13.01.2012
Berufsausbildung: Topleistungen im Rollstuhl
Für den Leistungssport trainieren und gleichzeitig eine Ausbildung machen? Na klar! Im Berufsbildungszentrum in Rummelsberg bei Nürnberg ist dazu ein Projekt für junge Menschen mit Behinderung gestartet.
„Wo ist die Abwehr - komm, hopp, hoch die Hände!“ Uli Nüßlein, Sportlehrer am Berufsbildungswerk Rummelsberg, feuert seine beiden Schützlinge im Rollstuhl an. Beim Basketballtraining in der kleinen Sporthalle in Rummelsberg zeigen die 21-jährigen Felix Kraus und Johannes Waltinger, was sie gelernt haben. Gerade startet Johannes einen Angriff. Wendig rangiert er seinen Rollstuhl in die richtige Position, fängt den Ball und wirft. Treffer!
Johannes freut sich, doch ein Korb ab und zu ist ihm nicht genug. Er hat Größeres vor. Er trainiere zurzeit bei Würzburg in einem Team der Zweiten Bundesliga mit. „Das Niveau habe ich noch nicht ganz. Da muss ich noch an mir arbeiten“, sagt er. „An sich arbeiten“ heißt Einzeltraining mit Sportlehrer Nüßlein. Jeden Tag und das neben der Ausbildung.
Nüßlein weiß, worauf es dabei ankommt: „Was die Jungs hier machen, ist Leistungssport, und da braucht man eine sehr gute Grundlagenausdauer. In zwei, drei Monaten habe ich sie so weit. Im Advent können wir dann so richtig reinhauen“, freut sich der Trainer.
Johannes Waltinger will Elektroniker werden, Felix Kraus macht eine Ausbildung zur Bürokraft im zweiten Lehrjahr. Der Unterfranke spielt Basketball, seit er sechs Jahre alt ist. Mit Haßfurt hat Felix es bis in die Bayernliga geschafft. Dieses Niveau will er halten. Im ersten Ausbildungsjahr ist ihm das schwer gefallen.
Es war zu anstrengend, Ausbildung und Basketball am Wochenende unter einen Hut zu bekommen. Jetzt trainiert er ausschließlich in Rummelsberg während der Schulzeit: „Im Moment habe ich meinen Basketballstuhl hier stehen und nicht in Haßfurt. Nach 1,5 Stunden Heimfahrt am Freitag bin ich oft so müde, dass ich sofort schlafen gehe.“
Dass Felix das Basketballspielen trotz seiner Ausbildung nicht aufgeben muss, geht auf eine Initiative von Dietmar Kleinert vom Berufsbildungswerk Rummelsberg zurück. Der Berufsschulleiter stellt Felix und Johannes jeden Tag für zwei Stunden vom Unterricht frei.
„Ich hab immer wieder mitbekommen, dass junge Leute während der Regelschulzeit Sport treiben können. Danach gibt es den Bruch, wenn sie in die Ausbildung kommen. Das hat mich schon immer gestört.“ Im Berufsbildungswerk haben Leistungssportler nun die Möglichkeit, Ausbildung und Sport miteinander zu verbinden. Die Arbeitsagentur sowie der Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Bayern tragen das Projekt mit.
Felix und Johannes leiden beide an Spina bifida - eine angeborene Fehlbildung der Wirbelsäule. Sie verfügen aber über ganz unterschiedliche Restfunktionen, die trainiert werden können. Während Johannes seine Beine bewegen kann, ist Felix ab der Hüfte gelähmt. „Johannes ist eher der athletische Typ, der seine Muskeln noch einsetzen kann. Felix macht diesen Vorteil häufig durch seine Fahrtechnik wett. So liefern sich die zwei immer große Kämpfe“, analysiert Nüßlein.
Derzeit sind Johannes und Felix die Einzigen, die im Rahmen des Projekts trainieren. In Zukunft will Berufsschulleiter Kleinert das Programm ausweiten. „Wir würden uns wünschen, dass wir auch andere Sportarten anbieten können, damit wir ein Leistungszentrum für den Behindertensport in Bayern werden“, sagt er.
Was der Berufsschulleiter beim offenen Training beobachtet, stimmt ihn zuversichtlich. Wieder greift Johannes an, setzt an, wirft - und vorbei. Das ärgert den 21-Jährigen, spornt ihn aber auch an. Er will unbedingt schon bald in der Zweiten Bundesliga spielen. Ein Ziel, das in greifbare Nähe gerückt ist: „Meine Wurftechnik hat sich extrem verbessert, seit ich hier trainiere.“
Text: epd/Annette Link
Foto: epd-Bild/ Robert Sauerbeck

