„Eigentlich kann es jeden treffen!“
Eine Nacht unterwegs mit dem Kältebus
Fürs Krankenhaus nicht krank genug und für die Straße zu krank
Wolfgang K., 51 Jahre: wohnungslos
"Eigentlich kann es jeden treffen!"
Draußen ist es kalt und windig. Wir freuen uns, dass wir in geheizten Zimmern sitzen und warmen Tee oder Kakao trinken können. Doch in Deutschland gibt es auch Menschen, die frieren müssen, die kein Dach über dem Kopf haben. Um Obdachlose kümmert sich die Diakonie als größte Anbieter von Hilfen für Menschen auf der Straße.
Roland Lehmann, Jugendredakteur im Diakonischen Werk der EKD, sprach mit Thomas Poreski, Referent für Wohnungslosenhilfe im Diakonischen Werk der EKD.
Lehmann: Herr Poreski, was bedeutet eigentlich Obdachlosigkeit genau?
Poreski: Obdachlos sind Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben und quasi "unter der Brücke" leben. Das sind in Deutschland ungefähr 20.000 Menschen, davon etwa 5.000 Frauen. Daneben gibt es die Wohnungslosen. Dies sind Menschen, die keine eigene Wohnung haben und zum Beispiel in Notunterkünften, Billigpensionen oder Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe leben - in Deutschland sind das fast 400.000 Menschen. Zum Vergleich: Genau so viele Menschen leben in der Stadt Bochum.
Lehmann: Warum leben Menschen auf der Straße?
Poreski: Es gibt viele unterschiedliche Gründe. Manchen Menschen verlieren jeden Halt, wenn eine nahestehenden Person stirbt. Sie verwahrlosen und verlieren ihre Arbeit und verschulden sich. Manche haben psychische Probleme, leiden an Sucht oder haben extreme Gewalterfahrung erlebt. Am meisten sind Menschen aus schlechten sozialen Verhältnissen und geringer Schulausbildung betroffen. Aber eigentlich kann es jeden treffen.
Lehmann: Wenn ich in der Stadt einen Bettler sehe, soll ich ihm etwas in den Hut werfen?
Poreski: Da gibt es leider keine richtige oder falsche Antwort. Das muss man oft dem eigenen Gefühl überlassen. Etwa jeder fünfte wohnungslose Mensch hat gar kein Einkommen - nicht einmal Sozialhilfe. Manche scheuen sich zum Beispiel sehr, Geld bei einem Amt zu beantragen. Wichtig ist auf jeden Fall: alle diese Menschen brauchen Hilfe. Spenden an die Wohnungslosenhilfe sind daher sinnvoll. Dort ist das Geld häufig knapp.
Lehmann: Wie wird den Menschen denn konkret geholfen?
Poreski: Zum einen gibt es Notunterkünfte, wo obdachlose Menschen sofort Hilfe bekommen, dort übernachten können und eine warme Suppe erhalten. Auch gibt es Kältebusse, die direkt zu den Menschen fahren. Zum anderen gibt es zentrale Häuser und Beratungsstellen. Hier können sich betroffene Menschen kostenlos vom Arzt untersuchen lassen. Sie werden dort beraten und begleitet, damit sie wieder in ein normales Leben finden können. In ganz Deutschland gibt es von der Diakonie und der Evangelischen Obdachlosenhilfe 360 Einrichtungen für wohnungslose Menschen.

