Ein Hotel für Alle: Wo Flüchtlinge Gäste sind

- Das Grandhotel Cosmopolis vereint Flüchtlingsunterkunft, Hotel und Künstlerwerkstatt. Für Augsburg ist das von der Diakonie unterstützte Projekt eine kulturelle Bereicherung – für die Flüchtlinge ein neues Zuhause.

Pouya mit Freund Farhad im Grandhotel Cosmopolis
Pouya und Farhad sind Hotelgäste im Grandhotel Cosmopolis. Lisa Boettinger

Pouyas Ort der Freiheit ist ein kleines Zimmer mit Dachfenster und ausgebleichtem Teppichboden. Hier, im fünften Stock des Augsburger Grandhotel Cosmopolis, bewahrt er sein Harmonium auf. Das traditionelle afghanische Instrument sieht aus wie eine Mischung aus Piano und Akkordeon. Spielt Pouya darauf Musik, kann er seine Heimat – Herat im Westen Afghanistans – hören und spüren. In der drittgrößten Stadt des Landes wurden Ende Juli zwei finnische Mitarbeiterinnen einer Hilfsorganisation in einem Taxi erschossen. Für Pouya eine schreckliche, aber wenig überraschende Meldung. Er selbst hat erlebt, was es bedeutet, “Stress mit den Taliban“ zu haben, wie der 30-jährige es nennt.

Arbeit auf Augenhöhe

Das Grandhotel Cosmopolis gab Pouya eine neue Perspektive. “Arbeit“, “Respekt“ und “alle zusammen“: Das sind Worte, die er und sein Freund Farhad aus Kabul immer wieder sagen, wenn sie über das Haus und seine Bewohner sprechen. “Seit ich hier bin, hat mich noch keiner gefragt, wo ich herkomme, und dann auf mich herabgeschaut“, erzählt Pouya. Und das ist das Prinzip des Grandhotels. Hier leben Flüchtlinge, Künstler und Hotelgäste unter einem Dach. 2011 gab die Diakonie Augsburg das ehemalige Altenheim, das zu einer herkömmlichen Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert werden sollte, in die Hände eines 10-köpfigen Künstlerkollektivs. Einer der Gründer ist Peter Fliege. Er beschreibt das Grandhotel als “soziale Skulptur“, die ein Miteinander der Kulturen, Denk- und Lebensweisen ermöglicht. Unabhängig von Religion, Sprache oder Herkunft stellen Künstler, freiwillige Helfer, Praktikanten und die Flüchtlinge selbst Konzerte, Lesungen und Filmabende auf die Beine. Sie kochen und essen gemeinsam Käsespätzle, afghanischen Eintopf oder afrikanische Okraschoten.
Außer Kochen gibt es viel Arbeit im Grandhotel. Die zwölf Doppelzimmer und vier Mehrbettzimmer für “Hotelgäste ohne Asyl“, wie die Gäste und Backpacker im Hotel genannt werden, sind an den Wochenenden oft voll besetzt. Das alles sauber zu halten ist eine Aufgabe der “Hoteliers“, wie sich Freunde des Hotels nennen, die in verschiedener Form an dem Projekt mitarbeiten. Das Grandhotel steckt voller Baustellen: Die größte liegt im Untergeschoss, wo künftig eine Bürgergaststätte vegetarische Gerichte anbieten soll.

Café Grandhotel Cosmopolis
Treffpunkt für viele Nationen – das Café im Grandhotel Cosmopolis. Lisa Boettinger

Wenn Grenzen verschwimmen

Neun Doppelzimmer und ein Gemeinschaftsraum stehen Flüchtlingen wie Pouya – “Hotelgästen mit Asyl“ – zur Verfügung. Sie liegen in separaten Gängen, die vom Treppenhaus des Grandhotels abzweigen. Pouya stellt sich breitbeinig zwischen den schmalen Flur und das großzügige Treppenhaus des Hotels. “Hier verläuft die Grenze“, sagt er und formt mit seinen Handflächen eine Linie. Er lacht – denn wirkliche Grenzen gibt es im Grandhotel nicht. “Das Schöne ist, wenn hier einer die Treppe herunterläuft, kannst du nicht sagen, das ist ein Flüchtling, ein Gast, ein Hotelgast oder ein Besucher aus dem Café“, beschreibt Fliege den leitenden Gedanken des Projektes. Er sitzt unter einer großen Kastanie im Teegarten des Grandhotels. In der “Empfangshalle“, einem mit recycelten Möbeln bestückten Café, zeigen gleich fünf Uhren die Zeit an: In Lampedusa, Gaza, Dhadhaab, Manila und Port-au-Prince, den Heimatstädten vieler Flüchtlinge. Wie Pouya sind die meisten in Deutschland nur geduldet. Bis über ihren Aufenthaltsstatus entschieden wird, kann viel Zeit vergehen.

Pouyas Freund Farhad trieb das ewige Warten und Nichtstun fast in den Wahnsinn. In Afghanistan ist er ein bekannter Pop-Musiker. In dem kleinen Zimmer einer gängigen Flüchtlingsunterkunft, das er sich mit sechs anderen Menschen teilte, konnte er nicht mehr üben. “Ich wurde verrückt, ich wollte etwas tun, arbeiten“, sagt der 33-Jährige. Eine Flüchtlingsberaterin der Diakonie Augsburg schickte ihn zum Grandhotel, wo er zunächst musizieren und beim Aufbau mitarbeiten konnte. Farhad drohte die Abschiebung nach Afghanistan. Mit anderen Hoteliers zog er tagelang durch die Augsburger Fußgängerzone, um Unterschriften für eine Petition zu sammeln. 3000 Bürger unterzeichneten, darunter auch der Bürgermeister. “So viele Leute im Grandhotel haben für mich gearbeitet und mir geholfen. Hier fühle ich mich respektiert“, sagt Farhad.

Wie Pouya gibt ihm das Grandhotel vor allem eines: Das Gefühl, gebraucht zu werden. Pouya übersetzt für andere Flüchtlinge in fünf Sprachen, damit sie mit der Ausländerbehörde kommunizieren können. Der gelernte Krankenpfleger arbeitet gerne mit Menschen. Derzeit entwickelt er verschiedene Theaterprojekte mit Kindern in Augsburg – als Regisseur, Schauspieler und Musiker. Auf seinem Harmonium spielt er dann deutsche Kinderlieder.

Text und Fotos: Lisa Boettinger