31.01.2012
Kältebus: „Sie sollen spüren, dass sie nicht vergessen sind“
Die vergangenen Tage und Nächte waren eisig. Eine wichtige Aufgabe erfüllen in einigen deutschen Städten die Kältebusse. Sie bieten „Schutz vor dem Erfrieren und auf lange Sicht Wege aus der Wohnungslosigkeit“, wie Ortrud Wohlwend, Öffentlichkeitsreferentin der Berliner Stadtmission, im Gespräch mit diakonie.de erläutert.
Merken Sie den Wintereinbruch im Kältebus der Berliner Stadtmission?
Ortrud Wohlwend: Der Kältebus nimmt zurzeit nicht mehr Menschen mit als sonst. Im Schnitt kommen wir mit 20 bis 30 Personen pro Nacht in Kontakt, bringen sie zu Notübernachtungen oder trinken eine heiße Tasse Tee mit ihnen. Viele schlafen aber schon seit 20 Jahren draußen und sind gerüstet für Extremtemperaturen. Einen deutlichen Zuwachs stellen wir allerdings bei der zentralen Notübernachtung der Stadtmission in der Lehrter Straße fest. Die ist für 60 Personen ausgelegt. Bereits seit Jahren liegt die Auslastung bei 120 bis 130 jede Nacht. Inzwischen schlafen mehr als doppelt so viele Menschen bei uns, am 18. Januar waren es sogar 200. Dies bedeutet für uns eine logistische Herausforderung, weil die Menschen bei uns auch essen und trinken, Wäsche waschen, Hygieneartikel und medizinische Versorgung brauchen und natürlich auch menschliche Zuwendung.
Ist es nicht eigentlich gut, wenn mehr Menschen zu Ihnen kommen und Hilfe suchen?
Wohlwend: Im Grunde ist es ein gutes Zeichen, weil jeder, der kommt, uns mit diesem Schritt zeigt, dass er oder sie weiter leben will. Wir fragen uns aber, wohin das führt. Bereits im vergangenen Jahr haben wir gesagt, bei 150 ist Schluss, jetzt sind es 200 Menschen. Wir stoßen an unsere Grenzen, machen es aber auch dank vieler Freiwilliger möglich, weil wir niemanden abweisen wollen. Bisher werden die 60 Plätze vom Bezirksamt Berlin-Mitte finanziert, aber dies reicht nun nicht mehr aus. Wir sind dringend auf Spenden angewiesen.
Warum sind die Zahlen in der Notübernachtung gestiegen?
Wohlwend: Der Anstieg hängt mit der hohen Qualität der Kältenothilfe hier in Berlin zusammen, vor allem der menschlichen Zuwendung, die uns bei der Stadtmission sehr wichtig ist. Genau dies ist aber ein zweischneidiges Schwert: Wir freuen uns über jeden, der kommt, weil wir wollen, dass die Menschen überleben und sie sich um sich sorgen, indem sie unser Hilfsangebot annehmen. Andererseits haben wir zu wenig Platz und versuchen zwar, uns um die Hilfesuchenden kümmern, brauchen aber mehr Unterstützung.
Wie erreichen Sie diejenigen, die nicht mehr aus eigener Kraft eine Kälte-Notübernachtung aufsuchen können, aber auch nichts vom Kältebus wissen?
Wohlwend: Es gibt zum Glück sehr aufmerksame Bürger, die den Kältebus auf seiner Mobilnummer anrufen, wenn sie einen Menschen ohne Obdach entdecken. Der Kältebus fährt dann dorthin und kümmert sich, auch wenn es nur für eine Tasse Tee ist, weil nicht alle mit in eine Unterkunft wollen. Es ist wichtig, dass die Menschen draußen spüren, dass sie nicht vergessen sind. Wir erleben es immer wieder, dass jemand sich wiederholt weigert mitzufahren und dann irgendwann doch einsteigt.
Warum schlafen Menschen lieber auf der Straße als unter einem warmen Dach?
Wohlwend: Die Gründe dafür sind sehr vielschichtig. Häufig haben sie Niederlagen erlebt, sich von der Gesellschaft abgewendet und fürchten, dass sie es nicht schaffen, in einer Unterkunft zu leben. Sie haben Angst, dann wieder eine Niederlage verkraften zu müssen. Dabei sind wir genau dafür da. Wir bieten den Menschen auf der Straße in dem Moment Schutz vor dem Erfrieren und zeigen ihnen auf lange Sicht Wege aus der Wohnungslosigkeit.
Interview: Diakonie/Ulrike Pape
Foto: epd-bild/Zöllner
Weitere Informationen zum Kältebus der Berliner Stadtmission:
www.kaeltehilfe.de
Ganz einfach ist das Spenden für die Kältehilfe per Mobiltelefon: Senden Sie kalt per SMS an 81190 und unterstützen Sie die Kältehilfe der Berliner Stadtmission mit 5 Euro. Eine SMS kostet 5 Euro zzgl. Versandkosten. 4,83 Euro gehen direkt in die Arbeit der Kältehilfe.
Reportage über den Kältebus der Diakonie in Frankfurt auf diakonie.de

