14.12.2011
Kinder-Treff: Als letzter Zivi im Hafen 17 in Kassel
Ein weiteres preisverdächtiges Projekt der Diakonie hat es unter die 100 Finalisten beim Startsocial-Wettbewerb geschafft: Hafen 17. Das spendenfinanzierte Projekt des Diakonischen Werks Kassel ist jeden Mittag Treffpunkt von etwa 30 Grundschulkindern, um gemeinsam zu essen, zu spielen und zu lernen. Die von Armut betroffenen Kinder werden von einer Sozialpädagogin, einer Hauswirtschafterin und vielen freiwillig Engagierten begleitet, darunter Niklas Werner (20). Für diakonie.de erzählt er von seinen Erfahrungen als letzter Zivildienstleistender im Hafen 17.
Dass man besondere Ereignisse oft lange in Erinnerung behält und mit Freude daran zurückdenkt, ist kein Geheimnis. Doch was sind heute besondere Ereignisse für ein Kind? Nintendo, Gameboy und Playstation gehören zwar fest zum Alltag, können aber wahres Erleben nicht ersetzen. Setzlinge, Knospen und sogar die Tatsache, dass Erdbeeren an Pflanzen wachsen, sind Begriffe und Gegebenheiten, die in Teilen unserer Gesellschaft fast wie ein Geheimnis wirken.
Vieles gilt es neu zu entdecken. Als die Jungsgruppe des Hafen 17 zum Schlittenfahren aufbrach, war nur einer guten Mutes: der Jugendarbeiter. Die Kinder, vor allem diejenigen, die sonst das große Ramba Zamba vorgaben, waren auf einmal sehr ruhig. Kaum einer traute sich, den kleinen Berg ohne zu bremsen hinunterzufahren. Kaum einer war bisher auch nur einmal Schlitten gefahren.
Fischen will gelernt sein
Schon mutiger waren die Kinder dann bei einem Ausflug an das Fuldaufer während des Osterferienprogramms. Gleich nach der Ankunft war klar: Die Kinder wollen ein Lagerfeuer machen. Also wurde Teig angerührt und am Feuer Stockbrot gebacken. Als die Kinder eine alte abgerissene Laube entdeckten, machten sich alle an die Arbeit, um aus den Überresten eine neue kleine Hütte zu bauen. Die Begeisterung, mit Hammer und Nägeln etwas selbst zu gestalten, hatte die Kinder schnell erfasst.
Mit ein paar Stöcken, altem Draht und Stockbrotresten versuchten die Kinder anschließend, in der Fulda Fische zu angeln. Einer der Jungs erzählte mir, dass sie seitdem öfter auch allein an ihre Angelstelle gehen, um ihr Glück beim Fischen zu versuchen. Obwohl bisher noch kein Fisch angebissen hat.
Meine Zeit als Zivi und zu mir selbst
Als ich mich während des Abiturs um eine Zivistelle bemühte, war für mich selber schnell klar, dass diese in Kassel sein sollte und möglichst in einer christlichen Einrichtung. Ich bewarb mich beim Diakonischen Werk im Projekt Hafen 17, einem offenen Jugendzentrum für Grundschulkinder in der Kasseler Unterneustadt. Für neun Monate – von September 2010 bis Mai 2011 – war ich dort Zivildienstleistender.
Ich habe viel aus dieser Zeit mitgenommen. Vor allem bei der Arbeit mit Kindern ist mir oft vor Augen geführt worden, wie viele kleine Dinge einen ganzen Tag schöner machen können: ein Buch vorlesen, ein Spiel spielen, Hilfe bei den Hausaufgaben oder das Reden über den Schultag – ganz einfache, aber wichtige Dinge, die im Alltag leider oft verloren gehen.
Was ist der richtige Weg für mich?
Als Zivi machte ich mir oft Gedanken, ob ich wirklich meinem Wunschberuf Lehrer nachkommen möchte. Nach meinem Zivildienst dann schloss ich diesen Beruf für mich ganz persönlich aus, da ich Angst hatte nicht frustrationsresistent genug zu sein. Denn das hatte mich meine Arbeit gerade bei den Hausaufgaben gelehrt: Man muss motiviert sein, um wirkliche Hilfe geben zu können. Man muss selber überzeugt sein, um andere zu überzeugen und etwas auch zum sechsten Mal ruhig zu erklären. Und vor allem muss man es akzeptieren und verarbeiten können, wenn Hilfe nicht gelingt, denn gerade das gehört auch dazu und passiert leider viel zu oft.
Ich entschloss mich also für das Studium der „Populären Musik und Medien“ an der Universität Paderborn, da ich als Vollbluthobbymusiker davon ausging, dass das der richtige Weg für mich sei. Nach nun gerade einmal zwei Monaten als Student habe ich für mich erkannt, dass dies der falsche Weg war. Das Studium ist sehr wissenschaftlich aufgebaut und es nimmt mir den Spaß am Eigentlichen: dem Musizieren an sich.
„Die Tragfähigkeit dieser Zeit wird mir erst jetzt bewusst“
Ich ziehe für mich selbst erst jetzt den Schluss, dass die schönen Erlebnisse aus meiner Zeit als Zivi den weniger schönen in ihrer Stärke und Erinnerung überwiegen. Ich werde mich nächstes Semester nun doch für den Studiengang Lehramt an Haupt- und Realschulen mit den Fächern Deutsch und Religion bewerben.
Ich bin froh und dankbar, dass ich diese Erfahrungen als einer der letzten Zivis der Bundesrepublik und als der letzte Zivi im Hafen 17 machen durfte, auch wenn mir die Tragfähigkeit dieser Zeit erst jetzt in ihrer Gänze bewusst wird. Ich glaube, Zivildienstleistende fehlen nicht nur in den sozialen Einrichtungen in Deutschland, sondern auch den Menschen, die Zivildienstleistende hätten werden können. Ihnen wird der Erfahrungsreichtum, den ich erleben durfte und mitnehme, nicht ermöglicht.
Text: Niklas Werner
Foto: Diakonie Kassel/Anna Lena Schott
Weitere Informationen:
Informationen zu Hafen 17 in Kassel
Informationen zum Wettbewerb Startsocial
Niklas Werner ist Mitglied der Band Pythagoras, die dieses Jahr für den deutschen Pop-Preis nominiert ist und vor kurzem für den Hafen 17 das Benefizkonzert „Die Kirche rockt“ veranstaltet hat: www.pythagorasmusic.de
Ein weiteres Projekt der Diakonie, das bei Startsocial nominiert ist: Ehrenamtlicher Besuchsdienst für psychisch erkrankte Menschen

