14.09.2011
Mediensucht: „Wichtig ist, dass die Ahnungslosigkeit der Eltern ein Ende hat“
Berlin (DWEKD/Claudia Biehahn) - Um „Hinschauen und Handeln – Hilfe für Mediensüchtige“ geht es auf der 4. Berliner Mediensucht-Konferenz, die am 16. und 17. September stattfindet. Welche Hilfsangebote es für Betroffene und ihre Angehörigen gibt, erläutert im Interview mit diakonie.de Dr. Theo Wessel, Geschäftsführer des Gesamtverbands für Suchtkrankenhilfe (GVS) im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland.
„Hinschauen und Handeln – Hilfe für Mediensüchtige“ ist das Thema der diesjährigen Mediensucht-Konferenz. Wo ist der größte Handlungsbedarf?
Dr. Theo Wessel: Damit den Betroffenen wirksam geholfen werden kann, müssen die verschiedenen Hilfebereiche wie Jugend- und Erziehungshilfe oder Schule gut miteinander verknüpft werden. An den Schnittstellen zwischen den Hilfebereichen sind manche Zuständigkeiten noch offen. Das muss sich ändern. Ein anderes Problem ist, dass die Finanzierung vieler Angebote nicht geklärt ist, weil das Phänomen Mediensucht noch nicht als Krankheit anerkannt ist. Es fehlt eine anerkannte Diagnose der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Ein dritter wichtiger Punkt ist, dass der Jugendschutz ernster genommen werden muss. Online-Rollenspiele wie World of Warcraft haben eine Altersfreigabe ab 12 Jahren. Das geht nicht. Hier ist der Gesetzgeber gefragt, er muss die Altersfreigaben heraufsetzen.
Welche Projekte oder Programme gegen Mediensucht sind beispielhaft?
Wessel: Das erste und älteste Angebot zu diesem Thema ist das diakonische Kompetenzzentrum für exzessive Mediennutzung und Medienabhängigkeit in Schwerin. Daneben gibt es zum Beispiel Update in Bonn, eine gemeinsames Projekt von Caritas und Diakonie, und ein gleichnamiges Projekt des Blauen Kreuzes in der Evangelischen Kirche. Oder RealLife in Kassel, das neben der Beratung von Mediensüchtigen auch Elternschulungen anbietet. Eine wichtige Einrichtung ist außerdem in Hannover die Fachstelle für exzessiven Medienkonsum return und für stationäre Behandlungen das Fachkrankenhaus Nordfriesland.
Wie sind die Hilfsangebote und Maßnahmen im Bereich Mediensucht finanziert? Was übernimmt die Krankenkasse?
Wessel: Die meisten Angebote kommen von Suchtberatungsstellen und diese werden überwiegend aus kommunalen Mitteln, teilweise auch aus Landesmitteln und aus Eigenmitteln der Träger finanziert. Die Beratung dort ist für die Hilfesuchenden kostenlos. Die Rentenversicherung übernimmt die Kosten für ambulante und teil(stationäre) Rehabilitationsmaßnahmen. Da es die Diagnose Medien- oder Onlinesucht bislang noch nicht gibt, erfolgt die Behandlung unter dem Stichwort „Impulskontrollstörung“. Die Krankenkasse wiederum bezahlt Psychotherapien bei niedergelassenen Psychotherapeuten. Es gibt einige, die sich auf das Thema spezialisiert haben.
An welche Beratungsstellen in Diakonie und Kirche können sich Betroffene wenden? Gibt es spezialisierte Einrichtungen?
Wessel: Betroffene und ihre Angehörigen können sich sowohl an die ambulanten Fachstellen für Sucht wenden als auch an die Erziehungs- und Lebensberatungsstellen von Diakonie und Kirche. Es gibt das Beratungsportal www.evangelische-beratung.info. Dort kann man nach Postleitzahlen eine Beratungsstelle in der Nähe suchen und sehen, ob sie zum Beispiel auf Medien oder Onlinesucht spezialisiert ist. Zum Teil bieten Beratungsstellen auch E-Mail-Beratung an. Daneben verweisen Beratungsstellen die Betroffenen bei Bedarf weiter, an ambulante Einrichtungen wie das erwähnte Kompetenzzentrum für exzessive Mediennutzung in Schwerin oder zur stationären Behandlung an spezialisierte Einrichtungen wie das genannte Fachkrankenhaus Nordfriesland.
Wie kann verhindert werden, dass sich eine Mediensucht entwickelt? Worauf sollten Eltern achten, damit es gar nicht erst so weit kommt?
Wessel: Wichtig ist der allgemeine präventive Ansatz, also Kinder so stark zu machen, dass sie sich nicht in den Sog von Handys und Internet hineinziehen lassen. Kinder müssen heute einen verantwortungsvollen Umgang mit den Medien lernen, auch in der Schule. Das Stichwort heißt Medienkompetenz. Dazu hat die Stadt Berlin mit jugendnetz-berlin.de einen beispielhaften Masterplan entwickelt. Aber es ist auch unbedingt nötig, dass Eltern selbst lernen, mit dem Computer umzugehen, Nutzungsbeschränkungen einzurichten und zum Beispiel nicht einfach die Administratorenrechte ihren Kindern überlassen. Eltern sollten ihren Kindern klare Regeln geben und diese kontrollieren. Kommen sie selbst nicht damit klar, können sie sich Hilfe holen. Bei technischen Fragen können sie sich an IT-Fachleute wenden. Wenn sie unsicher sind, ob ihr Kind gefährdet ist, können sie sich an eine Erziehungs- oder Suchtberatungsstelle wenden. Wichtig ist, dass die Ahnungslosigkeit der Eltern ein Ende hat.
Anzeichen für eine problematische Mediennutzung:
Wenn Sie bei Ihrem Kind diese Anzeichen beobachten, sollten Sie sich Hilfe in einer Beratungsstelle suchen.
Die Mediennutzer ...
- verbringen viel Zeit am PC (mehr als 20 Stunden pro Woche)
- sind in Gedanken meistens in der virtuellen Welt
- vergessen darüber ihre Pflichten und Aufgaben (Schule, Arbeitsplatz)
- machen weiter, auch wenn negative Konsequenzen spürbar sind, wie Probleme in der Schule oder im Beruf
- isolieren sich von der Familie und den Freunden
- vernachlässigen lebenswichtige Dinge wie Essen oder auch die Körperpflege
- werden sehr ärgerlich, wenn Eltern die Nutzung des Computers einschränken wollen
Weitere Informationen:
www.mediensucht-konferenz.de
www.sucht.org

