenntnisse vermitteln".

Bei ihrem Praktikum stehen Zabihullah, Rahoul, Wahid und Daouda zwei Studierende als Mentoren zur Seite. Sie sind vom Kompetenzzentrum geschulte Ansprechpartner bei Fragen und Problemen – auch für die Einrichtungen. "Das Projekt ist bisher sehr erfolgreich, mit einem Wermutstropfen", resümiert Anja Zimmermann, "wir hatten das breiter aufziehen wollen, mit mehr Teilnehmern. Dafür haben wir leider keine Finanzierungsmöglichkeiten gefunden." Sechs SoJuBis können zur Zeit pro Jahr in eine soziale Einrichtung des Johanneswerks vermittelt werden.

"Diese Arbeit mache ich mit dem Herzen"

Das sei ein guter Auftakt, so Zimmermann. Die ersten "Sozialen Jungs" fühlten sich willkommen und akzeptiert. Die Seniorinnen und Senioren freuten sich über jemanden, der Zeit zum Zuhören, für Gesellschaftsspiele oder Spaziergänge habe. "Ich habe viel von alten Menschen gelernt", sagt Zabihullah, "das möchte ich zurückgeben. Diese Arbeit mache ich mit dem Herzen."

Für den Afghanen läuft es gut. Seit Februar hat er eine Wohnung, alle bestärken ihn in seinen Zielen. Im Herbst 2015 werden seine Mitschüler und er ihr SoJuBi-Zertifikat erhalten. "Das ist eine gute Erfahrung, die Jungs bekommen darüber auch mehr Zugang zu den Deutschen und der deutschen Kultur", sagt Christian Barzen, Schulsozialarbeiter am Berufskolleg, "es wäre wunderbar, wenn das für die vier auch zu einem Ausbildungsplatz führen würde". Zabihullah Khunsada ist optimistisch, er fühlt sich wohl in Bielefeld. Der Wandspruch in der Pellahöhe trifft auf ihn zu: "Heimat ist da, wo Menschen sind, die ich mag und die mich mögen".

Text: Martina Bauer/ diakonie.de