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17.01.2012

Krisendienst-Horizont-Endrass-128-95

Krisendienst bei Suizidgefahr: Zeit gewinnen und Brücken bauen

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Etwa 10.000 Menschen nehmen sich jedes Jahr in Deutschland das Leben. Suizidgefährdeten und ihren Angehörigen bietet „Horizont“ in Regensburg professionelle, aber unbürokratische Hilfe an. Diakonie und Caritas haben den Krisendienst vor fast 25 Jahren ins Leben gerufen.

Noch am Frühstückstisch hatte Roswitha K.* mit ihrem Mann den Herbsturlaub geplant, eine Fahrradtour entlang der Mosel. „Mehr war nicht drin, aber er wollte mal raus, einfach was Anderes sehen, anstatt immer nur zu Hause sitzen und Bewerbungsschreiben verfassen. Und er hat sich richtig darauf gefreut“, erzählt Roswitha K. Ein halbes Jahr zuvor hatte der Werbetexter seine Stelle verloren, nachdem die Firma ihm wegen Konkurs gekündigt hatte. Am frühen Morgen des Abreisetages brach der sportliche 49-Jährige zu seiner üblichen Joggingrunde auf – und kehrte nicht mehr zurück. Er hatte sich vor einen Zug geworfen.  

„Ich konnte das nicht fassen. Ich hatte überhaupt kein Selbstwertgefühl mehr und habe die Schuld ständig bei mir gesucht“, sagt Roswitha K. Sie geriet in immer tiefere Depressionen. „Ich wollte mir auch das Leben nehmen. Der Gedanke daran ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wie stelle ich das an? Wann ist die beste Zeit, damit mich niemand vorher findet? Alles in meinem Innern drehte sich nur noch um dieses Thema“, erinnert sich Roswitha K. Freunde sorgten dafür, dass sie schnell in psychotherapeutische Behandlung kam. Heute, zwei Jahre später, sieht sie die damalige Situation mit anderen Augen: „Ich bin für den Tod meines Mannes nicht verantwortlich. Er war sehr leistungsorientiert. Die Arbeit bedeutete ihm alles. Nach seiner Kündigung fühlte er sich mit einem Mal als Versager. Ich glaube, er konnte es auch nicht verkraften, dass er finanziell nun schlechter dastand als ich.“  

Viele Ratsuchende sind Angehörige von Suizidanten  

„Wer einen Angehörigen durch Suizid verloren hat, ist überproportional häufig selbst suizidgefährdet“, sagt Antje Lange, die Leiterin des Regensburger Krisendiensts „Horizont“. Etwa 40 Prozent der Klienten sind Angehörige. Für sie bietet der Krisendienst eine eigene Gruppe an, in der sie Unterstützung und Entlastung finden können. Vorrangiges Ziel der Einrichtung ist es jedoch, suizidgefährdete Menschen davon abzuhalten, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. „Solche Gedanken dürfen sich gar nicht erst festsetzen“, sagt Antje Lange.  

Eine Krise duldet keinen Aufschub  

Der Krisendienst Horizont wurde 1987 in Regensburg gegründet. Dort war damals die Suizidrate besonders hoch. Über die Gründe rätseln Experten noch heute. Die Leitungen der Telefonseelsorge liefen heiß, doch die ehrenamtlichen Mitarbeiter fühlten sich oft  nicht fähig, auf die Suizidabsichten der Hilfesuchenden einzugehen. So entschlossen sich Diakonie und Caritas, ein Modellprojekt ins Leben zu rufen, den Krisendienst „Horizont“. Im Gegensatz zu den meisten anderen Beratungsstellen arbeiten hier nur psychologisch geschulte Fachleute. Eine weitere Besonderheit: Während man bei anderen Einrichtungen sowie bei Psychotherapeuten monatelang auf einen Termin warten muss, genügt ein Anruf bei der Horizont-Hotline 09 41- 5 81 81. Meist ist noch am selben Tag ein persönliches Gespräch möglich. „In der Krise kann man keinen Aufschub dulden“, sagt Antje Lange. Sogar am Wochenende und an Feiertagen steht ein Bereitschaftsdienst zur Verfügung. Die Gespräche sind kostenfrei und werden aus kirchlichen und öffentlichen Mitteln finanziert. Doch die Beratungsstelle kann nur deshalb so schnell eingreifen, weil sie sich ausschließlich um Akutfälle kümmert. Sobald sich die Krise stabilisiert hat, werden die Betroffenen – falls nötig – an Psychotherapeuten weitervermittelt.  

Auch Krisen haben ihr Gutes  

Krisen treffen jeden im Leben. Auch suizidale Krisen in außergewöhnlich belastenden Situationen sind keine Seltenheit. „Aber das Schöne an der Krise ist, dass sich auch alles wieder zum Guten wenden kann“, sagt Antje Lange. „Horizont“ setzt in solchen Fällen auf Gespräche. Es gehe weder darum, die Situation des Betroffenen zu dramatisieren noch zu bagatellisieren. „Wir stehen mit dem anderen am Abgrund und versuchen, ihm die Hand zu reichen.“ Wichtig sei, den akuten Krisenzustand zu überbrücken – manchmal nur bis zum nächsten Tag. „Wenn man Zeit gewinnt, öffnen sich Türen und der Betroffene erkennt Chancen, die er am Tag zuvor noch nicht sah“, sagt Lange. Der Krisendienst Horizont hat sich bewährt. Heute sind die Suizidzahlen in Regensburg stark zurückgegangen. Hätte Roswitha K. damals einen Krisendienst wie Horizont in Anspruch genommen, wenn sie von dessen Existenz gewusst hätte? „Ja, ich denke schon. Ich war so verzweifelt, dass ich danach gegriffen hätte wie ein Ertrinkender nach einem Strohhalm.“  

*Name von der Redaktion geändert  

Text und Foto: Elke Endraß

Weitere Informationen:
Informationen zum Krisendienst „Horizont“
www.suizidpraevention-deutschland.de

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